Kräftig mit den Armen wedeln, losrennen, abheben und eine Runde über den Garten drehen – im Traum ist nichts unmöglich. Wände sind butterweich, und wilder Sex mit der Chefin ist nicht mehr tabu. Die Physik steht Kopf, die Moral auch. Richtig genießen kann das allerdings nur, wer im nächtlichen Kopfkino die Regie führen und das Geschehen steuern kann. "Das lässt sich gezielt lernen", sagt der Traumforscher Daniel Erlacher vom Heidelberger Institut für Sport und Sportwissenschaft. "Man muss sich nur bewusst machen, dass man eigentlich schläft." Schlafwissenschaftler nennen dieses bewusste Erleben "luzides Träumen" oder "Klarträumen". Erlacher selbst trainierte ein Dreivierteljahr lang jede Nacht, bis der ersehnte Aha-Effekt endlich kam: "Ich spielte in der Küche Basketball gegen zwei Riesen, als mir auffiel, dass das nicht real sein konnte." Bislang weiß man nur wenig über Klarträume. Das liegt vor allem daran, dass das Erforschen von Träumen als weiche Wissenschaft gilt. Schließlich lassen sich die Inhalte nicht objektiv messen. Noch immer kann man auch nur vermuten, warum wir überhaupt träumen. Vielleicht verarbeiten wir nachts die Probleme vom Tag. Vielleicht trainieren wir unser Gedächtnis. Vielleicht geht das Gehirn aber noch einmal alle Eindrücke durch, die es löschen will, und spinnt dabei wundersame Geschichten. Außerdem ist es schwer, Studien über luzides Träumen durchzuführen. Zwar gab in der bisher größten Umfrage zu dem Thema jeder vierte Österreicher an, schon einmal bewusst geträumt zu haben. Doch gibt es nur wenige Schläfer, denen das regelmäßig und auf Kommando gelingt. "Und die müssen wir erst einmal überreden, eine Nacht im Labor zu verbringen", sagt Daniel Erlacher. Die spärlich vorhandenen Forschungsergebnisse deuten zumindest darauf hin, dass Klarträumer nicht nur aufregendere Nächte erleben. Sie können auch ihre sportlichen Leistungen steigern, haben oft weniger Albträume und sind mitunter auch kreativer. ZEIT Wissen beantwortet die wichtigsten Fragen zum Klarträumen.

Woher weiß man, dass es luzide träume gibt?

Dass Klarträume kein Hirngespinst sind, hat der Schlafforscher Stephen LaBerge von der Stanford University in den 80er Jahren bewiesen. Er verabredete mit Probanden im Schlaflabor ein eindeutiges Zeichen. Sobald sie Kontrolle über ihre Traumwelt erlangt hatten, sollten sie zweimal hintereinander nach links und rechts schauen. In den traumreichsten Abschnitten der Nacht, den REM-Phasen (Rapid Eye Movements), zucken die Augen eigentlich unkontrolliert hin und her. Doch LaBerges Schläfer gaben tatsächlich das vereinbarte Signal. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass man auch in anderen Schlafphasen klarträumen kann. Weil wir dann jedoch tiefer schlafen, sind die Träume kürzer und weniger intensiv.

Wie lerne ich klarträumen?

Es gibt unzählige Tricks, aber keinen einzigen mit Erfolgsgarantie. Manche beherrschen das Klarträumen von sich aus, andere erlernen es nie. Die meisten benötigen Wochen oder Monate, bis sie einen Traum erstmals bewusst erleben. Populär ist die Reflexionstechnik. Dabei fragt man sich laufend, ob man träumt. Diese Frage soll so in Fleisch und Blut übergehen, dass man sie sich sogar im Schlaf stellt – und irgendwann bejaht. Beliebt sind auch Hilfsmittel wie der "Nova Dreamer". Diese Brille erkennt mittels Sensoren die REM- Phasen und fängt dann an zu blinken. Der Schlafende nimmt das durch die geschlossenen Augen wahr und baut es in den Traum ein. Wenn etwa plötzlich die Sonne pulsiert, ist dies das Zeichen, dass man im Reich der Träume ist.

Kann ich davon im Alltag profitieren?

Ein Drittel unseres Lebens verschlafen wir. Die Zeit ist aber nicht verloren, man kann für die anderen zwei Drittel lernen. Denn wer die Traumwelt bewusst erlebt, kann dort tun und lassen, was er will. Sportler könnten Bewegungsabläufe trainieren, sagt Erlacher: "Weil alles real wirkt, ist das effektiver als mentales Training im Wachzustand." Einmal ließ er Klarträumer im Schlaf Münzen in Eimer schnipsen – am nächsten Tag trafen sie besser als eine Vergleichsgruppe. Ein anderes Mal übten Probanden im Schlaf Kniebeugen, und tatsächlich stieg ihr Puls um fünf Schläge pro Minute. Aber auch Kreative könnten Klarträume nutzen, sagt Erlacher. Er kenne einen Spieleprogrammierer, der nachts durch seine Welten laufe und prüfe, ob alles stimmig sei.

Werde ich damit Albträume los?

Brigitte Holzinger vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien brachte neun von Albträumen geplagten Patienten das luzide Träumen bei. "Jeder von ihnen schlief danach besser als die Probanden aus der Kontrollgruppe, die konventionell therapiert wurden", sagt sie. Eine Patientin berichtete, im Traum habe jemand im Bus hinter ihr gesessen und sie bedroht. Weil sie sich aber einfach nicht umdrehen konnte, sei ihre Angst gewachsen. Bis ihr klar geworden sei, dass sie eigentlich schlafe und ja das Drehbuch jederzeit umschreiben könne. Sie habe dem Bedroher dann einfach in die Augen geschaut. "Bei vielen Patienten hilft bereits die Gewissheit, Träume steuern zu können, um die Albtraumrate deutlich zu senken", sagt Brigitte Holzinger.