Er und sie und es sind ich. Kein Handgriff, kein Gedanke, kein Wort funktioniert ohne die anderen, ohne die Welt da draußen. Menschen lernen zu lächeln, wenn sie andere lächeln sehen. Sie lernen zu sprechen, wenn sie andere sprechen hören. Und sie lernen, was richtig und was falsch ist, wenn andere auf ihr Verhalten reagieren. Selbst der überzeugte Einzelgänger wäre ohne Eltern und Kollegen nicht derselbe Mensch.

Wie sehr der Einzelne mit seinem sozialen Umfeld verbunden ist, überrascht immer wieder auch die, die das menschliche Miteinander untersuchen: Primatenforscher, Psychologen und Neurowissenschaftler. Immer deutlicher wird, wie eng Körper und Geist im sozialen Netz verwoben sind. Ist es sicher gespannt, hält es Herz, Kreislauf und Immunsystem fit. Der Mensch lebt länger, sein Gedächtnis funktioniert besser, und er ist zufriedener.

Das Bedürfnis nach Kontakt zu anderen sei in uns angelegt, schreibt der Psychologe Daniel Goleman in seinem Buch Soziale Intelligenz. Das haben vor allem die Studien der sozialen Neurowissenschaft gezeigt. Sie sucht nach den Grundlagen des menschlichen Gemeinsinns und fördert immer mehr über jenes System zutage, das unserer Fähigkeit zu Kooperation und Einfühlung zugrunde liegt.

"Es ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen zehn Jahre, dass ein großer Teil unseres Gehirns auf die Verarbeitung sozialer Reize ausgerichtet ist", sagt Christian Keysers, Hirnforscher am Neuroimaging Center im niederländischen Groningen. Wie er sind viele Forscher inzwischen überzeugt: Diese neuronalen Schaltkreise bilden ein "soziales Gehirn", das viel mächtiger ist, als man es lange für möglich hielt. An jedem Blick, den wir austauschen, an jedem Schritt, den wir machen, ist es beteiligt. Es registriert feinste Nuancen in Mimik und Tonfall des Gegenübers, sagt intuitiv dessen nächste Handlung voraus und braucht nur selten die Hilfe des bewussten Denkens, um klug zu reagieren.

Rücksicht und Mitgefühl sind im Hirn verdrahtet

Wie wichtig diese Fähigkeit für das Leben in der Gruppe ist, zeigen Untersuchungen an Rhesusaffen, denen ein Teil dieses sozialen Gehirns fehlt. Die Forscher waren nicht zimperlich: Sie entfernten den Äffchen wichtige Teile des Frontalhirns, darunter die Mandelkerne, die auch bei Menschen zur emotionalen Frühwarnzentrale gehören. Die Tiere mutierten zu asozialen Rüpeln. Sie ignorierten die Regeln der Gruppe, stopften mit gefundenem Fressen nur ihr eigenes Maul und waren sexuell enthemmt. Die Strafe blieb nicht lange aus: Die Unruhestifter wurden von ihrer Gruppe verstoßen oder sogar getötet.