Mit mangelnder Intelligenz habe das nichts zu tun, sagt Peterson, "selbst kluge Menschen treffen dumme Bauchentscheidungen". Sie überschätzten sich, folgten Börsenhypes, vertrauten ihr Geld dem Falschen an. Schuld sei das Gehirn. "Selbst wenn wir uns fest vornehmen, uns von der Vernunft leiten zu lassen, können wir unsere Gefühle nicht ausknipsen." Das gelte für Normalbürger ebenso wie für Investmentprofis, die täglich Millionen verschieben. Zwar weisen Psychologen seit Jahrzehnten auf diesen blinden Fleck in der Wirtschaftstheorie hin. Doch weil sie bisher keine rechte Erklärung hatten, wollte niemand zuhören.

Die Ablehnung weicht erst jetzt, da auch Neurowissenschaftler immer mehr Hinweise darauf finden, dass der Verstand beim Umgang mit Geld aussetzt. Schließlich können sie mit Hirnscannern direkt in unsere Köpfe schauen. Selbst Geldprofis lassen sich nun von Leuten wie Richard Peterson beraten. Und der bittet sie erst mal, ellenlange Fragebögen auszufüllen: In welche Firmen investieren Sie? In welche Länder fließt das Kapital? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an der Börse Ihre Einsätze verlieren? "Ich will meinen Klienten klarmachen, dass sie nicht so rational handeln, wie sie glauben", sagt er.

Manchmal beobachtet er seine Anleger aber auch erst mal undercover – wie die Angestellten der kalifornischen Investmentbank. "Es war schnell klar, warum sie erfolglos waren", erzählt Peterson. "Es herrschte Angst. Die saßen mucksmäuschenstill in ihren dämmrigen Brokernischen und wollten bloß keinen Fehler machen, weil der Boss sie sonst sofort gefeuert hätte. Die ersten Ergebnisse aus der Hirnforschung lehren uns, dass Menschen bei solchem Stress Risiken scheuen, weil entwicklungsgeschichtlich uralte Hirnregionen die Vernunft ausbooten."

Klingt gut, verkauft sich auch gut. Aber stimmt das auch? Zugegeben, das sei alles stark vereinfacht, sagt Peterson und malt ein Oval auf, das aussieht wie ein schrumpeliger Luftballon – "das Gehirn", sagt er. Mittenrein macht er an die Stellen dicke Punkte, von denen seine Kollegen meinen, sie spielten eine wichtige Rolle beim Investieren und Geldausgeben. Und dann rattert er ein halbes Dutzend Studien herunter.

Ein wichtiges Experiment findet in einer Mainacht vor drei Jahren in einem Keller der Stanford University statt. In dämmerigem Neonlicht lässt Psychologieprofessor Brian Knutson eine Mittzwanzigerin auf einer Bahre in eine weiße Röhre fahren. Mit diesem Gerät, einem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT), kann er den Kopf der Probandin in hauchdünnen Scheiben abbilden, ohne sie Röntgenstrahlung auszusetzen oder ein Messer zur Hilfe zu nehmen. Mit einem extrem starken Magnetfeld misst der fMRT den Sauerstoffgehalt des Blutes, das durch ihr Gehirn gepumpt wird. Ist ein Areal besonders aktiv, steigt dort die Sauerstoffkonzentration, auf dem Monitor leuchten im Abbild des Kopfes grellbunte Flecken auf. Gelb, orange, rot. Das Gehirn in der Andy-Warhol-Variante.

Über einen kleinen Bildschirm in der Röhre stellt Knutson der Probandin eine Aufgabe. Du hast 20 Dollar. Investiere sie in eine von drei Geldanlagen: in eine Anleihe, die sicher einen Dollar pro Runde abwirft, oder in eine von zwei Aktien. Eine davon macht mit hoher Wahrscheinlichkeit zehn Dollar Gewinn und mit niedriger Wahrscheinlichkeit zehn Dollar Verlust, bei der anderen ist es umgekehrt.

Knutson verrät allerdings nicht, welche die gute Aktie ist. Das muss die Probandin anhand der Rundenergebnisse selbst herausfinden. Erst nach einigen Durchgängen lässt sich abschätzen, welches Papier sich auf Dauer lohnt. Vernünftigerweise würde man bis zu diesem Moment auf die Anleihe setzen und danach nur noch auf die Erfolg versprechende Aktie, selbst wenn sie einem ab und zu Verluste beschert. Tatsächlich verhalten sich die Testpersonen immer wieder anders – und der Scanner registriert, was sich dabei in den Köpfen tut.