Manchmal ist Richard Peterson in geheimer Mission unterwegs. Wie neulich, als er sich in einer kalifornischen Investmentbank als Marktforscher ausgibt. Für die Banker ist er sofort der nette Statistikheini mit den Lachfalten. In den Pausen gehen sie mit ihm Automatenkaffee trinken, mittags treffen sie ihn zum Lunch. Bei Richard kann man sich prima über den Stress in der Firma auslassen, er ist ein guter Zuhörer. Dass er in Wirklichkeit genau dafür bezahlt wird, kann ja niemand ahnen.

Engagiert hat Peterson der Chef der Investmentbank, ein siebenhundertfacher Millionär Mitte vierzig. Am liebsten hätte der längst seinen Schreibtisch geräumt, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Doch seit Jahren fehlt ein geeigneter Nachfolger. Keiner seiner Angestellten scheint ein gutes Händchen für Geld zu haben, sie verspielen eine Million nach der anderen. Warum, das soll nun Richard Peterson, ehemals Psychologe an der Stanford University, inkognito ermitteln.

Für viele Aktienhändler, Fondsmanager und Vermögensverwalter ist er die große Hoffnung. Sie bestellen ihn in ihre Hotelzimmer, damit er ihnen erklärt, warum sie nicht mehr aus den ihnen anvertrauten Millionen machen. Bei der Finanzelite der Westküste ist Peterson bekannt wie ein bunter Hund, seitdem er in Zeitungen und Magazinen eine noch junge Forschungsrichtung propagiert, die Neurofinanzwissenschaft. Die Allianz aus Psychologen, Ökonomen und Hirnforschern will ergründen, was in den Köpfen vorgeht, wenn Menschen Geld anlegen oder ausgeben. Eine erste Erkenntnis: Sobald Geld ins Spiel kommt, droht die Vernunft zu schwinden. Viele von uns müssen offenbar vor sich selbst geschützt werden.

Damit erschüttern die Forscher die Grundfesten der klassischen ökonomischen Theorie. Sie lehrt, dass nichts als Logik unsere Wirtschaft beherrsche und der Mensch als Homo oeconomicus stets tue, was das Beste für ihn sei. Je nach Marktlage entscheide er ganz rational, ob er etwa seine Ersparnisse aufs Sparbuch lege, in Google-Aktien investiere oder lieber unter dem Kopfkissen verstecke. Die meisten Ökonomen folgern daraus, man müsse dem Einzelnen nur freie Hand lassen, dann stehe unter dem Strich ein Optimum für alle. Sie fordern daher immer wieder, staatliche Leistungen wie etwa die Rentenversicherung zu kürzen und die Menschen selbst vorsorgen zu lassen. Die Grundannahmen wurden erst 1995 wieder untermauert, als der Ökonom Robert Lucas aus Chicago für seine Weiterentwicklung der "Theorie der rationalen Erwartungen" den Nobelpreis bekam.

Mit der Realität hat all das herzlich wenig gemein. Tatsächlich gibt es Menschen, die ihr Vermögen im Schlafzimmer horten, obwohl sie wissen, dass die Sparkasse bessere Renditen bietet. In der Praxis verhält sich der Mensch eben doch wie ein Homo irrationalis. Warum sonst schließen viele Versicherungen gegen alle erdenklichen Risiken ab, sehen aber monatelang tatenlos zu, wie ihre T-Aktien ins Bodenlose fallen? Warum geben viele in Umfragen an, sich um ihre mickrige Rente zu sorgen, kümmern sich aber nicht um eine private Altersvorsorge? Und warum feilschen einige auf dem Flohmarkt um jeden Cent und geben dann fünf Euro für einen Lottoschein aus? Man muss nicht sonderlich mathematisch begabt sein, um zu erkennen, dass Spiel 77 und Super 6 keine guten Geldanlagen sind. Glaubt man an die klassische Wirtschaftstheorie, gibt es nur eine Erklärung: Entweder sind viele von uns zu faul zum Denken – oder bescheuert.