Es gibt Momente, in denen die Zeit auf unheimliche Weise aus den Fugen gerät. Dann wird selbst ein Wimpernschlag zur Ewigkeit, in der man alles betrachten, alles tun, sein Ziel ohne Not erreichen kann. Von solchen Momenten träumen termingeplagte Workaholics und gestresste Übermütter. Erleben dürfen sie vor allem Sportler.

Der brasilianische Fußballstar Pelé berichtete von einer "sonderbaren Ruhe", in der sich Raum und Zeit scheinbar auflösten und er das Gefühl hatte, er könne durch seine Gegenspieler regelrecht hindurchlaufen. Footballstar John Brodie erinnert sich an das Gefühl, "alle Zeit der Welt" zu haben, während die Defensivlinie auf ihn zuraste. Und Baseball-Schlagmann Ted Williams schwor gar, er habe die Naht auf dem heranschnellenden Ball betrachten können – obwohl zwischen Abwurf und Schlag nur der Bruchteil einer Sekunde verstreicht.

Wer diesen Zustand, die "Zone", erreicht, kann scheinbar die Zeit anhalten, ähnlich wie Mönche, die sich meditierend von den Minuten und Stunden unserer Welt lösen. Auch Normalsterbliche kennen das Gefühl, die Zeit dehnte sich in bestimmten Situationen wie ein Gummiband. So empfinden Unfallopfer den Moment des Aufpralls oft als unnatürlich lang, manche sehen in diesem Augenblick ihr ganzes Leben noch einmal an sich vorüberziehen. Und selbst der gewöhnliche U-Bahn-Fahrgast weiß: Eine halbe Stunde auf die Ankunft zu warten, kann eine kleine Ewigkeit dauern. Etwas Schönes zu lesen, lässt die 30 Minuten dagegen schnell verfliegen.

Was wir auf dem Weg ins Büro als willkommene Beschleunigung empfinden, wird in anderen Situationen immer häufiger zum Problem: Der Tag geht verloren, bevor die To-do-Liste abgearbeitet ist. Schon wartet das Kind vor der Schule, die Schuhe bleiben beim Schuster, die Sitzung am nächsten Tag beginnt man ohne Konzept.

Zeit wird gespart, gemanagt und geht am Ende doch verloren. Jeder zweite Deutsche steht im Job unter starkem Termindruck, mehr als die Hälfte dieser stets Gehetzten leidet unter Zeitnot, wie eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gezeigt hat. Wer hätte nicht gern mal dieses Gefühl: Die Zeit hält still, formt eine komfortable Blase, schafft Raum für unerledigte Dinge und ungedachte Gedanken?

Drogen wie Haschisch und Alkohol oder Medikamente wie Modafinil und Valium, die in die Gehirnchemie eingreifen, können unser Zeitgefühl beeinflussen. Es geht aber offensichtlich auch ohne: In unseren Träumen erleben wir während einer halben Nacht manchmal mehr als an einem ganzen Tag. Für Wissenschaftler, die sich mit solchen Phänomenen beschäftigen – Neurologen, Biopsychologen, Chronomediziner –, steht fest: Irgendwo unter unserer Schädeldecke gibt es einen Zeitmesser, den Biochemie und Umweltreize aus dem Takt bringen können. Und damit stellt sich für alle Stressgeplagten eine interessante Frage: Lässt sich die innere Uhr womöglich mit einfachen Psychotricks manipulieren? Gibt es ein mentales Programm für die Entschleunigung des Alltags, eine Anleitung für den gefühlten 25-Stunden-Tag? Je mehr die Wissenschaft dem Geheimnis der inneren Uhr auf die Spur kommt, umso deutlicher werden die Möglichkeiten – und die Grenzen –, an ihr zu drehen.

Seit Jahrzehnten versuchen Forscher zu verstehen, wie die Zeit in den Menschen kommt. Doch erst als sie aus der Zivilisation in die Höhle zurückkehrten, verdichteten sich die Anzeichen dafür, dass wir im Kopf einen Taktgeber mit uns herumtragen.

Zu Beginn der 60er Jahre wagten der deutsche Psychologe Jürgen Aschoff und der französische Geologe Michel Siffre zeitgleich Experimente, die die Chronopsychologie entscheidend voranbringen sollten. Während Aschoff unternehmungslustige Probanden für sechs Monate in einen Bunker sperrte, stieg Siffre persönlich und ohne Uhr in eine stockfinstere Höhle der Südalpen. Die Forscher wollten wissen: Welche Wirkung würden Dunkelheit und endlose Langeweile auf das Zeitempfinden und den Rhythmus des Körpers haben?

