Seine Bühne ist ein kahler Raum, der Fußboden abgewetzt. Auf dem Tisch steht ein Fernseher, darunter liegt eine Drahtspule, dazwischen fuchtelt Marin Soljacic mit den Armen in der Luft herum. Es sieht ein bisschen so aus wie bei David Copperfield, der eine junge Frau schweben lässt und zeigen will, dass sie nicht an Seilen hängt. Hier schwebt aber niemand, stattdessen springt der Fernseher plötzlich an. Soljacic lächelt verlegen. Er sagt: »Es geht ohne Kabel.« Der Strom fließt durch die Luft.

Tatsächlich, der Fernseher ist nicht mit der Steckdose verbunden. Aber Soljacic ist kein Magier, sondern Physiker, und der Trick mit dem Fernseher ist keine Illusion, sondern Wissenschaft, begutachtet von anderen Forschern, veröffentlicht in Science. Er will die Welt vom Kabelgewirr befreien, drahtlose Geräte wirklich drahtlos machen, die letzte Leitung kappen, das Netzkabel. Denn was nutzen Bluetooth, UMTS und das schnellste WLAN, wenn Handy und Laptop dauernd an der Steckdose hängen? Soljacic will die Energie für mobile Geräte so übertragen, wie heute schon Informationen transportiert werden – durch die Luft.

Dieser Mann ist ein Genie. Jedenfalls hat er 2008 den »Preis für Genies« bekommen, das MacArthur-Stipendium: 500000 Dollar zur freien Verfügung. Das Magazin Technology Review wählte ihn 2006 zu einem der »Young Innovators under 35«. Jetzt hat er eine Firma gegründet – WiTricity, für Wireless Electricity, Strom ohne Kabel – und einen Mann fürs Marketing angestellt.

Drahtlose Energieübertragung: Ein Wechselstrom fließt durch eine Drahtspule (unten) und erzeugt ein pulsierendes Magnetfeld, das in einer zweiten, genau auf diese Frequenz geeichten Spule (im Laptop) wiederum elektrischen Strom induziert. Dieses Prinzip heißt gekoppelte Resonanz und macht die Energieübertragung besonders effizient. Über größere Entfernungen geht bislang allerdings zu viel Energie verloren © ZEIT WISSEN GRAFIK

Die Geschichte seiner Erfindung hat Soljacic, Professor für Physik am Massachusetts Institute of Technology, schon oft erzählt, seit der Science- Veröffentlichung rufen dauernd Journalisten an. »Meine Frau denkt nie daran, ihr Handy aufzuladen, und dann piepst es, und man muss das Ladegerät finden und das Handy aufladen, sonst hört es nicht auf, und das passiert natürlich immer nachts. Und da habe ich gedacht: Wäre es nicht toll, wenn sich das Ding selbst ums Aufladen kümmern würde?«

Klingt wie auswendig gelernt. Hat der Marketingmann ihm das aufgeschrieben? Nein, versichert Soljacic, die Geschichte sei wahr.

Er hat sich ein Sakko übergezogen, aber in die Rolle des Unternehmensgründers muss er noch hineinwachsen. »Das haben noch nicht einmal hundert Leute gesehen«, sagt er nach der Vorführung ohne Enthusiasmus und lässt die Schultern hängen. Er will das offenbar schnell hinter sich bringen. Soljacic ist ein Wissenschaftler, der gerade zum Geschäftsmann wird. »Meine natürliche Umgebung ist die Uni«, sagt er, »mein Job ist es, über Sachen nachzudenken. Diese Aufmerksamkeit bin ich nicht so gewohnt.«

Soljacic ist bescheidener als Nikola Tesla, jener exzentrische Elektropionier, der schon Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte, Strom durch die Luft zu schicken. Auf Long Island, nur ein paar Hundert Kilometer entfernt, stellte er einen Turm auf, um mit Radiowellen Strom um die ganze Erde zu senden. Das Projekt wurde nie fertiggestellt, der Geldgeber stieg aus. Funktioniert hätte die Technik ohnehin nicht.

Die von Soljacic funktioniert. Im Sommer 2007, mehr als hundert Jahre nach Teslas Turmbau, brachte er eine Glühbirne zum Leuchten. Zwei Meter weit floss der Strom dafür durch die Luft.