Die Vereinten Nationen waren leider nicht konsequent. Zwar brandmarkten sie 1997 Dauermusik als Foltermethode. Aber sie vergaßen dabei, Ohrwürmer zu erwähnen. Lieder wie Modern Talkings Cheri Cheri Lady oder Waterloo von Abba fressen sich ins Hirn. Sie tauchen in den unpassendsten Momenten auf, und wenn solche Songs morgens im Radio laufen, können sie einem den ganzen Tag versauen. Fest steht: Ohrwürmer können echte Folter sein. »Wäre ich nicht Songschreiber geworden, hätte ich einen Arzt aufgesucht«, sagt der Musiker Neil Diamond über die fiesen Quälgeister in seinem Kopf.

Nervig, frustrierend, ablenkend – auch die 559 Studenten, die der Marketingprofessor James Kellaris von der University of Cincinnati für eine Studie befragte, waren sich einig. 99 Prozent kannten das Phänomen Ohrwurm. Amerikaner und Spanier nennen es »Klebelied«, Brasilianer »Ohrkaugummi«, Franzosen »Ohrenbohrer«. Der gemeine Ohrwurm infiziert schon von jeher fast jeden und ist auch noch höchst ansteckend. Und immer noch rätselt die Wissenschaft, was es mit diesem Virus auf sich hat.

»Das Phänomen ist methodisch sehr schwer zu erforschen, deshalb gibt es kaum Untersuchungen«, sagt Eckart Altenmüller, Neurophysiologe und Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Denn auf Kommando stellt sich ein Ohrwurm ungefähr so gut ein wie ein Schluckauf. Den Ohrwurm hat deshalb bisher noch kein Wissenschaftler bei der Arbeit beobachtet, weder im Magnetresonanztomografen noch im EEG.

Immerhin konnte ein Phantombild skizziert werden: Einfache Melodie, bequemes Tempo, angenehme Singhöhe beschreibt ihn Eckart Altenmüller, der 70 Menschen nach ihren hartnäckigsten Kopfmelodien befragt hat. Der Ohrwurm befalle häufiger Frauen und Musiker, ergänzt James Kellaris, Lieder mit Text hingen eher im Kopf als Instrumentalstücke, selten seien die Melodien länger als 30 Sekunden.

In den Top-Ten der schlimmsten Ohrenbohrer stehen bei jedem Menschen andere Lieder. Klaus Meine, den Sänger der Scorpions, verfolgt Stairway to Heaven, den Produzenten Jack White Rivers of Babylon und Uwe Fahrenkrog-Petersen, Komponist von Nenas 99 Luftballons, quält We are the Champions. Ohrwürmer schlagen meist aus dem Hinterhalt zu, sagt Altenmüller: »Die wiederkehrenden Tonfolgen kurven häufig in einer Situation der entspannten Aufmerksamkeit durch den Kopf.« Beim Putzen, Fahrradfahren oder Duschen eben. Neil Diamond war besessen von sechs Melodien, die ihn während des Essens oder Fernsehens marterten – daraus entwickelten sich die meisten seiner Lieder. Auch Müdigkeit oder Stress machen anfällig, sagt James Kellaris. Er vergleicht das Phänomen mit einem »kognitiven Jucken«. Irgendetwas reizt das Hirn, und um mental an der störenden Stelle zu kratzen, wiederholt es einen Song wieder und wieder.

Etwas muss die Kopfmelodien besonders machen – schließlich bleiben bei kaum jemandem trockene Worte oder Sätze stundenlang im Hirn. Dass Menschen sich Musik besonders gut merken können, ist schon lange bekannt. Epen wie die griechische Odyssee wurden wahrscheinlich gesungen. Das sorgte dafür, dass sich die Vorträger den langen Text leichter merken konnten. Bis weit in die Neuzeit hinein reisten Bänkel- oder Zeitungssänger umher und trällerten gereimte Nachrichten auf Dorfplätzen – die verbreiteten sich dann via Ohrwurm weiter.

»Wahrscheinlich sorgen Rhythmus und die vielen Wiederholungen in der Musik dafür, dass man sie leichter im Gedächtnis behält als Sprache«, vermutet Diana Deutsch, die als Musikpsychologin an der University of California das musikalische Gedächtnis erforscht. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain – Musik quetscht sich durch ihren Aufbau förmlich ins Hirn.

Wissenschaftler vom Dartmouth-College in Hanover, New Hampshire, spielten Versuchspersonen im Magnetresonanztomografen die Titelmelodie von Pink Panther und Satisfaction von den Rolling Stones vor. Mitten im Stück drehten sie für ein paar Sekunden den Ton ab. Die Gehirne ihrer Probanden aber verhielten sich, als spiele die Musik munter weiter. Das Hörzentrum blieb genauso aktiv. Die Versuchspersonen berichteten anschließend übereinstimmend, sie hätten nicht verhindern können, dass sie die Lieder im Kopf vervollständigten.

Das Gehirn ergänzt fehlende Wahrnehmungen automatisch. Das funktioniert beim Sehen – das Prinzip von optischen Täuschungen – genauso wie bei Sprache. Aber mit Musik hat es das Hirn besonders leicht: Wegen der Wiederholungen ist klar, was als Nächstes kommt. Und es kann sich an musikalischen Konventionen orientieren. Eine Tonfolge wird in der westlichen Musik meist nach einem bestimmten Schema aufgelöst. Würde Alle meine Entchen bei »See« enden, wäre das unbefriedigend, der Ton bliebe in der Luft hängen.