Ohne Chronometer im Gepäck verlor Siffre während des zweimonatigen Versuchs jedes Gefühl dafür, wie spät es gerade war. Die Zeit seit dem Aufstehen, seit dem letzten Rapport über das Feldtelefon, wie lange er überhaupt in dieser Höhle saß: Der Franzose hatte keine Ahnung. Alles kam ihm nur noch entsetzlich langsam vor. Und doch schien Siffres Körper die Zeit nicht vergessen zu haben. Selbst in der lichtlosen Höhle gehorchte er einem Rhythmus von etwas mehr als 24 Stunden. Siffre schlief acht Stunden, war gut 16 Stunden wach und wurde wieder müde. Aschoffs Freiwilligen widerfuhr in ihrem Bunker etwas Ähnliches. Sie lebten einen Rhythmus von durchschnittlich 25 Stunden, obwohl ihr Bewusstsein den Fluss der Zeit als schleppend empfand.

Ein erstaunliches Ergebnis. Die Experimente hatten nicht nur eine, sondern gleich zwei innere Uhren enthüllt: den Tag-Nacht-Rhythmus einerseits und das Gefühl für die vergehenden Minuten und Stunden andererseits. Beide Uhren unterscheiden sich nicht nur in ihrer Präzision und in den Zeiträumen, die sie messen. Sie sind auch völlig individuell abhängig von äußeren Reizen und dem Bewusstsein, wie spätere Experimente zeigten.

Das Empfinden von Tag und Nacht, der sogenannte circadiane Rhythmus, funktioniert selbst dann recht zuverlässig, wenn das Tageslicht uns nicht helfen kann. Diese innere Uhr sagt uns, wann wir müde oder hungrig sind, sie steuert Herzfrequenz, Stoffwechsel, Hormonspiegel, Körpertemperatur und sogar die geistige Leistungsfähigkeit.

In den 70er Jahren fanden Wissenschaftler heraus, wo jene masterclock sitzt, die den circadianen Rhythmus steuert: Sie entdeckten feine Nervenstränge in der Netzhaut von Ratten, die direkt hinter den Augen endeten, dort, wo sich die Sehnerven kreuzen. Auch der Mensch besitzt an dieser Stelle eine Insel von Nervenzellen, den suprachiasmatischen Nukleus (SCN). Es gilt als sicher, dass in diesem reiskorngroßen Areal die biologische Uhr tickt, die alle wichtigen Körperfunktionen zeitlich koordiniert, indem sie unter anderem die Ausschüttung des Hormons Melatonin kontrolliert. Ihre eigene Taktfrequenz würde etwas länger als einen Tag dauern, doch das Tageslicht eicht sie auf 24 Stunden.

Die circadiane Uhr hat jedoch keine Macht über die Empfindung jener Stunden, Minuten und Sekunden, in denen wir an der Ampel warten, von einem Termin zum nächsten hetzen oder bloß auf der Parkbank oder im Wartezimmer sitzen. Forscher reden vom interval timing des Gehirns, es geht um das Zeitgefühl, das bei Aschoffs Freiwilligen im Bunker und bei Michel Siffre in der Höhle so kläglich versagt hatte.

Ausgerechnet Neurowissenschaftler, die sich gar nicht gezielt mit dem Zeitgefühl befassen, haben die Tragweite des interval timings veranschaulicht. So behandelte der amerikanische Nervenarzt Oliver Sacks 1969 eine Gruppe von Patienten, die an extremem Parkinsonismus erkrankt und in völliger Bewegungslosigkeit erstarrt waren. Sacks gab ihnen ein damals neues Medikament, Levodopa, eine Vorstufe von Dopamin. Die Patienten erwachten – und wie sich zeigte, waren sie zuvor keinesfalls reglos gewesen. Sie hatten sich nur so extrem langsam bewegt, dass es einer Erstarrung gleichkam. Den Betroffenen indes war ihre Geschwindigkeit ganz normal vorgekommen. Sacks hat den Fall in seinem Buch Awakenings (Zeit des Erwachens) dokumentiert.

