Hightech aus der Steinzeit

Charly schwitzt fürchterlich. Mit Lederhemd, Mantel und Bärenfellmütze ist er reichlich dick angezogen. Und dann trägt er auch noch diese unförmigen Moonboots. Kein Wunder, dass er klitschnass ist.

Schnupfen kriegt Charly trotzdem nicht, ist er doch bloß eine schwitzfähige Puppe in Diensten der Wissenschaft. In einer Klimakammer der Hohensteiner Institute für Bekleidungsphysiologie testen Forscher mit seiner Hilfe, wie komfortabel die Wintermode des Jahres 3300 v. Chr. war.

Einen ersten Hinweis auf deren Qualität gab es schon im September 1991, als Wanderer die Gletschermumie Ötzi in den Ötztaler Alpen entdecken. Archäologen waren begeistert von der Ausrüstung des prähistorischen Wanderers. Der Ziegenfellmantel bestach durch ein Streifendesign, der Bogen konnte mit modernen Sportwaffen konkurrieren, und an den urzeitlichen Trekkingschuhen verblüffte die ausgeklügelte Isolationstechnik. Seither ist klar: Die Steinzeitmenschen waren nicht die tumben, keulenschwingenden Höhlenbewohner, für die man sie gehalten hatte.

Wie gut aber waren Ötzis Steinzeitklamotten tatsächlich? Und all die Dinge, mit denen er sich durch den Alltag schlug? Gab es vielleicht schon so etwas wie Hightech in der Steinzeit? Um das herauszufinden, bildeten Fernsehleute vom Südwestrundfunk (SWR) und Archäologen eine ungewöhnliche Forschungsallianz. Sie ließen Ötzis Steinzeitkluft von den Hohensteiner Textilexperten testen und bauten Werkzeuge nach. Dann suchten sie Freiwillige für den Praxistest und starteten den groß angelegten Versuch "Living Science – Leben in der Steinzeit".

Sieben Erwachsene und sechs Kinder reisten 5300 Jahre zurück, um am eigenen Leib zu erfahren, wie man Feuer ohne Streichhölzer entfacht, ob Feuerstein ein passables Essbesteck abgibt und Weidenruten den Zähnen wieder strahlendes Weiß verleihen. Die Versuchsergebnisse werden von Pfingsten an in der ARD präsentiert.

Hightech aus der Steinzeit

An einem Weiher im Hinterland des Bodensees hatte der SWR drei Pfahlbauten errichtet. Als Vorbild diente das Pfahlbaudorf von Arbon Bleiche auf Schweizer Seeseite. Eine Feuersbrunst hatte es 3370 v. Chr. zerstört; eine unmittelbar folgende Flut begrub die Trümmer. "Aus heutiger Sicht ein Riesenglück", sagt Urs Leuzinger, Leiter des Museums für Archäologie in Frauenfeld, der die Ausgrabungen leitete und jetzt einer der TV-Berater ist. "Wir haben alles gefunden: Fischreusen, Erntemesser, sogar Töpfe mit angebrannten Speiseresten."

Doch nun hat man all die Dinge, weiß aber oft nicht so recht, was genau die Steinzeitmenschen mit ihnen anstellten. Es gibt weder Bedienungsanleitungen noch Erfahrungsberichte. "Natürlich schreiben wir in unseren Büchern: Sie schneiden das Getreide mit Feuersteinsicheln, dreschen und mahlen es dann", sagt Leuzinger. "Aber wie hat das im Detail ausgesehen?" Er zuckt mit den Schultern. Und so war alles, was in dem großen Praxistest fürs Fernsehen danebenging, auch ein Hinweis für die Archäologen: Hier muss weitergeforscht werden.

"Wir haben manchmal ganz schön auf die Experten geflucht", erinnert sich Britta (32). Ihr Mann Olli (40) ergänzt: "Ich habe oft gedacht: Die wollen uns auflaufen lassen." Doch irgendwann realisierte er: "Die wissen es auch nicht besser. Wir sind Teil eines Experiments." Und zu dem hatten sie sich freiwillig gemeldet.

Olli und Britta hatten gehört, dass der SWR eine Familie Feuerstein suchte. Und da sie auf einem Bauernhof ganz ohne Strom wohnten und schon immer vom "einfachen Leben im Einklang mit der Natur" träumten, meldeten sie sich. Im August vergangenen Jahres reisten sie in die Vergangenheit zu ihrer neuen Steinzeit-WG.

Erst ging es eine Woche ins Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, wo sie in die Finessen des neolithischen Alltags eingewiesen wurden. Feuer machen, Korn dreschen, Brot backen. Die Sonne lachte, man freute sich auf den Abenteuerurlaub. "Das kriegen wir hin", dachte Olli. "Wir sind doch viel zivilisierter als die Geröllheimer damals."

