Ein solarer Supersturm könnte noch mehr Unheil anrichten, er könnte das Rückgrat der technisierten Welt zerschmettern – das Stromnetz. Davor warnte kürzlich die National Academy of Sciences (NAS) in den USA . Ihr Report gleicht dem Drehbuch eines Science-Fiction-Films.

Die Materieauswürfe der Sonne bringen das Erdmagnetfeld zum Schwanken und verursachen starke Stromspitzen in Überlandleitungen: geomagnetisch induzierte Ströme, kurz GICs. In den USA, so der NAS-Report, könnten 360 Trafos während eines Supersturms beschädigt werden, in manchen Bundesstaaten mehr als die Hälfte der vorhandenen. Das Problem: Im Trafo brennt nicht nur eine Sicherung durch, die Geräte verschmoren regelrecht. Bis zu 130 Millionen Amerikaner wären tage- oder gar wochenlang ohne Elektrizität.

Der stärkste jemals registrierte Sonnensturm traf die Erde am 28. August 1859. Menschen in Rom und Havanna bewunderten die Polarlichter, in den Telegrafenämtern Europas und Nordamerikas schlugen Funken aus den Leitungen, manche Station fing Feuer. Damals gab es noch kein Internet, kein großes Elektrizitätsnetz, keine Satelliten. Heute wäre solch ein Sturm der Super-GAU. Geschätzte Kosten für die USA: ein bis zwei Billionen Dollar im ersten Jahr. Vier bis zehn Jahre brauchte das Land, um sich zu erholen.

Auch in Deutschland gehört ein längerer Stromausfall zu den gruseligsten Szenarien. Im Grünbuch des Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit , einer überparteilichen Initiative von vier Bundestagsabgeordneten, haben Katastrophenschützer und Sicherheitsexperten unlängst zwei Schlüsselgefahren beschrieben: eine Seuche und einen Stromausfall. Gewiss, es gibt Notstromaggregate. Doch der Kraftstoffvorrat reicht oft nur für 12 bis 48 Stunden. Nachtanken? Von 2200 Shell-Tankstellen haben nur 15 eine Notstromversorgung, erfuhren die Parlamentarier.

Nun rätseln Experten, ob ein längerer Stromausfall durch Sonnenstürme auch in Europa denkbar sei. Wie verwundbar ist das Netz? Wie kann man sich vor Sonnenstürmen schützen? Einen Supersturm wie 1859 erwarten Astrophysiker zwar nur alle 500 Jahre, aber ein Sturm mit der halben Intensität tritt statistisch gesehen schon alle 50 Jahre auf.

Finnland wird von Sonnenstürmen besonders oft getroffen, weil die Ionen der Sonne vom Erdmagnetfeld in polnahe Regionen gelenkt werden. Die Trafos des finnischen Stromnetzes sind für plötzliche Stromspitzen gewappnet. Für die anderen europäischen Länder würde Risto Pirjola vom finnischen Wetterdienst seine Hand nicht ins Feuer legen: "Das verwobene europäische Hochspannungsnetz ist vergleichbar mit dem Stromnetz der USA. Es müsste also ähnlich anfällig sein."

Vor vier Jahren wollte Pirjola, Europas führender GIC-Experte, die Verwundbarkeit des europäischen Netzes gemeinsam mit den Betreibern erforschen. Doch RWE und Vattenfall reagierten nicht auf seine Einladung, und die EU lehnte den Forschungsantrag ab.

Die deutschen Netzbetreiber ignorieren die Gefahr. Weltraumwetter sei "höhere Gewalt", sagt der Sprecher der RWE-Netzsparte. Vattenfall Deutschland verweist auf Blitzableiter in den Umspannwerken (die gegen GICs nichts ausrichten können). Und die Sprecherin der Eon-Netzsparte sagt: "Unsere Ingenieure würden das eher als Esoterik abstempeln."