Nicht minder Drastisches berichtete der portugiesische Bewusstseinsforscher Antonio Damasio von einem Mann, der wegen eines schweren Hirnschadens seit 25 Jahren unter Amnesie litt. "Der Patient bewohnt eine permanente Gegenwart, ohne zu wissen, was vor einer Minute oder vor 20 Jahren geschah", schrieb Damasio. Zwar gelänge es dem Mann mit Hilfe des Tageslichts gelegentlich, die Uhrzeit richtig einzuschätzen. Ohne Anhaltspunkt sei ihm jedoch "der Morgen wie der Abend, und die Nacht unterscheidet sich nicht vom Tag".

Aus solchen klinischen Beobachtungen entwickelten die Forscher theoretische Modelle für die innere Stoppuhr, von denen das Schrittmacher-Speicher-Modell des Biopsychologen John Gibbon das erfolgreichste war. Die Idee: In unserem Kopf sitzt ein Taktgeber, der regelmäßig Impulse aussendet. Ein Speicher sammelt diese Impulse, und sobald ein Signal das Ende des Zeitintervalls ankündigt, vergleicht das Hirn seine gesammelten Impulse mit einer Referenz im Gedächtnis.

Das Bestechende an dem Modell war, dass es sich mit vielen Beobachtungen aus der Verhaltensforschung deckte – und dass es die menschliche Vorstellungskraft nicht überforderte. "Wir sind an solche Uhren gewöhnt", sagt Dean Buonomano, Neurologe an der University of California in Los Angeles. "Sie hängen an der Wand, wir tragen sie am Handgelenk. Sie ticken im Sekunden- oder Millisekundentakt, und sie zählen diese Ticks."

Das Modell hatte nur einen Schönheitsfehler: Im Gehirn von Tieren konnte man keine tickende Struktur entdecken. "Wir haben uns nicht sehr um die physiologische Realität gekümmert", erinnert sich Warren Meck von der Duke University im amerikanischen Durham. Als Schüler von Gibbon war er lange Zeit ein Anhänger des Schrittmachermodells, inzwischen hat er sich davon distanziert. Denn neue Techniken wie die funktionelle Magnetresonanztomografie erlauben es den Forschern, ihren Versuchsobjekten während der Experimente direkt ins Hirn zu sehen, mit Drogen und Medikamenten zu experimentieren, Elektroden zu verlegen oder gar einzelne Nervenzellen zu beobachten. "Wir fangen jetzt an, die Wahrheit zu erkennen", sagt Meck. Ein Schrittmacher gehört bislang nicht dazu.

Meck glaubt allerdings weiterhin an eine Art Zeitzentrale in unserem Gehirn, auch wenn sie kaum noch an eine Uhr erinnert, sondern eher an ein Orchester: Vor dem Konzert üben die Musiker noch und stimmen ihre Instrumente. Auf das Zeichen des Dirigenten hin synchronisieren sie ihr Spiel und folgen dem schwingenden Taktstock bis zum Schlussakkord. In unserem Gehirn ist das Dopamin der Taktstock, und die Musiker sind Nervenzellen des Kortex, von denen man weiß, dass sie auch ohne äußeren Anlass in regelmäßigen Abständen feuern, und zwar wild durcheinander. Sobald jedoch eine Region im Mittelhirn, die Substantia Nigra, Dopamin ausschüttet, feuern die Nervenzellen im Takt. Auslöser für die Dopaminausschüttung können Reize von außen sein, etwa eine Fußgängerampel, die von Rot auf Grün umschaltet.

Das Konzert im Kortex wird im tiefer liegenden Striatum belauscht. Dieses Areal des Großhirns rührt Signale aus verschiedenen Bereichen des Gehirns zu bewussten Empfindungen und Handlungen zusammen. Springt die Fußgängerampel wieder auf Rot, versiegt das Dopamin, und das Konzert wird beendet. Meck glaubt, dass die Nervenzellen des Striatums die Takt- und Frequenzmuster im Kortex erlernen und ihnen dauerhaft ein Zeitintervall zuordnen.

Je häufiger wir vor derselben Ampel stehen, desto besser können wir einschätzen, wann sie grün wird. Tierversuche stützen Mecks Modell. In Ratten, die mit Belohnungen auf eine 40-Sekunden-Spanne trainiert wurden, feuern die Neuronen des Striatums am Ende dieser Frist selbst dann, wenn die Futterprämie ausbleibt.

