Die Biologie der Seele – Seite 1

Volker Sturm glaubt. »Ich denke, es gibt einen lieben Gott«, sagt er. »Unser Geist kann nach dem Tod weiterexistieren, und wir werden wiederauferstehen.« Seine Religiosität hindert den Kölner Neurochirurgen allerdings nicht daran, tief in die Gefilde des Herrn vorzustoßen. Sturm repariert Seelen.

Um in den Schädel seiner Patienten einzudringen, setzt er zunächst grobes Gerät ein: Bohrer und Skalpell öffnen das Tor zur Seele. Doch hinter der Schädeldecke, wo Theologen den menschlichen Geist und Wissenschaftler die Psyche verorten, verwendet der Chef der Klinik für Stereotaxie und funktionelle Neurochirurgie filigrane Technik. Er verpflanzt mikroelektronische Sonden millimetergenau in kritische Hirnareale. »Damit helfen wir kranken Menschen, ihre geistige Freiheit wieder zu entfalten«, sagt Sturm. »Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellulären, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns.«

Das Verfahren, die Tiefenhirnstimulation (Deep Brain Stimulation, DBS), wurde in den neunziger Jahren ursprünglich entwickelt, um Parkinson-Patienten zu behandeln. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt: Auch die Symptome psychischer Leiden lassen sich damit beseitigen; Bewusstsein und Gedächtnis werden von den winzigen Stromimpulsen ebenso beeinflusst wie Stimmungen. Aus Tristesse wird Freude, aus Apathie Zuversicht. Der Elektronenfluss, ein bis zehn Volt bei 130 Hertz, beseitigt Ängste oder löst Panik aus, er kann Lust spenden, Ekel oder Zorn erzeugen.

Sturm und seine Kollegen dringen tief ins Hirn vor – zum Innersten des Menschen, seiner Psyche, der Summe der Eigenschaften und Verhaltensweisen , die seine Persönlichkeit einzigartig machen. Wie die Nervenschaltkreise im Kopf eines Menschen sein Wesen hervorbringen, ist eine der schwierigsten und weithin ungelösten Fragen der Wissenschaft.

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Welche Mechanismen machen einen Menschen so einmalig und unverwechselbar? Was weckt zum Beispiel bei dem Biologen Craig Venter einen derart ungeheuren Forschungsdrang? Was macht die oberste Grüne Claudia Roth so schrill und exzentrisch, Schauspieler Christian Ulmen zum Party-Clown und Web-2.0-Ikone Sascha Lobo zum bunten Hund? Und warum ist Sterne-Sänger Frank Spilker so ungeduldig und schwer zufriedenzustellen? Hinter all diesen Fragen verbirgt sich auch eine jahrzehntealte Debatte – die um nature oder nurture: Was steuert nach der Geburt die Entwicklung der Persönlichkeit, was prägt uns? Sind es die Gene, die uns unsere Eltern mitgegeben haben? Oder ist es die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, die Familie, die Schule, unsere Freunde?

Bislang scheint es ein unergründliches Wunder zu sein, dass ein Säugling in wenigen Jahren zu einer eigenen Persönlichkeit heranwächst. Nicht verwunderlich ist es also, dass die Menschheit seit Jahrtausenden ein wie auch immer geartetes immaterielles Prinzip am Werk sieht, eine spirituelle Kraft, die sich der naturwissenschaftlichen Erkenntnis entzieht. Für Platon gehörte sie zu den »ersten Schöpfungen, noch vor allen Körpern«. Der Leib galt ihm nur als Fahrzeug der Seele. Und der Philosoph Gottlob Frege (1848 bis 1925) urteilte: Jeder sei »sich selbst in einer besonderen und ursprünglichen Weise gegeben, wie er keinem anderen gegeben ist«. Wer mag schon glauben, dass das Enigma des menschlichen Geistes allein mit biologischen Prozessen zu erklären ist?

