ZEIT WISSEN: Ab 2009 darf das Biosiegel der EU auch dann auf ökologisch produzierten Lebensmitteln kleben, wenn diese bis zu 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen enthalten. Ist das nicht ein bisschen viel?

Alexander Gerber: Es ist nicht generell erlaubt, dass unter 0,9 Prozent Gentechnik in Bio-Produkten sein darf. Es muss nachgewiesen sein, dass diese Kontamination zufällig oder technisch unvermeidbar in das Produkt gekommen ist. Das ist kein Problem von Bio, sondern von Landwirtschaft ohne Gentechnik generell, denn diese Verunreinigungen entstehen durch nicht ausreichend gesäuberte Transportbehälter und Erntemaschinen oder durch Pollenflug. Das Problem entsteht also durch die Agro-Gentechnik, und Bio ist deren Opfer.

ZEIT WISSEN: Nach der neuen EU-Ökoverordnung dürfen Biobauern ab 2009 auch synthetische Pestizide verwenden. Was ist daran noch Bio?

Gerber: Tatsächlich sind in Ausnahmefällen einzelne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zugelassen, deren Anwendung im Grundsatz verboten ist. Hintergrund ist, dass man ermöglichen wollte, Pheromonfallen in Weinbergen und Obstgärten aufzuhängen. Sie ziehen Schädlinge an und fangen diese, ohne in Kontakt mit den Pflanzen zu kommen. Das ist vernünftig und völlig unbedenklich. Aber man kann diese Regelung auch anders auslegen. Welche Sicherheit die neuen Importregelungen bieten werden, ist ebenfalls noch offen. Deshalb hängt jetzt viel von den noch zu erlassenden Durchführungsbestimmungen ab. Grundsätzlich gilt: Aus Verbrauchersicht ändert sich kaum etwas. Uns genügt der EU-Standard aber nicht. Deshalb werden wir auch in Zukunft mit den Richtlinien der deutschen Bio-Verbände den Maßstab für höchste Bio-Qualität setzen.

ZEIT WISSEN: Bioware wird zunehmend von Supermärkten und Discountern verkauft. Die Ideale der Biobewegung verwässern.

Gerber: Wenn wir wollen, dass alle Verbraucher Biolebensmittel kaufen und sich der ökologische Landbau nennenswert ausdehnt, geht es gar nicht anders. Der Verbraucher findet Biolebensmittel dann dort, wo er normalerweise einkauft.

ZEIT WISSEN: Aber die Discounter sind nicht gerade bekannt für Produktvielfalt, faire Arbeitsbedingungen und gute Beratung, also all das, was der traditionelle Ökokunde schätzt.

Gerber: Für uns zählt, ob die Produktqualität und die Handelsbeziehungen stimmen. Es gibt Discounter, die sehr gute Verträge mit unseren Landwirten machen. Sie sind fair, langfristig, und die Preise stimmen. Andererseits entsprechen Qualität, Preisgestaltung und Geschäftsgebaren bei manchem Discounter nicht den hohen Ansprüchen die wir als Bio-Fachhandel umsetzen.

ZEIT WISSEN: Immer mehr Bioware wird aus Übersee importiert. Kann man der trauen?

Gerber: Der gesetzliche Standard gilt auch für ausländische Produkte: Alle Bioprodukte müssen gemäß der EU-Ökoverordnung erzeugt worden sein. Die Frage kann allenfalls sein, ob die Kontrollen im Ausland so gut sind wie in Deutschland. Deshalb hat der Biofachhandel in Deutschland eine eigene Qualitätssicherung aufgebaut, die vor allem auch die strenge Prüfung von Importware umfasst. Viele Großhändler kaufen gezielt nur Ware von Betrieben ein, die sie selbst mit eigenen Agraringenieuren betreuen.

ZEIT WISSEN: Was ist heute noch der Kern von Biolebensmitteln?

Gerber: Das oberste Ziel ist, dass Ökolandbau insgesamt ökologisch ist. Dazu gehört, dass die Ökobilanz für den gesamten Produktweg stimmt und die Umwelt vor meiner eigenen Haustür geschont wird. Stichworte hierfür sind Saisonalität und Regionalität. Oder bildlich gesprochen: Wenn ich als Verbraucher Biobrot einkaufe, möchte ich, dass der Bioacker neben meinem Haus ist. Denn wenn ich mit meinen Kindern mit dem Fahrrad an Getreidefeldern vorbei fahre, möchte ich nicht durch einen Pestizidnebel fahren, weil gerade gespritzt wird, während das Getreide für mein Biobrot aus der Ukraine kommt.

ZEIT WISSEN: Sehr romantisch. Für Brot mag das funktionieren, aber darf der ökologisch korrekte Verbraucher zum Beispiel auch Biotomaten aus Südeuropa kaufen, deren Transport nach Deutschland CO2 verursacht?

Gerber: Ökobilanzen sind kompliziert: Die Ökobilanz für die Biotomate, die hier im beheizten Gewächshaus erzeugt wird, ist schlechter als die der Ökotomate aus dem unbeheizten Gewächshaus in Südfrankreich, die dann mit dem Lastwagen hierher gefahren wird. Zudem kann man in einer globalisierten Welt für Produkte, die hier nicht wachsen, keine Askese verlangen.

ZEIT WISSEN: Was ist mit Biomangos aus Brasilien oder Bioananas aus Costa Rica?

Gerber: Bei Überseeware ist entscheidend, ob die Ware mit dem Flugzeug oder dem Schiff kommt: Für die Ökobilanz ist das Flugzeug deutlich schlechter. Man darf aber die Wirkung des Ökolandbaus in den Herkunftsländern nicht vergessen. Beispiel Argentinien, ich kenne die Ökolandbaubewegung dort gut. Das sind engagierte Leute, die bemüht sind, etwas sozial und ökologisch Sinnvolles auf die Beine zu stellen – in einem Land, in dem die Gentechnik die Landwirtschaft dominiert. Weil dort noch kein Markt für Bioprodukte vorhanden ist, sind sie aber auf den Export angewiesen. Man unterstützt dort also eine Entwicklung, die sonst nicht stattfinden würde. Trotzdem kann ich mich fragen, ob es sein muss, im Januar Bio-Erdbeeren zu essen. Die ökologische Antwort heißt ganz klar: nein!

ZEIT WISSEN: Der ökologisch bewusste Verbraucher steckt also in der Zwickmühle.

Gerber: Ich bringe es auf eine einfache Formel: Grundnahrungsmittel regional und saisonal einkaufen. Bei allen anderen Produkte erst dann zu Importware greifen, wenn diese regional und saisonal nicht verfügbar sind. Und die exotischen Produkte auch das Besondere sein lassen, also nicht jeden Tag in den Einkaufskorb damit.

Die Fragen stellte Max Rauner