Doch was sie erwartete, war keine Idylle: Erst kam Xaveria, dann peitschten Zana und Bärbel, Dörthe und Florence übers Land, gefolgt von Gaby und der unseligen Isabel. Sieben Tiefdruckgebiete ließen das Thermometer von 38 auf 8 Grad stürzen. Der August 2006 hätte auch als Kulisse für eine Doku-Soap über die Sintflut getaugt. Damit standen plötzlich ganz banale Fragen auf der Tagesordnung: Gab es damals Regenschirme? Wie war der Wetterschutz in der Steinzeit? "Darüber habe ich mir vorher nie Gedanken gemacht", gibt Archäologe Leuzinger zu. "Darüber liest man auch in Büchern nichts." Da herrscht immer schönes Wetter. Irgendwann hielt das Schilfdach dem Regen nicht mehr stand. "Früher waren die Dächer dicht", sagt Leuzinger. Es ist aber noch nicht einmal sicher, ob die Häuser tatsächlich mit Schilf gedeckt waren. Die Fernsehleute sprangen mit einer Plane ein.

Wenigstens im Haus blieb es jetzt trocken, aber Feuersteins mussten doch auch mal vor die Tür. Die Testreihen mit Charly in den Hohensteiner Instituten hatten jedoch nicht nur gezeigt, dass die Atmungsaktivität der Ötzi-Wäsche im Vergleich zu moderner Funktionsbekleidung lausig war, sondern auch, dass die nasse Lederkleidung bis zu sechs Stunden brauchte, um zu trocknen – bei normaler Witterung. "Ötzis Zeitgenossen mussten aufpassen, weder zu sehr zu schwitzen noch in den Regen zu kommen", stellte Karl-Heinz Umbach fest, Abteilungsleiter für Bekleidungsphysiologie in Hohenstein. Aber wie sollte das gehen?

Hightech aus der Steinzeit

"Die Menschen damals waren sicher abgehärteter als wir", vermutet Olli. "Sie wussten auch viel besser über das Wetter Bescheid." Er jedenfalls zog sich, wenn er zum Feuer oder zu den Tieren musste, ein Wildschweinfell über den Kopf.

Weil es so kalt war, bollerte der Ofen die ganze Zeit – bis die Konstruktion aus Holz und Lehm durchbrannte. Fortan musste das Feuer draußen brennen. Ausgehen durfte es nicht, denn wie sollte man es in dieser Nässe wieder anfachen? "Als uns das Feuermachen beigebracht wurde", erzählt Olli, "zog der Archäotechniker ein Plastikbeutelchen raus, in dem er den Zunderschwamm aufbewahrte, und sagte: ›Haltet das immer trocken. Holt es nur raus, wenn ihr Feuer macht.‹ In der Steinzeit gab es aber kein Plastikbeutelchen!"

Feuer machten die Ötzis von damals, indem sie Pyrit gegen Feuerstein schlugen und die Funken mit einem Bausch Zunderschwamm auffingen. Dieser Baumpilz beginnt, wenn er trocken genug ist, sofort zu glimmen. Besonders wenn man ihn vorher mit Stickstoff behandelt – Urin zum Beispiel, oder Jauche. Wie solches Wissen wohl erstmals auftauchte? Ob damals einer mal versehentlich auf seinen Zunderschwamm gepieselt hatte und am nächsten Tag staunte, wie rasch die Flammen züngelten?

Aber auch die modernen Ötzis erwiesen sich als findig. "Das Feuer ging nie aus", erzählt Olli stolz. Feuchtes Holz, das selbst nicht brannte, schichteten sie als Regendach über das Feuer. So gab es auch nach der längsten Nacht noch ein wenig Glut.

An Herausforderungen herrschte kein Mangel: Nicht nur, dass die Expertenmeinungen, wie die Ledermokassins bei diesem Matschwetter zu pflegen waren, auseinandergingen. Schlimmer noch: Bereits nach einer Woche waren sie durchgelaufen. "Die waren damals wohl nur barfuß unterwegs", spekuliert Olli, "und griffen bloß zu Schuhen, wenn es richtig kalt wurde."

Auch Ötzi wird seine Bergstiefel nicht die ganze Zeit getragen haben, vermutet Archäologe Leuzinger: "Auf nassem Gras rutschten die weg." Dafür bewährten sie sich wegen ihrer großen Sohle als erstklassige Schneeschuhe. Das Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens bescheinigte der aufwendigen Konstruktion – oben Hirsch-, unten Bärenleder, ein Innennetz hält das Strohpolster an seinem Ort – erstaunlich gute Atmungsaktivität und Kälteisolierung.

In dem Maße, in dem bei den Probe- Feuersteins Hornhaut und Wissen wuchsen, begannen sie sich für das Steinzeit-Equipment zu begeistern. Olli schwärmt von den Klingen aus Feuerstein, härter als Stahl und scharf wie Skalpelle. "Ich schlachte zu Hause unsere Schafe selbst", erzählt er. Dabei müsse er das Messer immer wieder über den Wetzstahl ziehen. Nicht so mit der Steinzeitklinge. Einem Schwein zog er die Haut ab, zerteilte Schinken und Schwarte und durchtrennte auch die Rippengelenke – ohne einmal nachzuschleifen.

