Warum das Sumatranashorn schützen? – Seite 1

1. Was ist eine Art?

Wenn in der Schule die Systematik der Tiere dran ist, empfehlen Biolehrer als Eselsbrücke SKOFGA. Dieses Kunstwort besteht aus den Anfangsbuchstaben der Kategorien, mit denen Zoologen Lebewesen sortieren: Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art. Erfunden hat diese Einteilung der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné im 18. Jahrhundert. Die Art Hausmaus, wissenschaftlich Mus musculus genannt, gehört zum Stamm der Wirbeltiere, zur Klasse der Säugetiere, zur Ordnung der Nagetiere, zur Familie der Langschwanzmäuse und zur Gattung der Mäuse. Heute konkurrieren mehr als 20 Artkonzepte. Am häufigsten verwendet wird derzeit das des Evolutionsforschers Ernst Mayr. Er definierte "Art" als "Gruppe sich tatsächlich oder potenziell fortpflanzender Populationen, die von anderen solchen Gruppen in reproduktiver Hinsicht isoliert ist". Also als eine Fortpflanzungsgemeinschaft, die es nicht allzu oft mit Fremden treibt.

2. Was ist Artenschutz?

Natur-, Arten- und Tierschutz: Im täglichen Sprachgebrauch werden diese Begriffe oft durcheinandergebracht. Dabei sind die Ziele sehr verschieden. Artenschützern geht es vor allem um den Erhalt von Pflanzen- und Tierarten. Der Artenschutz ist also ein Teilgebiet des Naturschutzes, bei dem es auch darum geht, Landschaften und Ökosysteme zu bewahren. Deutlich abzugrenzen ist dagegen der Tierschutz. Dabei geht es um das Wohl von Tieren in Menschenobhut, zuweilen auch um Wildtiere. Im Fokus steht das einzelne Tier, nicht die Erhaltung der Art.

3. Wer kümmert sich um den Artenschutz?

Um den Erhalt wilder Tiere und Pflanzen bemühen sich Tausende Institutionen, etwa Behörden, wissenschaftliche Institute und Stiftungen. Die Dachorganisation, in der sie versammelt sind, heißt World Conservation Union, hat jedoch die Abkürzung ihres alten Namens (International Union for Conservation of Nature and Natural Ressources) behalten: IUCN. Sie gibt die Roten Listen heraus, die den Status der Arten in ein mehrstufiges System von "nicht gefährdet" über "vom Aussterben bedroht" bis "ausgestorben" einordnen. Nach Angaben der IUCN von 2007 sind weltweit 16306 Tier- und Pflanzenarten gefährdet. Die wichtigste Ursache für das Dezimieren vieler Arten war früher die übermäßige Jagd, heute ist es der Lebensraumverlust.

4. Worum geht es im Mai in Bonn?

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Im Jahr 1992 wurde das Übereinkommen über Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) auf der Rio-Konferenz beschlossen, 190 Staaten haben es unterzeichnet. Ziele der CBD sind der Schutz der biologischen Vielfalt, deren nachhaltige Nutzung und ein gerechter Ausgleich für die Gewinne, die aus dem Einsatz genetischer Ressourcen entstehen. Alle zwei Jahre kommen die CBD-Vertragsstaaten zu einer Konferenz zusammen, dieses Jahr treffen sie sich in Bonn. Voraussichtlich 5000 Teilnehmer werden darüber beraten, ob die Weltgemeinschaft dem auf der CBD-Konferenz 2002 gesteckten Ziel näher gekommen ist. Damals wurde beschlossen, die Verlustrate biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 signifikant zu senken. Die EU will den Artenverlust in Europa sogar ganz stoppen.

