Es war eine kuriose Einweihungsparty auf dem Gipfel der Erddeponie Hölderle. Die Gastgeber – Landrat, Bürgermeister und Naturschützer – hatten eine ganze Tiefkühltruhe mit Wildfleisch gefüllt und warteten darauf, ihren Gästen das Essen zu servieren. Aufgeregt schauten sie gen Himmel, denn von dort sollten sie kommen: riesige Gänsegeier und ihre kleinen Verwandten, die Mönchsgeier.

Für sie weihten die Herren im Mai eine Futterstelle in der Nähe von Balingen auf der Schwäbischen Alb ein. Etwa 150 Jahre lang galten die Vögel mit der zotteligen Krause am Langhals in Deutschland als ausgerottet, doch seit zwei Jahren sind sie zurück, zumindest als Besucher. Jedes Frühjahr kommen sie aus ihren heimischen Gefilden in Südfrankreich und Spanien den weiten Weg hierher geflogen – eine große Ausnahme im Jahrtausend des Artensterbens.

Alles begann im Mai 2006, als der Besitzer eines Falkenhofs in Bayern einen wilden Gänsegeier überraschte, der im Gehege seiner zahmen Geierdame saß und diese ungeniert anbalzte. Wenig später erschrak ein Jäger in Mecklenburg-Vorpommern über einen Schwarm »unbekannter Großvögel«, die laut geckernd ein verendetes Rind verspeisten. Es folgte eine wahre Geierinvasion, und auch in diesem Jahr sind sie wieder in Deutschland: Schon im April tauchte der erste Geier im Oberfränkischen Hausen auf. Seither werden regelmäßig auch größere Geschwader gesichtet, die auf Futtersuche über deutsche Lande ziehen.

Diesen Text finden Sie in der Ausgabe 05/2008 des Magazins ZEIT WissenWeil die Suche nach Aas allerdings oft erfolglos bleibt, sind viele Geier hungrig. Vogelfreunde retten geschwächte Tiere mit Leitern von Bäumen und richten ihnen Futterstellen ein. »Wir wollen unbedingt vermeiden, dass Geier mit Schwächeanfällen zu Boden gehen«, sagt Dieter Haas, der die Futterstelle auf der Schwäbischen Alb mit initiiert hat.

Was aber zieht die Geier auf einmal zurück nach Deutschland? Die europäischen Experten sind sich uneins. »Hungerflüchtlinge« nennt sie Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland – denn eine EU-Verordnung zur Kadaverbeseitigung sei schuld daran, dass den Geiern in ihren südeuropäischen Heimatländern die Nahrung ausgehe. Sein französischer Kollege Pascal Orabi von der Naturschutzorganisation LPO (Ligue pour la Protection des Oiseaux) widerspricht ihm jedoch. Er ist überzeugt davon, dass die Vögel Ausflüge in Richtung Norden wagen, weil sie in Schutzprojekten erfolgreich aufgepäppelt wurden.

Der Hintergrund: Im Jahr 2002, in Zeiten höchster BSE-Panik, verbot die EU den Bauern per Verordnung 1774/2002, totes Vieh auf Weiden oder offenen Sammelstellen liegen zu lassen. Stattdessen muss es in geschlossenen Tierbeseitigungsanlagen vernichtet werden. Die einzige Ausnahme sind behördlich genehmigte, hygienisch unbedenkliche Futterplätze – so einen haben die Balinger gebaut. Zwar gilt die Verordnung für alle EU-Länder, Spanier und Franzosen gehen damit aber ganz unterschiedlich um.

In Spanien schlossen die Behörden von einem Tag auf den anderen die muladores – so heißen die offenen Sammelstellen, zu denen Bauern jahrelang ihre verendeten Tiere brachten. Weil die Geier dort früher so herrlich schmausen durften, entwickelten sie sich zu Europas prächtigster Gänsegeier-Population, rund 18000 Brutpaare zählten die Spanier jedes Jahr. Seit die Sammelstellen abgeschafft wurden, hungern die Vögel. Die Folgen sind deutlich: Weniger Geierweibchen legen Eier, weniger Junge werden flügge. Überall in Spanien stranden schwache Vögel, stärkere lassen sich vom Wind über Hunderte Kilometer nach Norden tragen, in der Hoffnung auf Futter.