Volker Mommsen kennt drei Arten von Hochwasser: Die tägliche Flut spült Touristen auf einem Ausflugsdampfer nach Hallig Gröde. Die Springflut bei Weststurm setzt die Wiesen unter Wasser. Und dann ist da noch die Jahrhundertflut, die kniehoch in der Küche steht. Die letzte kam 1976, da war Volker Mommsen 18 Jahre alt.

Nun sitzt er in einem Baucontainer am Ufer und wartet auf einen Schlepper mit Steinen für die Uferbefestigung. Mommsen ist seit 21 Jahren Bürgermeister von Gröde, parteilos, einer muss es ja machen. 60 Schafe, 17 Einwohner, ein Kiosk – Hallig Gröde ist Deutschlands kleinste Gemeinde. Auf dem Festland heißt es: Als auf Gröde die erste Stimme für die Grünen gezählt wurde, wusste man, dass der Klimawandel kommt. Das ist nur ein Scherz, aber manchmal fragt Volker Mommsen sich wirklich, ob es bald eine vierte Art von Hochwasser geben wird. Die Politiker im Fernsehen reden davon, die Touristen am Kiosk, die Wissenschaftler, er kann das Wort Klimawandel schon nicht mehr hören.

Mommsen hat die Ärmel hochgekrempelt, er sieht ein bisschen aus wie der junge Clint Eastwood, aber er kämpft hier nicht gegen Schurken, sondern gegen den Blanken Hans, so nennen sie im Norden die Sturmflut. Er arbeitet im Küstenschutz, wie sein Bruder und sein Schwiegersohn, sein Vater ist schon in Rente, sie alle wohnen auf Gröde. Verlöre er den Kampf, würde Mommsen wohl zum Klimaflüchtling. Denn die zehn Halligen an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste sind so etwas wie Deutschlands Malediven, nur mit Watt statt Korallen. Sie liegen einen halben Meter über der mittleren Flut, haben keine oder nur niedrige Deiche und werden mehrmals im Jahr überflutet. Nur die Häuser auf den Erdhügeln, Warften genannt, ragen dann noch aus dem Meer. Für das Festland fungieren die Halligen als Wellenbrecher.

Die Malediven sind ein Symbol dafür, wie arme Staaten unter den Folgen des Klimawandels kapitulieren. Ihr Präsident will Geld sparen, um in Indien oder Sri Lanka eine neue Heimat für sein Volk zu kaufen.

Rückzug? Das ist in Deutschland kein Thema. Der Erhalt der Halligen, hat Mommsens Vorgesetzter im Küstenschutz Hannes Oelerich gesagt, sei "ein Symbol dafür, ob wir mit dem Klimawandel fertig werden". Bundespräsident Köhler sagte nach einem Besuch auf der Nachbarinsel: "Die Halligen müssen erhalten bleiben", als könne man den Klimawandel per Gesetz verbieten. Das Kieler Umweltministerium hat die Arbeitsgruppe Hallig 2050 eingerichtet, in der Mommsen mit ein paar anderen über die Zukunft nachdenken soll. Die Küstenschützer von Gröde sind jetzt nicht mehr nur ein paar plattdeutsch sprechende Eigenbrötler, die ihre drei Quadratkilometer kleine Scholle sichern. Sie sind Teil von Plan B im Kampf gegen die globale Erwärmung.

Jahrelang haben Umweltpolitiker Energieeffizienz und CO2-Vermeidung gepredigt, um die globale Erwärmung aufzuhalten. Es gibt das Kyoto-Protokoll und die Energiesparlampe, aber das reicht nicht, es gibt auch immer mehr Kohlekraftwerke. Die Welt folgt dem schlechtesten aller Klimaszenarien. Jetzt geht es um Schadensbegrenzung. Anpassung ist angesagt. Dazu gehören hitzeresistente Getreidesorten für Bauern in Brandenburg oder auch neue Tourismusideen für die Alpen. Deutschland will nun eine Anpassungsstrategie entwerfen, Dänemark und die Niederlande sind dabei, die EU sowieso. Im Dezember verhandeln Politiker in Kopenhagen über die Zukunft des Emissionshandels, Anpassung wird dann ein großes Thema sein. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel will bis 2011 einen Aktionsplan vorlegen.

Anpassen klingt harmlos, als müsste man nur ein paar Deiche erhöhen. Doch wer in diesen Tagen Deutschlands Küsten besucht, muss feststellen: Jeder versteht darunter etwas anderes. Die Touristenhotels wollen Hochwasserschutz aus Panzerglas, um die "Sichtbeziehung" zum Meer zu erhalten. Die Naturschützer sind unsicher, ob der steigende Meeresspiegel zur Natur gehört. Die Bundesländer an der Küste wollen die Deiche erhöhen, aber jedes mit einem anderen Klimazuschlag. Hamburger Hafenmanager möchten Deiche zurückbauen, und der Klimafolgen-Professor Erik Pasche schlägt sogar vor, bei Sturmflut einzelne Stadtviertel gezielt zu fluten.