Zwar haben Philosophen das Problem in den vergangenen 3000 Jahren vielfach durchdacht, kluge Fragen formuliert und versucht, ein Begriffssystem der Seelenerkenntnis zu erarbeiten. Doch ihre Bemühungen erschöpften sich im immer neuen Nachdenken über die innere Natur des Menschen. Eine Lösung für das Rätsel der Seele fanden die Denker nicht.

Was im Gehirn eines Fötus passiert, sprengt jede Vorstellungskraft

Die naturwissenschaftlichen Kollegen waren lange Zeit nicht erfolgreicher. Berühmt wurden die Versuche des amerikanischen Mediziners Duncan MacDougall, der Anfang des 19.Jahrhunderts sterbende Patienten auf eine Präzisionswaage legte. Im Moment des Todes registrierte der Arzt einen unerklärlichen Gewichtsverlust von 21 Gramm . War das die Seele, die den Körper verließ? Niederländische Wissenschaftler attestierten dem Astralkörper bei ähnlichen Versuchen ein Gewicht von 69,5 Gramm.

Erst der amerikanische Lehrer Harry LaVerne Twining holte in den dreißiger Jahren die abgehobene Vorstellung wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Er zeigte, dass die Forscher damals keineswegs die Existenz einer stofflichen Seele nachgewiesen hatten, sondern dass Mensch und Tier im Tode Flüssigkeit verlieren. Trotzdem geistert MacDougalls falscher Befund noch heute durch die Öffentlichkeit, zuletzt im Film 21 Gramm von 2003.

Vielleicht ist das Beharren auf der Existenz eines seelischen Elixiers im Menschen, sei es stofflicher oder spiritueller Natur, auf einen schlichten Grund zurückzuführen: die bisherige Unkenntnis der Hirnbiologie. Bis vor wenigen Jahren war ihre Vielschichtigkeit nicht einmal in Umrissen erkennbar.

Schon was im Gehirn eines Fötus passiert, sprengt jede Vorstellungskraft: Es gebiert pro Minute 250.000 neue Nervenzellen. Und pro Sekunde knüpft es 1,8Millionen neue Verbindungen zwischen diesen Neuronen. Ein erwachsenes Hirn besteht schließlich aus etwa 100 Milliarden Neuronen, jedes einzelne kommuniziert im Schnitt mit 10.000 anderen, und die Signalmuster ändern sich im Takt von Millisekunden. Die menschliche Psyche wohnt im wohl komplexesten Gebilde des Universums. Ist es überhaupt denkbar, dass sich diese Ich-Maschine selbst versteht?

Es handelt sich jedenfalls um eine formidable Herausforderung. Für Forscher wie Volker Sturm zumindest hat die Metaphysik längst keinen Platz mehr in der Erklärung der Psyche. Er und ein paar seiner Fachkollegen in Europa und Amerika sind die Pioniere der neuen Psychochirurgie: Mit der Sondentechnik behandeln die Hirnchirurgen Patienten mit Tourette-Syndrom, schweren Depressionen , Angststörungen und Zwangsneurosen.

Auch Nikotin- und Alkoholabhängige haben sie erfolgreich therapiert. Sturm berichtet von einem extrem alkoholsüchtigen Patienten, der mit einer Sonde im Hirn nun normal trinke: »Der kauft sich eine Dose Bier, und damit ist es gut.« Ein anderer seiner Patienten war so alkoholkrank, dass er zusätzlich einen halben Liter Wodka täglich eingeflößt bekam, als er nach einer Operation über eine Magensonde ernährt werden musste. Nun, mit der Elektrode, habe sich der Zustand des Mannes »dramatisch gebessert«. Sogar das Gedächtnis eines Demenzkranken konnten die Neurochirurgen wieder auf die Sprünge helfen. »Und das ist erst der Anfang«, sagt Volker Sturm.

