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Natürlich sollte man nicht über das Opfer eines Raubüberfalles lachen. Auch dann nicht, wenn es Dieter Bohlen ist. Andererseits: Da wird der Mann mit der größten Klappe Deutschlands in seiner teuren Villa überfallen und um 60.000 Euro beraubt, die "zufällig" herumliegen. Es hätten einfach ein paar Anschaffungen bevorgestanden, erzählt Bohlen dem TV-Sender RTL, quasi wenige Minuten nachdem die Täter geflüchtet sind.

"Schon mal an Überweisungen gedacht?", ätzt Stefan Raab bereits am Tag darauf in seiner TV-Show. Und lässt genüsslich das Überwachungsvideo aus Bohlens Villa zeigen, auf dem der Musikproduzent bei der Flucht zu sehen ist. Natürlich sollte man nicht darüber lachen. Und doch wurde Stefan Raabs TV-Beitrag auf der Internetplattform YouTube bis Mitte Januar bereits knapp 45.000 Mal abgerufen.

Das Gefühl, das sich da in einem ausbreitet, das manchmal ein schlechtes Gewissen hinterlässt, heißt Schadenfreude. Es ist die Lust an fremdem Unglück – und viel mehr als nur eine kleine, gerade noch akzeptierte Bösartigkeit. Schadenfreude ist die kleine Schwester der Niedertracht, sie ist verwandt mit dem Neid und wird gespeist von dem Minderwertigkeitsgefühl. Sie ist evolutionär betrachtet überlebensnotwendig, weil sie das Gruppenrudel vor Einzelschmarotzern schützt, sagen einige Experten. Und sie ist ein gut funktionierender Sich- Vergewisserungs-Kitt in einer sozialen Gemeinschaft. "Seht her, der macht es falsch." Heißt übersetzt: "Seht her, wir machen es also richtig." Wer im Bus brav eine Fahrkarte gelöst hat, genießt die Genugtuung, wenn jemand vom Kontrolleur erwischt wird, der es nicht nötig hatte, für die Fahrt wie alle anderen zu zahlen. Mangels Befugnis hätte man ihn nicht selbst bestrafen dürfen, somit wird es als ausgleichende Gerechtigkeit empfunden, dass jemand anders es erledigt.

"Guten Abend. Heute Nachmittag habe ich in diesem Raum, in diesem Zimmer vor dem Büro des Sonderermittlers und der Anklagekammer ausgesagt. Ich habe ihre Fragen wahrheitsgemäß beantwortet, darunter Fragen über mein Privatleben, Fragen, die kein amerikanischer Bürger jemals beantworten wollen würde. Dennoch muss ich die volle Verantwortung für mein gesamtes Verhalten übernehmen. Und deshalb spreche ich heute Abend zu Ihnen. Wie Sie wissen, wurde ich im Januar unter Eid über meine Beziehung zu Monica Lewinsky befragt. Zwar waren meine Antworten juristisch korrekt, ich habe aber dennoch nicht freiwillig alles gesagt. Ich hatte in der Tat eine Beziehung zu Frau Lewinsky, die unangemessen war. Sie war genau genommen falsch. Dies war eine schwere Fehleinschätzung meinerseits."
(Bill Clinton am 17. August 1998)

Schadenfreude setzt einiges voraus. "Das belachte Objekt muss Überlegenheit ausstrahlen, sonst wäre es Häme", sagt die Psychologin Brigitte Boothe von der Universität Zürich. "Und der Schaden muss von begrenztem Ausmaß sein. Wäre Clinton über seine Sexaffäre gestürzt, hätte sich zumindest ein Teil der Schadenfrohen mitleidig abgewendet." Der Grat zwischen "Hihi" und "Oh, der Arme!" verläuft – politisch gesehen – genau zwischen Bill Clinton und Rudolf Scharping. Über den ehemaligen Verteidigungsminister, der erst baden ging und sich dann PR-gesponserte Krawatten umband, lachen heute weniger Menschen als über Clinton. "Es gibt viele, vor allem Frauen, die aufgrund seines Pechs eher Mitleid mit ihm haben", sagt Boothe. "Würde ihm jetzt noch die Ehefrau weglaufen, wäre das Maß übervoll."

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Forscher von der Universität London haben mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie, fMRT, jene Hirnregion entdeckt, die aktiv wird, wenn sich Schadenfreude einstellt.

In einem Experiment sollten Männer und Frauen Geldbeträge miteinander tauschen. Die Versuchspersonen wussten nicht, dass unter ihnen vier Schauspieler saßen, deren Aufgabe es war, entweder besonders kooperativ zu spielen (was vom Spielleiter belohnt wurde) oder besonders bösartig. Danach wurde die Hirnaktivität der Probanden aufgezeichnet, während die Schauspieler vermeintlich mit Elektroschocks bestraft wurden. Bekamen die Fairen Senge, zeigten die Mitspieler Mitgefühl. Der Teil des Gehirns, der signalisiert, wie unangenehm man Schmerz emotional empfindet, wurde aktiv. Wurden die unfairen Schauspieler bestraft, regte sich stattdessen vor allem bei den Männern jener Bereich, der immer dann angesprochen wird, wenn es um Essen, Sex, Drogen, kurz: Belohnung geht. Männer sind mit sich und der Welt zufrieden, wenn bösartige Rudelmitglieder von der Gemeinschaft bestraft werden.

