"Man muss nur sehr achtsam sein", sagt Olli. Feuerstein ist wie Glas. Wer eine Feuersteinaxt unsanft hinlegt, hat schon eine Kerbe in der Klinge. "Man konnte damals nicht einfach eine neue kaufen", sagt Urs Leuzinger. Und was steckte nicht an Arbeit in so einem Werkzeug: Die Axtbauer suchten die zähesten Holzpartien, dort, wo der Stamm in Wurzel oder Äste überging, und präparierten sie sorgfältig. "Wenn Sie heute einen Beilschaft kaufen, ist der auch nicht besser." Um den Stiel zu schonen, steckte die Klinge nicht direkt im Holz, sondern in einem Zwischenfutter aus elastischem Geweih, das die Wucht der Schläge dämpfte. "Ging es ums Schneiden oder Stechen, nahm man Feuerstein", erklärt Leuzinger. Brauchte man was zum Draufhauen, war Serpentingestein erste Wahl. "Das waren richtige Kompositwerkzeuge."

"Die Hightech steckte in den Köpfen", sagt der Archäologe. "Die Menschen besaßen ein enormes Wissen über das, was die Natur ihnen an Ressourcen zu bieten hatte." Wir Heutigen sind da ziemlich aufgeschmissen, haben wir doch das Wissen an die Gegenstände delegiert. "Wir müssen uns keine Gedanken machen, wie das Feuerzeug funktioniert", sagt Leuzinger, "Hauptsache, es geht." Dafür trauen wir uns nur noch mit GPS und Goretex in die Natur.

Seit Ötzis Zeiten ist auch eine Menge Wissen verloren gegangen. Etwa wie man das Urgetreide Emmer mahlt. Auch nach Stunden der Schufterei hatte Britta kaum mehr als eine Handvoll Mehl beisammen. Das Korn ließ sich einfach nicht von der Hülle, dem sogenannten Spelz, trennen. Eine ganze Sippe war so nicht satt zu bekommen. Auch hier sind die Archäologen ratlos. "Wir wissen nur, Emmer wurde entspelzt", sagt Leuzinger. "Wir haben Körner in großen Mengen gefunden."

Vielleicht war es tatsächlich bloß fürchterliche Plackerei. "Man ist sich heute nicht mehr bewusst, was Arbeit damals war", sagt Ursula Wittwer-Backofen, Professorin am Freiburger Institut für Humangenetik und Anthropologie. "Die Frauen mahlten stundenlang Getreide, Tag für Tag." An vielen neolithischen Skeletten finden sich an den Gelenken sogenannte Hocker-Facetten. "Sie entstehen, wenn man Stunde um Stunde in der Hocke verbringt und dabei die immergleichen Bewegungen macht."

Die Skelette aus dem Neolithikum zeigen noch etwas anderes: Karies tauchte als Volksleiden auf. Als die Menschen sesshaft wurden, kam mit dem Getreide kohlehydratreiche Kost auf den Tisch. Ob sie sich damals schon die Zähne putzten, darüber streiten die Experten. Manche vermuten, dass man sich das Gebiss mit aufgefaserten Weidenruten gesäubert habe – archäologische Belege gibt es keine. Der Plaquebildung beugten die Stöcke kaum vor, zeigte sich bei den Probe-Feuersteins. Zahnmediziner der Universität Freiburg entdeckten bei allen Probanden Ansätze von Karies. "Das hatte ich nicht erwartet", sagt Elmar Hellwig, Professor für Zahnerhaltungskunde. "Aber sie haben auch viel Honig gegessen."

Steinzeit war also eher Slowtech denn Hightech. "Aber selbst wenn etwas ewig dauerte", sagt Olli, "wusste man genau: Das ist unser Essen, was wir hier mit der Handsichel schneiden. Und das machte glücklich." Ob auch schon vor 5300 Jahren, ist eine andere Frage. Da gab es existenzielle Bedrohungen zuhauf. "Wir wussten ja, dass die Fernsehleute uns nicht im Stich lassen", sagt Britta. Dass Feinde Frauen und Kinder rauben, brauchten sie auch nicht zu fürchten.

Als nach acht Wochen das große Steinzeit-Experiment zu Ende war, konstatierten die Psychologen der Universität Freiburg den Versuchspersonen seelische Ausgeglichenheit. Sie waren nicht krank geworden (das TV-Team war total verschnupft) und hatten pro Nacht eine Stunde mehr geschlafen. Nur die Rückkehr ins 21. Jahrhundert machte ihnen zu schaffen. "Wir hatten einen richtigen Jetlag", sagt Olli. "Alles so schrill, so bunt", dachte er, als es ins Hotel ging. "Ich hatte wirklich Schwierigkeiten, meine Steinzeitkluft auszuziehen." Und Britta stand ganz hilflos im Supermarkt: "Was soll ich nur kaufen? Ich brauch das alles doch gar nicht!"