Was waren das für Zeiten! Die "Apotheke der Welt" wurde Deutschland genannt. Chemiegiganten wie Bayer, BASF und Hoechst lieferten Arzneimittel in alle Welt, sie gehörten bis in die achtziger Jahre zur Elite der Pharmabranche. Traut man den Worten des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), ist die Pharmaindustrie auch heute noch der Motor medizinischer Innovation. Seinen Slogan "Fortschritt ist die beste Medizin" kennt fast jeder. Erst Ende Dezember verkündete der VFA, die Branche habe ein "weiteres Mal einen Spitzenwert" erreicht – 31 Medikamente mit neuen Wirkstoffen seien im Jahr 2008 in Deutschland eingeführt worden. Für 2009 verspricht Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer weitere Neuheiten: "Im Verlauf dieses Jahres werden forschende Pharmaunternehmen vielen Patienten mit schweren Erkrankungen wieder neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen."

Die Pharmaindustrie: eine einzige Erfolgsgeschichte. Wirklich?

Schaut man sich Zahlen aus den USA an, kommen Zweifel auf. Dort zählt die Food and Drug Administration (FDA), die alle Arzneimittel auf Wirksamkeit und Sicherheit überprüft, in jedem Jahr akribisch alle erstmals zugelassenen "neuen molekularen Wirkstoffe". Als echte Neuheit gelten dabei nur solche, die bisher niemals für die Therapie menschlicher Erkrankungen vermarktet wurden. 2007 erteilte die FDA lediglich 19 Wirkstoffen erstmals eine Zulassung – ein historischer Tiefstand.

In Deutschland sieht es nicht anders aus. Auf die stolze Summe von 31 neuen Medikamenten kommt der VFA nur, weil er auch chemisch identische Nachahmerpräparate konkurrierender Hersteller mitzählt, bekannte Wirkstoffe addiert, die es neuerdings als Saft zusätzlich zur Tablettenform gibt, oder neue Anwendungen einer bereits zugelassenen Arznei – so sinnvoll sie auch sein mögen – als echte Innovation verkauft.

Nur mühsam kaschieren die VFA-Zahlen ein Problem, das sich seit Jahren weltweit verschärft: Pharmafirmen bringen immer weniger wirklich neue Medikamente auf den Markt. Die abnehmende Innovationskraft löst Schockwellen in der forschenden Arzneimittelindustrie aus. Denn ihr Geschäftsmodell hängt seit über hundert Jahren an einem steten Strom lukrativer Innovationen, der bisher Patienten in aller Welt zugutekam. Weil Patente auf Wirkstoffe den Herstellern ein meist nur 20 Jahre währendes Monopol garantieren, sind neue Mittel überlebenswichtig. Sie verhindern, dass es zu Umsatzausfällen kommt, wenn der Patentschutz alter Wirkstoffe ausläuft.

Genau diese Einbußen drohen aber: Markenprodukte, darunter auch die sich gut verkaufenden Blockbuster, mit einem Jahresumsatz von geschätzten 130 Milliarden Dollar verlieren bei den 20 umsatzstärksten Arzneimittelherstellern in den kommenden Jahren ihren Patentschutz. Der Anteil billiger Nachahmersubstanzen, sogenannter Generika, könnte dann laut einer aktuellen Analyse der US-Bank J. P. Morgan bis zum Jahr 2010 auf 75 Prozent der Weltmarktumsätze für Arzneimittel ansteigen. Zum Vergleich: 2001 betrug er nur 50 Prozent. Seither steigt er von Jahr zu Jahr.