Forscher untersuchen derzeit, ob Frauen tatsächlich weniger Schadenfreude empfinden – oder ob die Bestrafung nur subtiler als mit Elektroschocks hätte sein müssen. Auf jeden Fall ist es egal, ob das Schadensopfer ein hyperaktiver Überflieger ist oder ein Otto-Normalverbraucher-Phlegma besitzt, vermutet Nancy Brigham vom Psychologischen Institut der Universität von Kentucky. Schadenfreude entsteht immer dann, wenn einem Beneidenswerten scheinbar unerwartetes Unglück widerfährt.

B.Z.: Wie geht es Ihnen, Frau Gsell?
Tatjana: Ich habe einen Schock.
B.Z.: Warum?
Tatjana: Es tut sehr weh, was ich da über mich lesen muss. So negativ, so böse.
B.Z.: Aber Sie sind jetzt ein TV-Star …
Tatjana: Kein Geld der Welt ist diese Demontage wert.
Foffi: Der Sender hätte diese fiesen Szenen, in denen Tatjana fertiggemacht wird, weil sie beim Essen die Ellenbogen aufstützt, wirklich rausschneiden können. Wissen Sie, wie viele gut situierte Menschen ich kenne, die das tun?
B.Z.: Was jetzt bleibt, ist aber der Eindruck: Peinlich, die beiden!
Foffi: Logisch. Es ist genau das Gegenteil von dem eingetreten, was wir wollten.
("B.Z."-Interview mit Tatjana Gsell und Ferfried Prinz von Hohenzollern nach ihrer Doku-Soap im Mai 2006)

"Schadenfreude ist in der psychoanalytischen Theorie neben der Vorfreude das einzige Gefühl, das unmittelbare Entspannung gibt", sagt Boothe. "Das funktioniert ohne jeden weiteren Energieaufwand. Manchmal reicht es, nur ein Interview zu lesen, in dem etwas steht, über das man sich erheben kann. Das ist dann wie ein Geschenk des Schicksals, und deswegen mögen sich so wenige Menschen von der Schadenfreude lösen."

Schadenfreude ist ein gesellschaftlicher Gleichmacher. Mit ihrer Hilfe können sich auch sozial Schwächere wenigstens für einen Augenblick auf einem Niveau mit den vermeintlich Besseren, Stärkeren, Schöneren fühlen. In der Zeichentrickserie Die Simpsons gibt es die Figur des Nelson Muntz. Er ist ein dicker, hässlicher Junge, zu dessen Lieblingstätigkeiten es gehört, auf all jene, denen ein Missgeschick widerfährt, höhnisch mit dem Finger zu zeigen und dazu laut "Haha!" zu rufen. Ein kleiner Moment des Triumphes, den der vaterlose Sohn einer Alkoholikerin in fast jeder Folge genießen darf.

Das kollektive Lachen über eine Fehlleistung hatte vor allem im Mittelalter Konjunktur. Zu streng waren die kirchliche Inquisition und das Beäugen nachbarlichen Verhaltens. Der Teufel wurde "der Schadenfroh" genannt. Man stellte betrunkene Esel und Menschen auf die Kanzel. So standen sie buchstäblich über der Gemeinde. Wie sie sich dann vor der Menge lächerlich machten, verstärkte den Kontrast und somit den Witz zwischen "so hoch oben stehen" und "so tief unten reden". Bis der Klerus einen Riegel vorschob und die strenge Fastenzeit einführte: Sogar entsprechende Stellen in der Bibel ("Auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten standen voller Schadenfreude unter dem Kreuz und verhöhnten Jesus: ›Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen!‹") verbot er.

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Das Zeitalter der Lustlosigkeit begann. Und damit auch der Druck für die Leute, ihre Gefühle nur per Ventil zu entladen. Seither gedeiht die heimliche Schadenfreude vor allem dort, wo besonders strenge Etikette gefordert ist: in der Kirche, bei Hofe oder in der Schule. Es ist kein Zufall, dass der Spiegel die missverständliche Rede Papst Benedikts XVI. in Regensburg süffisant mit "Der Fehlbare" kommentierte.

Mit dem Topos "Dumme Lehrer – freche Schüler" wurde in den sich auflösenden autoritären Strukturen der 60er Jahre ein ganzes Filmgenre etabliert. In Filmen wie Die Lümmel aus der ersten Bank ging es immer darum, dass endlich die Autorität eins auf die Mütze bekam.

Kein Volk kann sich rühmen, von dieser Kleingeistigkeit ausgenommen zu sein. Jedoch gilt generell: Je totalitärer ein Regime, desto mehr schützt man den eigenen Nachbarn vor Gehässigkeit. "Das hat viel damit zu tun, dass man denjenigen, der am Boden liegt, nicht zusätzlich tritt", sagt Brigitte Boothe.

