Der Retter des Rhönschafs

Die Rhönschafe sind seine Lieblinge. In sie hat Udo Pößel die meiste Zeit, den größten Ehrgeiz investiert. Wenn er von ihnen spricht, klingt er wie ein Vater, der von seinen wohlgeratenen Kindern erzählt. Aus einer Box, die mit Stroh ausgelegt ist, zieht der Züchter ein Rhönschaflamm mit der typischen Färbung: Kopf schwarz, Körper weiß. Der Landwirt streichelt es, bis die Mutter aufspringt und blökt, dann legt er es zurück zu ihr. "Einen Tag alt", sagt Pößel. Im Stall kuscheln sich Hunderte Lämmer an ihre Mütter. Als Udo Pößel 1970 die ersten beiden Rhön-schafe für seinen Hof am Rand des Kyffhäuser-Höhenzugs in Thüringen kaufte, gab es in der DDR nur noch etwa 50 Mutterschafe und 15 Böcke. Pößel begann mit der Zucht, fuhr nach Suhl und Berlin, um die letzten Böcke aus Tierparks zu retten. Heute gibt es dank ihm und einigen anderen Züchtern wieder mehrere Tausend Rhönschafe. Ob er es sich auch weiterhin leisten kann, die Rasse vor dem Aussterben zu bewahren, hängt allerdings von den Vorlieben der Deutschen ab.

Udo Pößel hofft auf eine Renaissance des guten Geschmacks. Über Jahre galt Schaffleisch als zu streng. Doch das ändert sich gerade, seit Kurzem zeigt der Verein Slow Food Deutschland Interesse. In einer Broschüre preisen die Feinschmecker das Fleisch als "außerordentlich wohlschmeckend" an. Etwa hundert Kunden, die in der Nähe von Pößels Hof wohnen, sehen das offenbar ähnlich. Sie kaufen Lämmer als lebende Rasenmäher für eine Saison. "Und im Herbst gönnen sie sich einen Lammbraten." Pößel sagt das ohne Sentiment, seine Schafe sind Nutztiere, kein Selbstzweck.

Sicher, die Zucht betreibe er auch "aus Liebe zur Seltenheit", wie er sagt, die alten Rassen bezeichnet er als "Kulturgut". Und er sei stolz, dass Züchter aus dem Westen über seine Schafe staunten. Er habe ja noch den drahtigen, ursprünglichen Typ, sagten die zu ihm. Sein Betrieb trägt das Etikett "Arche-Hof", ein Gütesiegel der Gesellschaft für Betriebe, die mehrere bedrohte Arten züchten. Pößel zieht auch Sattelschweine, Pommernenten und Barthühner auf – sie würde es ohne Menschen wie ihn vielleicht ebenfalls nicht mehr geben.

Zugleich muss der Züchter seinen Hof jedoch wirtschaftlich führen. Das gilt für Pößel wie für jeden anderen Landwirt. Dazu gehört Tierliebe, aber die Tiere sollen sich auch rechnen. Das aber wird immer schwieriger: "Wenn die Kosten für Futter weiter steigen, könnten die Bestände des Rhönschafs bald deutlich sinken", fürchtet er, "wir brauchen höhere Fleischpreise als die, die am Markt gezahlt werden, sonst macht es keinen Sinn."

Zum Glück interessieren sich nun auch immer mehr Edelrestaurants für das Rhönschaffleisch – und die zahlen mehr als den üblichen Marktpreis. Schließlich hat das Rhönschaf sogar ein bisschen Weltgeschichte geschrieben: Napoleon entdeckte es auf dem Rückweg von seinem Russlandfeldzug als Delikatesse. Schäfer trieben daraufhin Hunderte von Schafen nach Paris. "So ein Tier darf doch nicht für immer verloren gehen", sagt Pößel. Wenn seine Schönheit das Rhönschaf schon nicht vor dem Aussterben bewahren kann, dann doch hoffentlich sein Geschmack.