Der Anruf erreicht Jörg Hacker an einem Freitagmittag im April. Hacker sitzt in einer Besprechung, vor ihm liegt eine Mappe mit den Forschungsvorhaben für die nächsten Jahre. Eigentlich soll es um die Zukunft gehen, doch was er am Telefon hört, stellt den Tag auf den Kopf, das folgende Wochenende, die kommenden Monate, bis heute beschäftigt die Sache den Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI).

Ein neu mutiertes Grippevirus sei vom Schwein auf den Menschen übergesprungen, erfährt er. Es sei in Mexiko aufgetaucht und breite sich rasend schnell aus, es gebe erste Todesfälle. Wie viele Erkrankte? Wie viele Tote? In welchem Zeitraum? Auf keine von Hackers Fragen gibt es zu diesem Zeitpunkt eine Antwort. Ziemlich beunruhigt sei er in diesen Stunden gewesen, sagt Hacker heute. "Wir wussten ja nichts."

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Als im Laufe des ersten Wochenendes Zahlen eintreffen und sich abzeichnet, dass die Symptome der Schweinegrippe nicht so stark ausgeprägt sind, wie anfangs angenommen, kommt Hacker etwas zur Ruhe. "Den ersten Schritt macht immer das Virus", sagt er heute. "Damit müssen wir auch in Zukunft rechnen." Für die Menschen ist die Welt geschrumpft, Mexiko liegt nur elf Flugstunden entfernt, für die Viren hat sie sich in gleichem Maße vergrößert.

Hackers Job ist es, gefährlichen Viren und Bakterien in Deutschland das Überleben schwer zu machen, egal ob es sich um Grippe oder Cholera handelt, um Pest, Typhus oder resistente Krankenhauskeime, die Liste ist endlos. Im RKI laufen die Fäden zusammen, und an der Spitze der deutschen Trutzburg gegen Infektionen steht der 57-jährige Jörg Hacker.

Schon kurz nach Eintreffen der ersten Meldungen über die Schweinegrippe gab Hacker eine erste Pressekonferenz, direkt am Montag eine zweite, eine dritte, zur gleichen Zeit begannen die ersten Sitzungen mit Politikern, Wissenschaftlern, den Landesgesundheitsämtern, der Weltgesundheitsorganisation.

Plötzlich war er, der zurückhaltende Biologe mit dem schütteren grauen Haar, abends in den Fernsehnachrichten und morgens in den Zeitungen. Er erklärte den Zuschauern und Lesern, den Journalisten, den Politikern, dem Mann auf der Straße und der Frau im Bundeskanzleramt, womit sie es bei dem neuen Influenzavirus zu tun hätten. Der Verlauf der Schweinegrippe erwies sich als mild, aber immer noch kann das Virus deutlich gefährlicher werden.

Damals gelang der Spagat: die Menschen zu alarmieren, aber nicht in Panik zu versetzen. Und vielleicht brauchte es dafür jemanden wie Hacker. Einen, der lieber vor Reagenzgläsern steht als vor Kameras und Mikrofonen. Und dem man das auch ansieht, wenn er im Fernsehen auftritt.