Forschen kann jeder

Gesteinsbrocken liegen im Gras, als hätte sie jemand über die Hochebene gestreut. Latschenkiefern krallen sich am karstigen Boden fest, am Horizont türmen sich die Felsen des Dachsteins. Dazwischen läuft ein drahtiger Mann in roter Outdoorjacke, den Kopf gesenkt, im Rucksack einen Fotoapparat und ein GPS-Gerät. Ab und zu bleibt er stehen, bückt sich und zieht eine Keramikscherbe aus dem Gras. Hier auf dem Dachsteinplateau, wo andere vor allem die Berge bewundern, stieß Franz Mandl auf die Spuren vergangener Zivilisationen.

Vor 25 Jahren machte Mandl hier oben einen spektakulären Fund. In fast 2000 Meter Höhe entdeckte er verwitterte Kalksteinbrocken, zu einem Muster angeordnet. Wenn man ein paar Linien im Kopf ergänzte, ergab sich ein Quadrat – das Fundament einer Almhütte, vermutete Mandl. Denn die Senke drumherum, baumlos und grasbewachsen, schien perfekt, um Tiere weiden zu lassen. Er stieß auf zwei Feuerstellen und Keramikscherben, die er zur Altersbestimmung an die Universität schickte.

Die Funde stammten aus der Zeit um 1360 vor Christus, der Bronzezeit. Kurz bevor der Pharao Tutenchamun in Ägypten an die Macht kam, sollen Menschen auf dem Dachstein gewirtschaftet haben? Niemand hatte bis dahin so alte Siedlungsspuren in den Hochalpen gefunden, die Gletschermumie Ötzi – sie stammt aus der Kupfersteinzeit – wurde erst später entdeckt. Mandls Fund war eine Sensation. Aber die Archäologen ignorierten ihn. Mandl war keiner von ihnen.

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Franz Mandl hat Radiomechaniker, Elektroinstallateur und Einzelhandelskaufmann gelernt. Er hat kein Abitur, aber er hat eine Leidenschaft. Und so ist der 56-Jährige heute einer von Tausenden Laien, die weltweit Wissenschaft betreiben, ohne dafür ausgebildet zu sein. Sie entdecken neue Tierarten, suchen bisher unbekannte Himmelskörper oder ergründen die Geschichte ihrer Region. Und immer wieder bringen Autodidakten wie Mandl die Forschung entscheidend voran. Michael Faraday zum Beispiel, der Entdecker des Faradayschen Käfigs in der Physik, war ein gelernter Buchbinder. Thomas Alva Edison, der Erfinder der Glühlampe, arbeitete als Zeitungsjunge und Telegrafist. Und Albert Einstein hatte zwar Mathematik und Physik auf Lehramt studiert, verdiente sein Geld aber als Patentprüfer, als er die Relativitätstheorie entwickelte.

»Franz Mandl hat für die Archäologie im alpinen Bereich Pionierarbeit geleistet«, sagt Harald Stadler, Archäologe an der Universität Innsbruck. »Wer auf diesem Gebiet arbeitet, kommt an ihm nicht vorbei.« Doch die Anerkennung der Fachleute musste er sich erst erkämpfen. Damals, 1984, stellten seine Funde das Bild infrage, das die Archäologen von den Alpen hatten. Die Hütte könnte von Hallstatt aus bewirtschaftet worden sein, einem Ort auf der anderen Seite des Dachsteinplateaus, vermutete Mandl. In Hallstatt baute man seit Jahrhunderten Salz ab, die Arbeitskräfte brauchten Lebensmittel, warum sollten die Menschen ihre Tiere nicht in die Berge getrieben haben, wo es Futterplätze gab?

Doch in Hallstatt kannte man in den achtziger Jahren zwar Salzstollen aus der Eisen- und Jungsteinzeit, nicht aber aus der deutlich früheren Bronzezeit, aus der Mandls Funde stammen. »Die Fachwelt hat meine Daten deshalb abgestritten oder schlicht nicht beachtet«, sagt Mandl, »das war erschreckend.«

Schon Profiforscher haben es schwer, wenn sie neue Theorien durchsetzen wollen. Wagt ein Autodidakt, gängiges Wissen zu hinterfragen, stößt er erst recht auf Ablehnung. Man braucht Selbstbewusstsein und Geduld, und vielleicht hilft es, eigenbrötlerisch zu ein. Mandl sieht jedenfalls Vorteile darin, ein Außenseiter zu sein: »Ich kann unorthodoxe Thesen einfach mal in den Raum stellen, solche, bei denen sich die etablierten Wissenschaftler erst einmal winden vor Ärger.« Kurz nach der ersten bronzezeitlichen Hütte fand er eine zweite und dann noch eine und noch eine – bis heute sind es 27. Auf einer Karte hat er die prähistorischen Weiden markiert: rote Punkte entlang alter Wegtrassen, die über das Plateau nach Hallstatt führen. »Bis ins Jahr 1700 vor unserer Zeitrechnung haben wir inzwischen Hüttenreste entdeckt«, erzählt er. Knochenfunde zeigen, dass man dort oben Schafe, Rinder, Schweine, Pferde und Hunde hatte.

