Natürlich wäre es klug gewesen, in allen 20 Runden mitzuspielen, höchstwahrscheinlich hätten sie dann das meiste Geld mit nach Hause genommen. Die Unfallpatienten handelten auch weitgehend so, die gesunden Kontrollpersonen fürchteten sich dagegen immer wieder und setzten aus. So weit, so gut für die angstfreien Unfallpatienten. Ihre Lebensläufe offenbarten jedoch, dass sich ihre Risikobereitschaft außerhalb des Labors als Fluch erwies – drei Viertel hatten schon einmal Pleite gemacht.

In freier Wildbahn sind gefühlskalte Menschen also offenbar keine Finanzgenies. Was unterscheidet aber dann Milliardärslegenden wie George Soros von der Bürokauffrau, die schon beim Abschluss eines Bausparvertrages feuchte Hände bekommt? "Der Charakter", meint Peterson, manche Menschen seien eben stärker von Gier oder Angst getrieben als andere – wie sehr, das will er mit seinen Fragebögen herausfinden. "Wer sich stark beeinflussen lässt, kann wenigstens versuchen, sein Verhalten zu reflektieren, und Vernunft walten lassen."

Zum Beispiel sollte man sich bewusst machen, dass die richtige Verpackung von Informationen oft Wunder wirkt. Natürlich preisen Werber den Schlussverkauf mit den Worten "Nur noch drei Tage" und nicht mit "Noch weitere drei Tage" an. Und natürlich zeigen Versicherungsvertreter gern Bilder von abgebrannten Reihenhäuschen, wenn sie eine Feuerversicherung verkaufen wollen. Es sind Appelle ans Unterbewusste: Gib mir dein Geld, sonst bist du der Verlierer! Und obwohl diese die Fakten nicht ändern, lassen sich viele Menschen beeinflussen. "Framing-Effekt" nennen Ökonomen das.

Um das Phänomen genauer zu untersuchen, gaben Londoner Forscher Studenten 50 Pfund. Sie durften wählen, ob sie lieber 20 Pfund behalten oder mit der ganzen Summe spielen wollten. Dieselbe Aufgabe wurde auf zwei Weisen gestellt: Einmal hieß die sichere Option "Behalte 20 Pfund", einmal "Verzichte auf 30 Pfund". Erwartungsgemäß reagierten die Freiwilligen verschieden – im ersten Fall riskierten 43 Prozent das Glücksspiel, im zweiten 62 Prozent.

Spannend wurde es, als die Forscher ihren Probanden in den Kopf schauten. Die Mandelkerne, vermutlich Mitauslöser von Angst, leuchteten im Hirnscan hell, sobald die Probanden versuchten, einer subjektiv riskanten Situation zu entgehen. Interessanterweise waren die Mandelkerne der mehr und weniger beeinflussbaren Menschen ähnlich aktiv. Unterschiede zeigten sich nur am präfrontalen Cortex, der eng mit den Mandelkernen verknüpft ist. Er liegt hinter der Stirn und soll unter anderem für das Einordnen von Gefühlen zuständig sein. Das Areal schien so etwas wie die Stimme der Vernunft zu repräsentieren. Je aktiver es war, desto weniger ließen sich die Probanden durch die Fragen täuschen. "Menschen, die rationaler entscheiden, empfinden offenbar nicht weniger Gefühle, sie regulieren sie nur besser", folgerten die Forscher.

Eine ähnliche Falle wie der Framing- Effekt ist der "Home Bias". "Eine der Grundregeln beim Anlegen ist, sein Geld möglichst weit zu streuen, um das Risiko zu minimieren", sagt der Ökonom Peter Kenning von der Universität Münster. So banal das klingt, es widerspricht der Natur des Menschen, und offenbar besonders der der Deutschen. Mehr als 80 Prozent ihres Vermögens legen sie im eigenen Land an, in deutschen Aktien, deutschen Anleihen, deutschen Sparbüchern – Tendenz steigend.

Wie Kenning und sein Team feststellten, sind auch hierbei die Mandelkerne im Spiel, Risikoscheu verhindere oft eine nüchterne Betrachtung. Das gilt für blutige Börsenanfänger ebenso wie für Profis. Unglücklicherweise entkommt man dem Home Bias auch nicht, wenn man sein Geld einem Vermögensverwalter überlässt. "Wer keine Gefühle im Depot haben will, sollte sich an Indexfonds halten, die die weltweite Verteilung des Kapitals nachstellen", rät Peterson.