Das könnte erklären, warum Ohrwürmer sich oft genau dann einschleichen, wenn man nur den Fetzen eines Liedes irgendwo aufgeschnappt hat: Das Gehirn will zum Ende kommen, greift sich den Songfetzen und spielt ihn fertig, gerät dabei jedoch in eine Endlosschleife. »Deswegen kann es helfen, das Lied ganz zu Ende zu singen«, sagt James Kellaris.

Manchmal können bestimmte Worte oder Situationen den immer gleichen Ohrwurm auflegen. »Erinnerungen, die mit Musik zu tun haben, sind im Gehirn ähnlich fest verankert wie Gerüche«, sagt Eckart Altenmüller. Beim Riechen und Musikhören sind die Zentren hoch aktiv, die im Gehirn für Emotionen zuständig sind – und Erinnerungen, die mit Gefühlen besetzt sind, haften länger. So wie uns der Duft von Omas Waschmittel in die Kindheit zurückversetzt, erinnert Girls just wanna have fun unwillkürlich an wilde Abi-Partys. Diese Gedächtnisspuren verlaufen auch umgekehrt. »Es sind Schlüsselreize, die beim Einspeichern des Liedes unbewusst mit abgelegt wurden. Kommt man wieder in die gleiche Situation, taucht auch die Melodie ganz unvermittelt wieder auf«, sagt Altenmüller.

Ab und zu nostalgisch an die Abi-Party denken – gern. Aber warum den ganzen Tag? Die kalifornische Musikpsychologin Diana Deutsch vermutet, Ohrwürmer könnten Botschaften des Unbewussten sein, Rauchzeichen aus den tiefsten Hirnwindungen: »Es ist denkbar, dass sie uns bewusst machen sollen, dass wir gerade wieder in einer bestimmten Situation sind oder dass gerade etwas passiert ist, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten sollten.« Wie ein Wecker tönt der Ohrwurm so lange, bis man sich ihm zuwendet. »Wenn ich einen Ohrwurm habe, denke ich immer darüber nach, wie der Text geht, wie der Song heißt oder welche Bedeutung das Lied schon für mich gehabt hat. Normalerweise hört der Ohrwurm dann sofort auf«, sagt Deutsch.

Timothy Griffiths hat eine andere Vermutung. Der Neurologe leitet an der Newcastle University ein klinisches Labor für komplexe Geräuschwahrnehmung und untersucht Menschen mit musikalischen Halluzinationen. Das sind Stücke, die plötzlich im Kopf auftauchen und die sich so real anhören, als spiele irgendwo ein Radio. Die Patienten hören Stücke, denen sie früher gerne lauschten – einer hat Three Lions im Kopf, ein anderer französische Weihnachtslieder, wieder ein anderer Lili Marleen.

Meist trifft es schwerhörige Menschen, und hier liegt für Griffiths die Erklärung. Offenbar suchen die musikverarbeitenden Hirnregionen ständig nach Tönen, die sie interpretieren können. Wenn über die Ohren nichts hereinkommt, deuten sie zufällige Impulse des Gehirns als Töne, gleichen sie mit den musikalischen Erinnerungen ab und machen daraus eine Melodie, die in eine Endlosschleife gerät. »Es gibt mit Sicherheit Parallelen zwischen Ohrwürmern und den musikalischen Halluzinationen«, sagt Griffiths. Möglicherweise ist der einzige Unterschied, dass bei den meisten Menschen die eingebildete Musik unterdrückt wird, weil durch die Ohren immer neue Geräusche hereinkommen – es bleibt beim Ohrwurm. Schwerhörigen dagegen fehlt die Ablenkung von außen, sie »hören« ihr Gehirn wie andere ihren iPod.

Griffiths Vermutung passt zu fast allem, was Forscher bisher über Ohrwürmer wissen: Musiker sind anfälliger, weil ihre musikverarbeitenden Gehirnteile trainierter sind. Kochen oder Putzen sind besonders riskant, weil das Hirn dabei kaum gefordert ist und sich mit sich selbst beschäftigen kann. Echte Musik stoppt den Ohrenbohrer meist sofort. Und introvertierte Menschen haben mehr Ohrwürmer als extrovertierte, weil sie nicht so sehr auf Außenreize reagieren. »Introvertierte Menschen speisen ihr Erleben stark aus ihrem Inneren. Extrovertierte lassen sich eher ablenken«, sagt Eckart Altenmüller.

Hätte Griffiths recht, wären Ohrwürmer so etwas wie Warteschleifenmusik: Das Hirn spielt sie per Zufallsmodus ab, während es auf neuen Input wartet. Man müsste Modern Talking und Abba deshalb wahrscheinlich sogar dankbar sein. Schließlich machen sie möglich, wozu man sonst nie eine Chance hat: dem Hirn bei der Arbeit zuzuhören. Aber will man das wirklich? Die Stadtverwaltung im New Yorker Stadtteil Brooklyn mochte ihren Bürgern das jedenfalls nicht zumuten. Sie untersagte fahrenden Eisverkäufern, weiterhin mit einem bestimmten Jingle Kunden anzulocken. Begründung: akute Ohrwurmgefahr. p

wenn einmal Der Wurm drin ist

Ohrwürmer tarnen sich als harmlose Melodien und sind doch wahre Folterinstrumente. Jeder kann davon ein Lied singen. Jetzt hört die Wissenschaft endlich genauer hin.