Vor allem in den USA werden Laienforscher hoch geschätzt 

Franz Mandl ist über die Archäologie buchstäblich gestolpert. Seine Familie lebt seit Generationen auf dem Dachstein. Mit Anfang zwanzig entdeckte er dort während einer Skitour in Steine geritzte Zeichnungen. Felsbilder aus der Eiszeit, behaupteten Experten, doch Mandl war skeptisch. Er begann zu lesen, fand aber kaum verlässliches Material. »Da hat man es eben selbst machen müssen«, sagt er heute. Er experimentierte, wie Inschriften im Kalkstein verwittern, schrieb sich als Gasthörer an der Universität ein und begleitete eine Grabung des Wiener Bundesdenkmalamts, um Grabungstechniken zu lernen. Schließlich gründete er einen Verein, um Geld für Projekte mit Archäologen einzuwerben, denn nur die dürfen größere Grabungen machen.

Für viele Amateure ist Laienforschung mehr als ein Hobby. Sie opfern der Wissenschaft jede freie Minute. Mandl hat Glück: Seine Frau, Lehrerin für Geschichte und Deutsch, unterstützt ihn. Sie verdient den Unterhalt, er führt den Haushalt und geht auf den Berg. An 200 Tagen im Jahr streift er über das Plateau, sucht nach Urweiden, den grasbewachsenen Mulden, fahndet nach Feuerstellen und Scherben. Er sagt: »Meine Augen sind geschult auf Steinkränze, so wie ein Botaniker lernt, auf Pflanzen zu achten, die andere gar nicht entdecken würden. Ich sehe sofort, ob eine Steinformation von Menschenhand gemacht ist.«

Das Dachsteinplateau ist unübersichtlich, man muss dort viel unterwegs sein, um überhaupt etwas zu finden. »Erst Mandl hat die Fachwelt darauf gestoßen, dass dort oben etwas sein könnte«, sagt Ernst Pohl von der Abteilung für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bonn. Die extrem genaue Kenntnis ihres Forschungsgebiets sei der große Vorteil der Laienforscher, sagt der Innsbrucker Archäologe Harald Stadler: »Aus Zeitgründen kann kein Universitätsforscher so tief in ein einzelnes Thema eintauchen wie Amateurwissenschaftler, die sich oft irrsinnige Kenntnisse angeeignet haben.«

Vor allem in den USA werden Laienforscher hoch geschätzt. Sie verkörpern den American Dream – vom Tellerwäscher zum Millionär –, angewandt auf die Forschung. Immer wieder rufen Wissenschaftler citizen scientists auf, ihnen beim Datensammeln zu helfen. Die Society for Amateur Scientists unterstützt Laienforscher mit Schulungen, Kongressen und einem Fachmagazin, damit »ganz normale Menschen außergewöhnliche wissenschaftliche Entdeckungen machen können«, wie es im Programm heißt. Aber auch in Deutschland gibt es Vereine und Institutionen für Hobbyforscher.

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Die Unterscheidung zwischen Profis und Laien ist ohnehin ziemlich neu. Bis ins 19. Jahrhundert waren Wissenschaftler, die mit ihrer Arbeit Geld verdienten, suspekt: Finanzielle Unabhängigkeit galt als Garant für vorurteilsfreie Forschung. Und noch heute zählten am Ende das Ergebnis und der Weg dahin, nicht der Status eines Forschers, meint Hans Reschreiter, Kurator am Naturhistorischen Museum Wien und Leiter der Ausgrabungen im Bergwerk Hallstatt. In der Wissenschaft sei entscheidend, dass man sich an Spielregeln halte: Methoden offenlege, Quellen nenne, an den Forschungsstand anknüpfe und Ergebnisse publiziere. »Franz Mandl macht all das. Er ist für mich deshalb Wissenschaftler, nicht nur Hobbyforscher.«

Mit seinem Fund von 1984 war Mandl den etablierten Forschern weit voraus. Erst zehn Jahre später entdeckten sie in Hallstatt Spuren bronzezeitlichen Salzbergbaus. Nun fügten sich Mandls Daten wie ein Puzzlestück in diese Funde ein. Offenbar betrieben die Menschen in der Bronzezeit Almen auf dem Dachstein. 1997 nahm die Unesco den Salzort Hallstatt und die Dachsteinregion wegen der »besonderen wissenschaftlichen Bedeutung« in die Welterbeliste auf, und Mandl erhielt seinen ersten Forschungspreis. Er wird jetzt zu Vorträgen eingeladen und in Fachzeitschriften zitiert. »Ohne Franz Mandl würde die Hallstatt-Forschung anders aussehen«, sagt Reschreiter. 150 Aufsätze hat Mandl geschrieben, für Oktober hat er die Spezialisten der Alpenarchäologie zu einem Kongress in seinen Ort geladen. Fast alle haben zugesagt.