Träfe man das Ich auf der Strasse, hätte man allen Grund, ihm aus dem Weg zu gehen: Das Ich manipuliert, blendet, lechzt nach Bestätigung und überschätzt sich gnadenlos. Es hält sich für den großen Macher, weiß nicht, wo seine Grenzen liegen und wie abhängig es von dem ist, was dahinterliegt.

Psychologen drücken das natürlich freundlicher aus. Sie sprechen vom Selbstkonzept und von der Tendenz, sich wahrzunehmen und die Welt so zu deuten, wie es diesem Konzept entspricht.

Nichts ist uns näher als das Ich. Es ist immer da – der Ausschnitt des Selbst, der uns ständig bewusst ist. Das Ich denkt, zweifelt, analysiert. Und gerade weil es den Blick auf einen selbst und alles andere so sehr beeinflusst, fasziniert es die Menschheit seit Jahrtausenden. Das Ich ist eines der ältesten Themen der Philosophie – eben der Disziplin, aus der sich im 19. Jahrhundert die Psychologie entwickelte.

Darüber, was das Ich ist, was es kann und welche Macht es tatsächlich hat, streiten Philosophen und Psychologen seit je. Doch egal, ob sie es Geist, Selbst oder Seele nennen: Immer wollen sie das erfassen, was wir als Ich erleben. Für Aristoteles, Platon und später Descartes bestand es aus dem bewussten Denken. Für William James aus der Gesamtheit dessen, was wir "unser Eigen" nennen. Und Sigmund Freud sah die Seele als Dreiklang des bewussten Ich, der unbewussten Triebe des Es und der Ideale des Über-Ich.

Das Ich ist ein Angeber

Doch selbst wenn sich wohl nie eine allgemein anerkannte Definition finden lässt: Kognitions-, Sozial- und Persönlichkeitspsychologen, Philosophen und Neurowissenschaftler haben mit ihren Studien und Streits dafür gesorgt, dass sich seit etwa 50 Jahren ein genaueres Bild von dem zeichnen lässt, was uns ausmacht. Und immer deutlicher stellt sich heraus: Das denkende Ich ist nur ein kleiner Teil davon. Dieser kleine Teil nimmt sich sehr wichtig.