Und die Gesundheitskarte kommt doch noch. Anfang 2009 beginnen die Krankenkassen mit dem "Basis-Rollout" in der "Durchstichregion" Nordrhein. Wer so redet, muss sich nicht wundern, wenn die Betroffenen mit dem Schlimmsten rechnen. Dabei ist in diesem Fall das Schlimme gerade, dass sich gar nichts ändert: Auf dem Chip der neuen Karte sind die gleichen Daten gespeichert wie auf der alten: Name, Krankenkasse, Versichertennummer, Gültigkeitsdauer. Mehr nicht.

Dabei hatte der Bundestag so viel im Sinn, als er die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beschloss. Acht Jahre ist das jetzt her. Sie sollte der Generalschlüssel werden zu einer wunderbaren Welt gut organisierter und sinnvoll vernetzter medizinischer Betreuung. Die Vision: Der Notarzt muss sie nur in sein Lesegerät stecken, schon kennt er Blutgruppe, Allergien und Erkrankungen des Unfallopfers. Zudem verhindert die Karte, dass Ärzte unverträgliche Medikamente gleichzeitig verschreiben, und vermeidet so jedes Jahr Tausende Todesfälle. Röntgenbilder gehen auf dem Weg zwischen Praxen, Krankenhaus und Reha-Klinik nie wieder verloren. Eine elektronische Patientenakte enthält alle Informationen für eine Behandlung. Unleserliche Rezepte, unauffind-bare Diagnosen – Vergangenheit. Und der Arzt hat endlich Zeit für seine Patienten.

Was für ein schöner Traum – auch wenn Kritiker fürchten, es könne ein Albtraum daraus werden. Sie warnen, unsere Gesundheitsdaten könnten bei Erpressern, Versicherungen, Arbeitgebern landen – vielleicht sogar beim Staat. Zwar gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, doch ist die neue Karte dank einer Verschlüsselung besser geschützt als viele Bankkonten. Wenn zusätzlich noch jeder selbst entscheiden kann, ob seine Patientenakte elektronisch geführt wird, ist der Nutzen deutlich größer, als es die Gefahren sind.

Doch Notfalldaten, elektronisches Rezept und Krankenakte – all das bleibt auch nach Einführung der neuen Karte erst einmal Zukunftsmusik. Obwohl es schon Dutzende Testprojekte gibt, ist noch nicht einmal geklärt, wie die genauen Abläufe in den Arztpraxen aussehen sollen.

Einziger Unterschied der neuen Karte zur alten ist erst einmal das aufgedruckte Passfoto. Das nutzt nur den Krankenkassen. Sie erhoffen sich Einsparungen, weil die Karte nicht mehr an Unversicherte weitergegeben werden kann. Auch der Nutznießer der ersten Onlineanwendung steht schon fest: ebenfalls die Krankenkassen. Bei jedem Arztbesuch wollen sie die Versichertendaten prüfen und Korrekturen sofort auf der Karte speichern. Das spart ihnen Geld für die Aus- stellung neuer Karten nach Umzug oder Heirat.

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Die Nachteile aber sollen andere haben: Die Ärzte erwartet Ärger mit der Umstellung ihrer Computer. Und die Patienten machen sich Sorgen um ihre Daten. So hat sich das Projekt im Hickhack der Lobbyisten festgefressen. Der Beginn des "Rollouts" ändert daran wenig.