Nehmen wir zum beispiel Annie und Jack. Sie lernen einander in einer lebensgefährlichen Situation kennen. Sie überleben sie – und verlieben sich dabei prompt ineinander. Anthropologen würden nun sagen, dass die Liebe im Angesicht des Todes schon immer am größten war. Neurowissenschaftler würden auf den erhöhten Adrenalinspiegel verweisen, der die beiden in Wallung gebracht hat. Und die Psychologen würden das Ganze nüchtern Fehlattribution nennen. So nennen sie es, wenn wir unsere Aufregung irrtümlich einem Menschen zuschreiben, der zufällig gerade an unserer Seite ist.

Und trotzdem geht den Zuschauern jedes Mal wieder das Herz auf, wenn sich Annie (Sandra Bullock) und Jack (Keanu Reeves) gegen Ende des Films Speed nach der überstandenen Horrorfahrt im Bombenbus endlich küssen. Wissenschaft hin oder her.

Als die moderne Forschung in den 80er Jahren begann, sich genauer für die Liebe zu interessieren, befürchteten viele, dies sei das Ende der Romantik. Wenn man nun jede Gefühlsregung per Hirnscan zerlegen und sichtbar machen konnte, wie sollte die Welt der Emotion ihren Zauber behalten? Was würde aus der Liebe, wenn sie sich demnächst erklären ließe?

Die Wissenschaft hat seither unzählige neue Fakten über die Liebe herausgefunden. Doch selbst medizintechnische Monstren wie der funktionelle Magnetresonanztomograf (fMRT) konnten ihrer Faszination nichts anhaben. "Als ich das erste Mal das strahlende Gelb und tiefe Orange der aktiven Hirnregionen auf diesen Bildern sah", schreibt Anthropologin Helen Fisher, "empfand ich dasselbe wie beim Anblick des funkelnden Sternenhimmels in einer Sommernacht – ehrfürchtiges Staunen."

Sie war eine der Ersten, die auf die Suche nach einer handfesten Erklärung für die Liebe ging. Zusammen mit dem Psychologen Arthur Aron nahm sie sich die Gehirnaktivität Liebender vor und schob ihre Probanden zur fMRT in die Röhre. Bei allen beobachtete sie dieselben Muster. Und doch zeigte die Liebe sich nicht als ein selbstständiges Gefühl. Sie ist laut Fishers Erkenntnissen vielmehr Teil eines neuronalen Belohnungssystems, das sich auf das Planen und Verfolgen von Wünschen oder Bedürfnissen richtet.

"Unabhängig davon, wie gut es der Wissenschaft gelingen wird, unser Gehirn zu kartografieren und die Biologie der romantischen Liebe aufzuklären – das Geheimnis oder den Überschwang dieser Leidenschaft wird sie nie zerstören können", schreibt Fisher.