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Der Allmächtige steckt im Hirn – man muss nur fest dran glauben

Seit Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft sind philosophische Gottesbeweise aus der Mode gekommen. Der Versuch, allein mit den Mitteln des Verstandes ein religiöses Prinzip zu begründen, das per Definition den menschlichen Verstand übersteigt, ist nun einmal ein Widerspruch in sich. Dennoch haben Gottesbeweise seit einigen Jahren wieder Konjunktur. Nur sind es diesmal nicht Philosophen, sondern hartgesottene Hirnforscher, die meinen, das Göttliche dingfest machen zu können.

Zu diesen "Neurotheologen" zählt der Radiologe Andrew Newberg von der University of Pennsylvania, der die Köpfe meditierender Mönche und betender Nonnen durchleuchtete und dabei eine drastische Aktivitätsminderung in einem Hirnareal beobachtete, das normalerweise der Orientierung dient. Er schloss daraus, dass der religiöse Glaube in der Anatomie des Gehirns angelegt sei. Eine ähnliche These vertrat vor einigen Jahren der Hirnforscher Vilayanur S. Ramachandran, der nach Experimenten mit Epilepsiepatienten ebenfalls meinte, auf eine Art Gottesmodul im Hirn gestoßen zu sein.

Der schillerndste Vertreter der Neurotheologie ist allerdings Michael Persinger. Der kanadische Neuropsychologe von der Laurentian University in Sudbury behauptet, auf Knopfdruck mystische Erfahrungen hervorrufen zu können. Über einen umgebauten Motorradhelm feuert er spezielle magnetische Felder auf den Kopf seiner Probanden ab und erzielt damit offenbar durchschlagende Wirkung: Viele seiner Versuchspersonen berichteten, sie hätten in Persingers Labor eine eigentümliche "Präsenz" gespürt; manche flohen entsetzt, weil sie meinten, dem Teufel begegnet zu sein, viele andere glaubten die Gegenwart Gottes wahrzunehmen.

Schon träumen Zukunftsforscher vom großflächigen Einsatz solcher "Hirnbeeinflussungsmaschinen". Künftig könnte es im Supermarkt, so spekuliert beispielsweise der Futurologe Karlheinz Steinmüller, "fünf Minuten Erleuchtung für fünf Euro" geben.

Ist "Gott" demnach nichts anderes als ein magnetisch induziertes Flackern der Neuronen? Ganz so simpel, wie manche Forscher meinen, ist der Allmächtige nun doch nicht gestrickt. Denn bei näherem Hinsehen haben sich nahezu alle großspurigen neurotheologischen Erklärungen der vergangenen Jahre als voreilig herausgestellt.

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So wurde etwa Newbergs These vom Gottesmodul mittlerweile durch Versuche des kanadischen Psychologen Mario Beauregard gründlich widerlegt. Beauregard hat das mystische Erleben von 15 Karmeliternonnen mit bildgebenden Verfahren untersucht. Allerdings zeigte sich dabei – anders als bei Newberg – nicht eine bestimmte Hirnregion aktiv, sondern ein rundes Dutzend: Areale rechts und links im Gehirn, vorn wie hinten, im Temporal- und Parietallappen und selbst im visuellen Cortex, der fürs Sehen zuständig ist. Eine Blockierung bestimmter Areale, auf die Newberg seine Theorie zurückführt, konnte Beauregard nicht beobachten. "Es gibt also nicht so etwas wie ein ›Gottesmodul‹ im Hirn", schließt der Neuropsychologe aus seiner Studie.

Auch Michael Persingers Experimente müssen neu interpretiert werden. Schwedische Forscher von der Universität Uppsala haben seinen Versuch inzwischen nachvollzogen und ebenfalls Probanden mit Magnetsignalen aus dem Motorradhelm traktiert; zu ihrer Überraschung fiel das Ergebnis allerdings ganz anders aus als in Kanada.

Der Psychologe Pehr Granqvist hatte Persingers Anordnung in einem entscheidenden Punkt abgeändert: In Uppsala wurde peinlich darauf geachtet, dass das Mystikexperiment doppelblind ablief. Nur bei der Hälfte der Probanden schaltete Granqvist das Magnetfeld wirklich ein; der anderen Hälfte wurde die Hirnstimulation nur vorgegaukelt; und weder die unmittelbar beteiligten Experimentatoren noch die Teilnehmer der Studie wussten, wer zu welcher Gruppe gehörte.

Ansonsten waren die Versuchsbedingungen gleich: Die Teilnehmer saßen in einer schallisolierten Kammer und trugen eine schwarze Brille – unter diesen Bedingungen hatten die Magnetfelder in Persingers Experimenten religiös anmutende Erlebnisse hervorgerufen. In Uppsala saßen die Probanden ebenso wie in Sudbury eine halbe Stunde lang erwartungsvoll im Dunkeln, nur war bei manchen das Magnetfeld eben nicht eingeschaltet. Und siehe: Plötzlich berichteten auch jene von einer "gespürten Gegenwart" oder von spirituellen Gefühlen, die keinerlei magnetischem Reiz ausgesetzt waren. Am Ende war die Rate der Mystikerlebnisse sogar in beiden Gruppen gleich groß. Pehr Granqvist kam jedenfalls zu dem niederschmetternden Ergebnis, es gebe "keinerlei Hinweise auf eine Wirkung der magnetischen Felder".

Ob jemand bei diesem Versuch bewusstseinserweiternde Erlebnisse habe, hänge vielmehr von seiner "persönlichen Charakteristik" ab, meint der schwedische Psychologe. Wer etwa dem esoterischen Denken des New Age aufgeschlossen oder für Suggestionen zugänglich sei, der fühle sich unter dem Motorradhelm leicht ins Transzendente erhoben – egal ob dabei magnetische Signale im Spiel seien oder nicht.

Damit dreht sich die Interpretation von Persingers Experiment völlig: Es zeigt nicht, wie der Kanadier meint, den Einfluss der Magnetsignale auf das Gehirn, sondern belegt letztlich vor allem die Macht der Fantasie. Wer Persingers Magnethelm aufsetzt, sich von der Außenwelt abschottet, Augen und Ohren verschließt und sich ganz seinem Innenleben überlässt, kann offenbar die tollsten Reisen unternehmen, auf denen er manchmal auch Gott begegnet – "egal ob das Kabel angeschlossen ist oder nicht", wie Pehr Granqvist sagt. Man muss nur glauben, dass man für die Reise – durch angebliche Magnetfeldmanipulationen – eine Art Freifahrtschein erhält.

Umgekehrt gilt: Wem der Glaube fehlt, dem hilft auch kein noch so kräftiges Magnetfeld auf die Sprünge.

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Und was sagt uns all das über Gott? Zumindest so viel, dass ein religiöses Erleben sich nicht einfach auf Knopfdruck erzeugen lässt, sondern von der Voreinstellung des Erlebenden abhängt; von seiner persönlichen Empfänglichkeit, seiner emotionalen Ausrichtung und seiner geistigen Grundstimmung – mit einem Wort: von seinem Glauben.

Auch der überzeugte Atheist Richard Dawkins reiste nach Sudbury, um in Persingers Versuchskammer endlich eine mystische Erfahrung zu machen. Er sei "sehr enttäuscht", bekannte Dawkins hinterher. Er habe überhaupt nichts gespürt.