5. Wie viele Arten gibt es?

Es klingt unglaublich, doch niemand weiß, wie viele Tier- und Pflanzenarten auf der Erde leben. Der Wissenschaft bekannt sind bisher rund 1,75Millionen Spezies, davon sind etwa 400000 Pflanzen. Doch auch diese Zahl ist unsicher, da nicht alle beschriebenen Arten zwischen den Forschungsinstitutionen abgeglichen wurden. Es können also noch Doppelte darunter sein. Das Zählen ist auch deswegen schwierig, weil manche Arten sich nur äußerlich voneinander unterscheiden, genetisch jedoch gleich sind. In anderen Fällen wurden dagegen mit Hilfe der Genforschung mehrere Spezies entdeckt, die man früher für Variationen derselben Art gehalten hatte. Die Säugetiere umfassen nur zirka 5500 Arten, die Vögel 9800. Die meisten bekannten Arten gehören zur Gruppe der Insekten (etwa eine Million).

Anfang der 80er Jahre entdeckte der Insektenforscher Terry Erwin in den Kronen einiger Tropenbäume in Panama erstaunlich hohe Zahlen zuvor unbekannter Käfer. Nach diesen überraschenden Funden schätzten einige Biologen die Zahl der unentdeckten Arten extrem hoch ein. In den 90er Jahren reichten die Schätzungen bis zu 112 Millionen. Heute ist man davon abgerückt und rechnet mit zirka 10 bis 20 Millionen unbekannten Arten. Die meisten noch unbeschriebenen Organismen werden zurzeit in der Tiefsee entdeckt. Doch auch unbekannte Landsäugetiere tauchen von Zeit zu Zeit auf. So stießen Forscher im Jahr 2006 in Tansania auf das Grauköpfige Rüsselhündchen sowie eine Affenart, den Kipunji. Zentren der Artenvielfalt sind die Meere und die tropischen Regenwälder.

6. Wie viele Arten sterben aus?

Da man nicht weiß, wie viele Arten es gibt, liegt auch die Aussterberate im Dunkeln. Schon in den 60er und 70er Jahren wurde ein gewaltiges, durch den Menschen verursachtes Artensterben vorausgesagt. So behauptete der amerikanische Insektenkundler und Bestsellerautor Paul Ehrlich, dass es von 2025 an praktisch gar keine wild lebenden Tiere mehr auf der Welt geben werde.

Auch wenn sich diese düsteren Prognosen nicht bewahrheiten: Es gilt als sicher, dass durch den Menschen ständig Arten aussterben. Da in Südamerika, Zentralafrika und Südostasien nach wie vor heftig gerodet wird, verschwinden dort permanent Klein- und Kleinstlebewesen. Die Schätzungen schwanken zwischen einigen Dutzend Arten pro Jahr und mehreren Hundert am Tag. Die meistzitierte Aussterberate stammt vom Insektenkundler und Soziobiologen Edward Wilson: Er nimmt an, dass täglich 70 Arten verloren gehen. Da Wilson in Fachkreisen hohes Ansehen genießt und mit seinen Büchern über Biodiversität internationalen Erfolg hatte, wurde seine Schätzung besonders populär. Als sich die G8-Umweltminister im März 2007 in Potsdam trafen, bevorzugten sie jedoch eine pessimistischere Schätzung und bezifferten den täglichen Verlust mit 150 Spezies.

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Solche Schätzungen entstehen nach einer speziellen Rechenmethode. Ausgehend von einer sehr hohen Zahl unbekannter Insekten im Regenwald, rechnet man diese auf den globalen Regenwaldverlust hoch. Dabei kommt die 90/50-Regel aus der Inselökologie zum Zug. Werden 90 Prozent der Naturfläche auf einer Insel zerstört, verschwinden 50 Prozent der Arten. Das muss aber nicht auf Kontinente zutreffen, denn dort haben Pflanzen und Tiere eher die Möglichkeit, in andere Lebensräume auszuweichen. Dies zeigte sich im Atlantischen Regenwald Südamerikas: Er wurde zu mehr als 90 Prozent gerodet – es verschwand jedoch keine bekannte Art.

Wie viele Arten natürlicherweise aussterben, also ohne Zutun des Menschen, kann ebenfalls nur sehr vage geschätzt werden. Einige Wissenschaftler vermuten, dass es etwa zwei Dutzend pro Jahr sein könnten.

