Im November 2005 war mein Leben perfekt. Vielleicht zu perfekt. Meinem neun Monate alten Sohn Luca ging es prima, und ich war seit einem halben Jahr glücklich mit meinem Freund zusammen. An jenem Morgen kam kein Laut aus Lucas Zimmer. Weil er einen kleinen Schnupfen hatte, dachte ich, er kuriert sich aus und schläft ein bisschen länger. Irgendwann bin ich dann aber mit seinem Fläschchen in sein Zimmer.

Stephanie Sommerhoff hatte keine Chance, ihrem Sohn zu helfen. Sie ahnte nicht einmal, dass er in Gefahr schwebte. Wie denn auch? Luca lag doch in seinem Bettchen, zu Hause, in Sicherheit.

Eine typische Situation. Typisch für den plötzlichen Kindstod. Denn die Kinder sterben jäh und unerwartet. Sie waren zuvor völlig gesund. Und es findet sich auch im Nachhinein kein Grund für ihr Dahinscheiden. Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) nennen die Mediziner das unheimliche Phänomen, korrekt heißt es auf Deutsch "plötzlicher Säuglingstod". In Deutschland ist das SIDS noch immer verantwortlich für die meisten Todesfälle im ersten Lebensjahr. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute ist: Der plötzliche Kindstod wird seltener. Forscher kommen ihm auf die Spur, sie finden immer mehr Ursachen und können so konkrete Empfehlungen geben, wie er sich verhindern lässt. Dank Aufklärungskampagnen gingen etwa in Deutschland die Todeszahlen innerhalb von zwölf Jahren um zwei Drittel zurück: Statt 15 im Jahr 1990 starben 2002 nur noch fünf von 10000 Säuglingen.

Der plötzliche Kindstod könnte allerdings noch seltener sein. Wenn nämlich die Ratschläge zu seiner Verhinderung alle Eltern erreichten und diese sie umsetzten. Nur: Nicht alle Ärzte und Hebammen klären Eltern so auf, wie sie es sollten. Manchmal aus Unwissenheit, oft auch aus durchaus gut gemeinten Gründen.

Als ich in Lucas Zimmer trat, war es so still. Ich hatte sofort ein ganz komisches Gefühl. Luca lag auf dem Bauch in seinem Schlafsack, ganz ans Fußende gedrückt. Er hatte sich seine Kuscheldecke über den Kopf gezogen. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht. Eine Frage, die ich mir immer und immer wieder stelle. Als ich ihn hochhob, fühlte er sich noch warm an. Doch trotz allem wusste ich, was los ist. Ich habe nach meinem Vater geschrien, der gleich versucht hat, Luca wiederzubeleben. Vergeblich.