"Wir alle leben im Bewusstsein einer Fülle von Schwächen, die wir nicht zeigen dürfen", schreibt Peter von Matt, Germanist und Kunsthistoriker, in einem Aufsatz. "Und obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten, nehmen wir auch anderen ihre Selbstsicherheit ab. Daher erfahren wir das soziale Gesicht des anderen als eine Form der Überlegenheit."

Warum freuen wir uns, wenn ein Autofahrer, 200 Meter nachdem er uns rücksichtslos überholt hat, von der Polizei aufgehalten wird? Weil wir einen Eindruck (schnell und schneidig) mit einer Charakterisierung (Schnellsein, Schnittigsein) verwechselten und uns das bedrohlich erscheine, erklärt Psychologin Boothe.

"Meine Damen und Herren, ich hoffe, hier sind auch noch ein paar Freunde. (…)
Ich habe in meiner politischen und journalistischen Tätigkeit Menschen hart befragt, auch nach ihren politischen Fehlern. Nun muss ich akzeptieren, dass dieser Maßstab, auch wenn es privat ist, auch an mich angelegt wird. Deswegen klipp und klar, ohne Wenn und Aber: Ja, ich habe einen Fehler gemacht. (…) Meine Damen und Herren, liebe Freunde: Menschen machen Fehler. Auch ich habe Fehler gemacht, auch ich habe mich geirrt. Das soll nicht mein Verhalten relativieren oder gar verharmlosen. Ich sage es nur, weil ich erklären möchte, dass auch ich nur ein Mensch bin."
(Michel Friedman nach seiner Drogenaffäre am 8. Juli 2003)

Je politisch korrekter eine Gesellschaft sein will, desto verpönter ist es, sich über Strauchelnde zu erheben. Das sittliche Ideal verbietet, sich über seine Mitmenschen lustig zu machen. Also holt man sich für diesen kleinen schmutzigen Job Stellvertreter, die das erledigen. Zum Beispiel Harald Schmidt.

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Nach den korrekten 70er und 80er Jahren kam eine Gegenbewegung, die von Schmidt wesentlich mitbegründet wurde. Seine mediale Methode ist seit Beginn seiner Karriere die Schadenfreude. Stets nutzt er Kombattanten wie seinen mit Hang zum Sadismus ausgestatteten Gehilfen Herbert Feuerstein oder später seinen Produktionsleiter Manuel Andrack.

"Ich sehe einen Zusammenhang zwischen dem, was wir im Mittelalter an Schadenfreude hatten, und dem, was Harald Schmidt praktiziert", sagt der Berliner Kulturwissenschaftler Werner Röcke. "Der Zusammenhang besteht darin, dass wir uns heute wieder gestatten, andere Leute, sogar Prominente, öffentlich bloßzustellen, zu verspotten und diesen aggressiven Witz zu praktizieren, der ja unglaublich wehtut."

Aber auch TV-Sendungen wie Pleiten, Pech und Pannen oder Upps – die Pannenshow verzeichnen permanent hohe Einschaltquoten. Sie ermöglichen etwas, das man sich im realen Leben eigentlich nicht erlauben darf. In ihren Beiträgen fallen dicke Bräute in Sahnetorten, kippen Babys vom Hochstuhl oder werden Angler von ihrer Beute ins Wasser gezogen. Kindergeburtstagshumor. "Diese Art Witz verstehen schon Dreijährige", sagt Brigitte Boothe. "Man muss nicht nachdenken. Und endlich darf man darüber lachen, das wurde einem ja seit frühesten Kindertagen aberzogen." Kein Wunder, dass in einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag von ZEIT Wissen nur jeder Dritte zugab, kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er Schadenfreude empfindet.

Die Protagonisten dieser Sendungen sind Leute wie du und ich. Der für Schadenfreude nötige Neid entsteht dadurch, dass sie es ins Fernsehen "geschafft" haben. Wie der Esel auf die Kanzel.

Auch Stefan Raab nutzt diese neu gewachsene Political Incorrectness. Er fungiert als mediales Korrektiv für eine zunehmende Mediengeilheit. Wer an die Öffentlichkeit drängt, muss damit rechnen, dafür bezahlen zu müssen. Ein junges Mädchen, das um jeden Preis in die Medien kommen möchte, wird von Raab stellvertretend für alle, die auf sie neidisch sind, durch den Kakao gezogen. Es reicht, dass er nur ihren Namen ausspricht: Lisa Loch. Und das Publikum empfindet Genugtuung und denkt sich: "Das kommt davon, wenn man unbedingt ins Fernsehen möchte."

Raab geht allerdings noch einen Schritt weiter als Schmidt. Da er um seine Überlegenheit weiß, veranstaltet er Events, bei denen er geschlagen werden kann. Und das auch im wörtlichen Sinn, wenn er sich von Boxweltmeisterin Regina Halmich so richtig verdreschen lässt. Dann sitzt der Zuschauer genüsslich daheim und denkt sich: Endlich bekommt auch dieses Großmaul eins auf die Glocke.