Als die Studie im September 2005 in der Fachzeitschrift Neuron erschien, markierte sie den Durchbruch der Neurofinanzwissenschaft. Die Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann und Vernon Smith frohlockten, in einem besseren Verständnis des Hirns liege die Zukunft der Finanzwelt, und mahnten: "Nehmt das lieber ernst!"

Das Ergebnis von Knutsons Experiment war beeindruckend: Gingen die Probanden auf Nummer sicher und investierten in die Anleihe anstatt in die Gewinneraktie, blitzte oft die anteriore Insula auf. Dieses Gehirnareal bringen Hirnforscher mit Furcht und Verlustangst in Verbindung. Dort spielten Serotonin und Noradrenalin eine große Rolle, erklärt Knutson, Botenstoffe, die auch ausgeschüttet werden, wenn wir uns etwa vor einer schimmeligen Pizza ekeln.

Kauften die Probanden dagegen riskanterweise eine Aktie, ohne sie einschätzen zu können, feuerten die Neuronen im Nucleus accumbens. Diese Region verknüpfen Hirnforscher mit Erregung und Verlangen, sie liegt in einem Teil des Gehirns, der von dem Botenstoff Dopamin beherrscht wird. Dopamin löse dort vermutlich starke Glücksgefühle aus, sagt Knutson. Einmal hätten Forscher Elektroden in Rattenköpfe eingepflanzt, direkt in den Nucleus accumbens. Über einen Knopf konnten die Tiere ihr Hirn selbstständig mit elektrischen Impulsen anregen – Tag und Nacht taten sie nichts anderes mehr.

Sind wir also gierig nach Risiken wie Ratten nach elektrischen Stimuli? "Zumindest aktiviert die Aussicht auf Gewinn das gleiche Belohnungsnetzwerk wie Kokain oder Sex. Vermutlich kämpft dieses System gegen ein zweites, das Verlustangst auslöst", sagt Knutson. Gier gegen Risikoscheu, Nucleus accumbens gegen anteriore Insula. Beide liegen in einem Teil des Gehirns, der das instinktive, emotionale Verhalten steuert. Dominiere eines der beiden Systeme, führe das zu gravierenden Fehlentscheidungen, sagt Knutson. "Das Beeindruckendste an unserem Experiment war, dass wir die Signale in den beiden Arealen schon Sekunden vor der Entscheidung gemessen haben. Wir hätten die Person in der Röhre sogar warnen können, dass sie sich wenig später zu gierig oder zu ängstlich verhalten werde."

Richard Peterson, der selbst eine Weile in Knutsons Labor geforscht hat, schwärmt vom Potenzial der Neurofinanzwissenschaft: "Vielleicht werden wir eines Tages psychoaktive Medikamente entwickeln, die bestimmte Hirnfunktionen dimmen, sodass wir vernünftiger mit Geld umgehen." Ein Prozac für Banker. Brian Knutson dämpft die Euphorie: "Wir stehen noch ganz am Anfang, bisher haben wir nur Anhaltspunkte." Am liebsten würde er erst einmal echte Broker in die Röhre schieben, doch er findet keine Versuchsobjekte, "die nicht irgendeine Droge im Blut haben und dadurch das Ergebnis verfälschen".

Knutson weiß um die kritischen Stimmen, die grundsätzlich an der Aussagekraft von Hirnscans zweifeln. Denn dass ein Areal aufleuchtet, heißt nicht automatisch, dass es tatsächlich eine bestimmte Funktion erfüllt. Neurowissenschaftler sind sich einig, dass viele Funktionen gar nicht fest im Hirn zu verorten sind, sondern Ergebnis des komplexen Zusammenspiels verschiedener Regionen in einem Netz aus 100000 Kilometer Nervenbahnen. Daher gibt es vielleicht weder "Lustzentrum" noch "Angstzentrum". Und auch der definitive Beweis, dass einzelne Gehirnteile der Vernunft einen Strich durch die Rechnung machen, fehlt noch. "Allerdings spricht vieles dafür", sagt Knutson. "Wir führen einen Indizienprozess, und irgendwo müssen wir ja anfangen."

Vielleicht hätten wir ja ein besseres Händchen für Geld, wenn wir die Gefühlsduselei in unseren Köpfen abschalten könnten. Mit dieser Hypothese lud ein amerikanisches Forscherteam um den Emotionsforscher Antonio Damasio Patienten mit Hirnverletzungen ein. Bei ihnen waren Regionen betroffen, in denen mutmaßlich Gefühle verarbeitet werden. Im Labor sollten sie mit 20 Dollar Kapital "Kopf oder Zahl" spielen. Setzten sie einen Dollar auf die richtige Seite, wurden 2,50 Dollar ausgezahlt. Sonst war der Dollar futsch.