Hightech aus der Steinzeit

"Man muss nur sehr achtsam sein", sagt Olli. Feuerstein ist wie Glas. Wer eine Feuersteinaxt unsanft hinlegt, hat schon eine Kerbe in der Klinge. "Man konnte damals nicht einfach eine neue kaufen", sagt Urs Leuzinger. Und was steckte nicht an Arbeit in so einem Werkzeug: Die Axtbauer suchten die zähesten Holzpartien, dort, wo der Stamm in Wurzel oder Äste überging, und präparierten sie sorgfältig. "Wenn Sie heute einen Beilschaft kaufen, ist der auch nicht besser." Um den Stiel zu schonen, steckte die Klinge nicht direkt im Holz, sondern in einem Zwischenfutter aus elastischem Geweih, das die Wucht der Schläge dämpfte. "Ging es ums Schneiden oder Stechen, nahm man Feuerstein", erklärt Leuzinger. Brauchte man was zum Draufhauen, war Serpentingestein erste Wahl. "Das waren richtige Kompositwerkzeuge."

"Die Hightech steckte in den Köpfen", sagt der Archäologe. "Die Menschen besaßen ein enormes Wissen über das, was die Natur ihnen an Ressourcen zu bieten hatte." Wir Heutigen sind da ziemlich aufgeschmissen, haben wir doch das Wissen an die Gegenstände delegiert. "Wir müssen uns keine Gedanken machen, wie das Feuerzeug funktioniert", sagt Leuzinger, "Hauptsache, es geht." Dafür trauen wir uns nur noch mit GPS und Goretex in die Natur.

Seit Ötzis Zeiten ist auch eine Menge Wissen verloren gegangen. Etwa wie man das Urgetreide Emmer mahlt. Auch nach Stunden der Schufterei hatte Britta kaum mehr als eine Handvoll Mehl beisammen. Das Korn ließ sich einfach nicht von der Hülle, dem sogenannten Spelz, trennen. Eine ganze Sippe war so nicht satt zu bekommen. Auch hier sind die Archäologen ratlos. "Wir wissen nur, Emmer wurde entspelzt", sagt Leuzinger. "Wir haben Körner in großen Mengen gefunden."

Vielleicht war es tatsächlich bloß fürchterliche Plackerei. "Man ist sich heute nicht mehr bewusst, was Arbeit damals war", sagt Ursula Wittwer-Backofen, Professorin am Freiburger Institut für Humangenetik und Anthropologie. "Die Frauen mahlten stundenlang Getreide, Tag für Tag." An vielen neolithischen Skeletten finden sich an den Gelenken sogenannte Hocker-Facetten. "Sie entstehen, wenn man Stunde um Stunde in der Hocke verbringt und dabei die immergleichen Bewegungen macht."

Die Skelette aus dem Neolithikum zeigen noch etwas anderes: Karies tauchte als Volksleiden auf. Als die Menschen sesshaft wurden, kam mit dem Getreide kohlehydratreiche Kost auf den Tisch. Ob sie sich damals schon die Zähne putzten, darüber streiten die Experten. Manche vermuten, dass man sich das Gebiss mit aufgefaserten Weidenruten gesäubert habe – archäologische Belege gibt es keine. Der Plaquebildung beugten die Stöcke kaum vor, zeigte sich bei den Probe-Feuersteins. Zahnmediziner der Universität Freiburg entdeckten bei allen Probanden Ansätze von Karies. "Das hatte ich nicht erwartet", sagt Elmar Hellwig, Professor für Zahnerhaltungskunde. "Aber sie haben auch viel Honig gegessen."

Steinzeit war also eher Slowtech denn Hightech. "Aber selbst wenn etwas ewig dauerte", sagt Olli, "wusste man genau: Das ist unser Essen, was wir hier mit der Handsichel schneiden. Und das machte glücklich." Ob auch schon vor 5300 Jahren, ist eine andere Frage. Da gab es existenzielle Bedrohungen zuhauf. "Wir wussten ja, dass die Fernsehleute uns nicht im Stich lassen", sagt Britta. Dass Feinde Frauen und Kinder rauben, brauchten sie auch nicht zu fürchten.

Als nach acht Wochen das große Steinzeit-Experiment zu Ende war, konstatierten die Psychologen der Universität Freiburg den Versuchspersonen seelische Ausgeglichenheit. Sie waren nicht krank geworden (das TV-Team war total verschnupft) und hatten pro Nacht eine Stunde mehr geschlafen. Nur die Rückkehr ins 21. Jahrhundert machte ihnen zu schaffen. "Wir hatten einen richtigen Jetlag", sagt Olli. "Alles so schrill, so bunt", dachte er, als es ins Hotel ging. "Ich hatte wirklich Schwierigkeiten, meine Steinzeitkluft auszuziehen." Und Britta stand ganz hilflos im Supermarkt: "Was soll ich nur kaufen? Ich brauch das alles doch gar nicht!"

Hightech aus der Steinzeit

Links, Film- und Buchtipps zu Ötzi und Co.:

www.zeit-wissen.de/steinzeit

Hightech aus der Steinzeit. Eine Bildergalerie

ZEIT Wissen. Das Magazin im Netz