7. Welche Arten sind bedroht?

Laut IUCN sind ein Drittel aller Amphibien, jede achte Vogelart und jede vierte Säugetierart gefährdet. Sieht man einmal vom Verschwinden regionaler Unterarten ab, dann wurde im Jahr 2007 das erste große Säugetier seit mehr als einem halben Jahrhundert als ausgestorben registriert: der chinesische Flussdelfin Baiji. 55 Jahre zuvor verschwand die Karibische Mönchsrobbe. Dass trotz der Ausbreitung von inzwischen rund 6,7 Milliarden Menschen auf dem Planeten bisher relativ wenige bekannte Tiere ausgestorben sind, liegt auch am Engagement vieler Tausend Wissenschaftler und Laien, die sich weltweit um den Schutz der Natur kümmern.

8. Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Der jüngste Report des Weltklimarates sagt voraus, dass ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten den Klimatod sterben werde. Manche Wissenschaftler widersprechen, darunter der deutsche Zoologe Josef Reichholf. Dass wärmere Temperaturen zu einem Rückgang der Artenvielfalt führten, sei keine plausible Prognose. Zwei bekannte ökologische Gesetze sprächen dagegen. Erstens ist die Biodiversität in der Nähe des Äquators am höchsten und an den Polen am geringsten. Zweitens waren die Warmzeiten der Geschichte immer die artenreichsten. Auch dem Wappentier des Klimawandels, dem Eisbären, geht es nicht schlecht. Nur zwei von 20 Populationen schrumpfen, die anderen stagnieren oder wachsen.

Allerdings gibt es einen Aspekt im Kampf gegen die globalen Erwärmung, der die Existenz vieler Arten tatsächlich bedroht: die massive Regenwaldrodung in Indonesien und Malaysia, um Platz für Ölpalmen-Plantagen zu schaffen. Sie werden angelegt, um den europäischen Bedarf an Biotreibstoffen zu decken. Hunderte seltener Arten wie der Sumatratiger, der Orang-Utan und das Sumatranashorn verlieren so ihren Lebensraum. Der steigende Drang, das Klima zu schützen, zerstört eine Schatzkammer der Biodiversität.

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9. Wie sieht es in Deutschland aus?

Fast 48000 Tierarten leben in Deutschland. Im weltweiten Vergleich gehört es zu den Gebieten mit geringer Artenvielfalt. Und nur ein Bruchteil der Spezies davon ist endemisch, kommt also nur hier vor. Die Lebensräume vieler Pflanzen und Tiere umfassen nahezu ganz Europa und das nördliche Asien. "Wenn das Saarland morgen verschwinden würde", sagt der deutsche Biogeograf Paul Müller, "stürbe keine einzige Art aus."

Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat gezeigt, dass Tiere zurückkehren, die durch übermäßige Jagd oder industrielle Verschmutzung selten geworden waren. Dazu gehören viele Großtierarten wie Steinbock, Luchs oder Schwarzstorch. Auch in den Städten nimmt die Artenvielfalt wieder zu. Doch jenseits dieser Erfolgsgeschichten werden auch in Deutschland die Roten Listen länger. Vor allem die Landwirtschaft gefährdet Pflanzen und Tiere – deutlich mehr als Industrie, Straßenbau und Verkehr. Zu viel Stickstoff als Dünger im Boden ist die Hauptursache dafür, dass die Vielfalt in Agrargebieten zurückgeht. Da jahrtausendelang Nährstoffmangel der Normalfall war, vertragen nur wenige Arten den Nährstoffüberschuss.

10. Was kann man tun?

Der Schutz von wild lebenden Tieren und Pflanzen ist in erster Linie eine ökonomische Frage. Artenschutz ist immer dann besonders erfolgreich, wenn der Erhalt der Natur mehr einbringt als ihre Zerstörung. Das gilt etwa für Gebiete mit gut organisiertem Tourismus. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Schutzgebiete der Welt rapide anstieg, als der Ferntourismus aufkam. Ohne Urlauber wäre die Serengeti heute wohl Acker- oder Weideland. Inzwischen gibt es über 100000 Schutzgebiete auf der Welt, die etwa zwölf Prozent der Landfläche umfassen.