Wo waren die Ärzte? Wo waren sie, als die Soldaten die Häftlinge wie Hunde an die Leine nahmen? Als sie ihnen Kapuzen über die Köpfe zogen und ihnen Stromkabel an die Finger klemmten? Das wollte Steven Miles von dem Moment an wissen, als er die Bilder aus Abu Ghraib zum ersten Mal sah. Schließlich arbeiteten in dem Gefangenenlager auch Militärärzte. "Und Ärzte müssen für Menschen sorgen, dazu sind sie da", sagt Miles. Auch, wenn sie bei der Armee arbeiten, an einem Ort wie Abu Ghraib. Auch, wenn es um die Gesundheit der Menschen geht, die man zu Feinden erklärt hat.

Heute kennt Steven Miles die Antwort, und sie hat ihn so erschüttert, dass er möglichst vielen davon erzählen will. Er ist Professor für Medizinethik an der University of Minnesota und praktiziert selbst als Arzt. Nachdem im Frühjahr 2004 jene Fotos in die Medien gelangten, auf denen zu sehen war, wie amerikanische Soldaten Kriegsgefangene foltern, begann er, Dokumente zu durchsuchen – Berichte des Militärs über interne Untersuchungen, Zeugenaussagen, Todesurkunden. Die US-Regierung hatte die Unterlagen über Folter in Abu Ghraib, Guantánamo und anderen Gefangenenlagern auf öffentlichen Druck hin freigegeben. Miles hat inzwischen etwa 100.000 Seiten gelesen, Akten zu den Schicksalen der einzelnen Gefangenen angelegt und ein Buch geschrieben. Mit dessen Titel klagt er die Militärärzte an: Oath Betrayed, "Der verratene Eid".

Jetzt reist er durch Deutschland und Skandinavien, trifft Ärztevertreter und Menschenrechtler. Sie sollen hören, was er herausgefunden hat. "Als ich mit meinen Nachforschungen anfing, erwartete ich, dass die Mediziner über die Misshandlungen Meldung gemacht hätten und dass das Militär die Berichte dann unterdrückt hätte", sagt Miles. Doch so war es nicht.

Der Gefangene "Guantánamo 063", Mohammed al-Qahtani, wurde zwischen dem 23. November 2002 und dem 11. Januar 2003 fast durchgehend verhört. Ihm wurde vorgeworfen, die Anschläge vom 11. September mitgeplant zu haben. Die Militärs wechselten sich in Schichten ab. Sie hielten den Häftling wach, indem sie laut Musik spielten oder ihn anschrien. Mehrmals am Tag kamen Sanitäter in den Verhörraum. Nach einer Weile bemerkten sie, dass seine Arme und Beine geschwollen waren, weil er so lange an den Stuhl gefesselt war. Sie holten einen Militärarzt. Der wickelte Verbände um die Stellen, die Verhöre gingen weiter. Erst als der Gefangene wegen der voll aufgedrehten Klimaanlage unterkühlt war und sein Herz nur noch 35-mal in der Minute schlug, unterbrachen die Soldaten die Befragung für einen Tag und ließen ihn behandeln. Danach machten sie weiter.

Steven Miles spricht im Hamburger Ärztehaus über diesen Fall, erzählt mit ruhiger Stimme, was passierte – und was nicht passierte: Keiner der Mediziner meldete die Misshandlungen. Das FBI veranlasste schließlich die Untersuchung, die es Miles ermöglichte, den Fall zu rekonstruieren. Am 13. Mai 2008 ließ das Pentagon dann die Anklage gegen al-Qahtani fallen.

Was der Gefangene aber zuvor durchmachte, hat Miles in einer PowerPoint-Präsentation zusammengefasst. Die Stationen des Martyriums erscheinen jetzt an der Wand hinter ihm, mit Spiegelstrichen untereinander aufgelistet. Ganz oben stehen dort die Verhörmethoden. Die Militärs zeigten al-Qahtani Filme mit Titeln wie Stirb, Terrorist, stirb. Soldatinnen unterrichteten ihn darin, wie der Koran richtig zu interpretieren sei. Der strenggläubige Muslim wurde gezwungen, einen BH zu tragen, bekam einen Frauentanga über den Kopf gezogen und musste mit einem Soldaten tanzen. Die Militärs ließen ihn wie einen Hund bellen und Fotos von Terroristen anknurren.