Im Gehirn von Huntington-Kranken degenerieren ausgerechnet jene Nervenzellen des Striatums, die laut Meck die zeitlichen Muster erkennen. Die Patienten haben Probleme, die Dauer von Tätigkeiten einzuschätzen. Und Mecks Modell erklärt auch, warum der Mensch nicht mit einem eingebauten Sekundenzeiger auf die Welt kommt, sondern das Zeitgefühl erst erlernen muss – tatsächlich schätzen Kleinkinder die Zeit oft völlig falsch ein, ihr Gehirn hat noch nicht genug geübt.

Am deutlichsten aber spricht wohl die Rolle des Dopamins für Mecks Idee der striatal beat frequency: Bei Parkinson-Kranken sterben bis zu 85 Prozent der Dopamin produzierenden Zellen in der Substantia Nigra, in besonders schweren Fällen sind es gar 100 Prozent. Das Ergebnis ist jene extreme Verlangsamung der Patienten, die Oliver Sacks beschrieben hat. Nur eine Therapie mit Levodopa kann die Fähigkeit zeitlicher Einordnung wiederherstellen. Auch beim Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom ADHS fehlt es an Dopamin, auch hier stimmt das Zeitgefühl nicht, die Betroffenen bewältigen ihre Aufgaben fast nie in der vorgegebenen Zeit. Das umstrittene Medikament Ritalin hilft, weil es den Dopaminpegel im Gehirn normalisiert.

Die Macht der Hirnchemie zeigt sich besonders deutlich bei Menschen, deren Zeitgefühl durcheinandergerät. Aber auch gesunde Menschen sind stark davon bestimmt. Und sie können ihr Zeitgefühl bis zu einem gewissen Grad manipulieren. "Viele Substanzen, die wir täglich einnehmen, beeinflussen unser Erregungslevel und ändern die Geschwindigkeit unserer Uhr", sagt Meck. Koffein und Nikotin, aber auch psychische Stimulanzien wie Computerspiele oder spannende Kinofilme können den Lauf der Zeit beschleunigen, weil sie als Nebeneffekt die Erregbarkeit des Dopaminsystems steigern. Ein öder Nachmittag im Wartezimmer oder ein paar Stunden im Zug oder auf der Autobahn dagegen mindern die Erregbarkeit und ziehen die Minuten mehr oder weniger in die Länge – ein Effekt, von dem Meck glaubt, dass man ihn mit Hilfe neuer synthetischer Drogen eines Tages sogar gezielt erzeugen könne.

In die "Zone" aber würde uns solch eine Chill-Pille wohl kaum befördern. Das überwältigende Empfinden, den Gesetzen der Physik nicht mehr folgen zu müssen – wenn also ein Athlet die Naht auf einem mit bis zu 160 Stundenkilometern heranrasenden Ball zu erkennen glaubt –, ist eine zeitliche Illusion, ein Trick unseres Denkorgans. "Leistungssportler haben so viel geübt, dass ihr Gehirn auf ein bestimmtes Signal hin denkt: Den Film hab ich schon mal gesehen", erklärt Warren Meck. Die Szenen dieses Films stammen aber nicht aus der Realität, sondern aus der gut sortierten Erinnerung eines hochtrainierten Athleten. Das Gedächtnis füllt in solchen Situationen selbst kleinste Zeiträume mit vielen Einzelheiten aus. Unser Gehirn muss nicht mehr auf die Außenwelt reagieren. Es nimmt daher auch nicht mehr wahr, wie die Zeit verrinnt.

Für alle Nichtathleten haben Chronopsychologen nur eine ernüchternde Erkenntnis parat: Sie können die gefühlte Zeit zwar dehnen, müssen dafür aber alles vermeiden, was den Dopaminpegel anhebt.

Doch selbst dann hat die Sache noch einen chronopsychologischen Nachteil: Im Nachhinein, so ergaben Versuche, erscheint uns langweilige Zeit nämlich viel kürzer als Zeit, die mit aufregenden Tätigkeiten vollgestopft ist. Denn das Gehirn beurteilt die Zeit in der Rückschau anhand dessen, was in diesem Intervall geschehen ist. Wer in kurzer Zeit viel erlebt, für den verfliegt sie im Moment des Erlebens, im Nachhinein aber erscheint sie länger.