Welche Macht die Medizin mittlerweile über die Psyche hat, war vor zwei Jahren besonders eindrucksvoll zu besichtigen: Bei einem 38-Jährigen, der seit sechs Jahren im Wachkoma lag, hatten New Yorker Mediziner die DBS-Elektroden bis in den Thalamus vorgeschoben, ein Areal im Mittelhirn, das als Zugangskontrolle zum Großhirn dient. Nach der Behandlung erlangte der Patient teilweise das Bewusstsein zurück. Trotz des medizinischen Erfolgs kritisiert Sturm den Versuch. Man habe einen bewusstlosen Schwerstbehinderten in einen Schwerstbehinderten verwandelt, der sich über seine Lage klar geworden sei: »Das ist grausam und unethisch.«

Was hat welchen Einfluss auf die Seele?

Doch der Eingriff – in der britischen Fachzeitschrift Nature unter der Schlagzeile An Awakening gefeiert – demonstriert zugleich, dass auch die höheren geistigen Funktionen des Menschen durch elektrische Stimulation von Nervenzellen gesteuert werden können: Das gilt offenbar auch für den Thalamus. Er filtert alle von Außen einströmenden Informationen und leitet die wichtigen an jene Hirnbereiche weiter, in denen sie zu bewusstem Erleben verarbeitet werden.

Solche spektakulären Eingriffe in des Menschen geistige Autonomie mögen erschreckend erscheinen, erschüttern sie doch die Überzeugung, dass das Wesen des Menschen auf einer spirituellen Seele beruht. Tatsächlich aber, das zeigen neue Erkenntnisse, ist die Persönlichkeit wohl nichts als ein Produkt der Biologie. Das verheißt natürlich neue, wirkmächtige Therapien für Seelenleiden, weckt aber auch Ängste vor Missbrauch. Denn eines ist klar: Wer weiß, wie die Nervenverbände zu kontrollieren sind, der kann die Seele gängeln.

Inzwischen erkunden Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen die Stellschrauben des Ichs, Verhaltensforscher und Genetiker ebenso wie Neurowissenschaftler. Getrieben wird der Erkenntnissprung von Großprojekten, die die Ursachen für Schizophrenien, Depressionen und andere Psycholeiden enttarnen sollen. Dabei widmen sich die Forscher nun auch dem großen Rätsel der Charaktereigenschaften. Denn vermutlich sind jene Nervennetze im Gehirn, die – wenn aus dem Takt geraten – psychische Erkrankungen hervorrufen, dieselben, die auch die Eigenschaften der gesunden Seele steuern.

Was aber hat welchen Einfluss auf die Seele? Inwieweit bestimmen unsere Gene, ob wir scheu oder selbstbewusst, schwach oder stark sind? Der amerikanische Verhaltensforscher Thomas Bouchard hat in jahrelangen Studien an Zwillingspaaren den großen Einfluss der Erbanlagen nachweisen können. Doch zu behaupten, ein einzelnes Gen steuere menschliches Verhalten wie Neugier, Impulsivität oder Untreue sei etwa so unsinnig wie die Behauptung, »eine Bratsche spielt Beethovens Neunte«, sagt der Genetiker Christopher Walsh. Walsh untersucht mit seinem Team an der amerikanischen Harvard University deshalb das ganze Orchester, das Zusammenspiel der Gene.

Wie alle Gene enthalten die Erbanlagen im Hirn nur die Information für den Aufbau von Eiweißmolekülen. Erst diese sorgen dafür, dass neue Hirnzellen entstehen, stellen die Bestandteile der Verbindungen zwischen den Nervenzellen her, dienen als Botenstoffe oder Antennen auf den Zellen. Sie dirigieren die elektrische und biochemische Aktivität und die Feinarchitektur der Nervennetze im Gehirn. Das erst ermöglicht die Kommunikation im Hirn.

Psychogenetiker wie Walsh sind überzeugt, dass seelische Eigenschaften durch große Gruppen von Genen beeinflusst werden, die durch ihre Funktion miteinander vernetzt sind. Zwar machen diese komplexen genetischen Netzwerke im Gehirn allein noch keine Persönlichkeit aus, sie können das Verhalten eines Menschen nicht direkt steuern. Aber sie sind für die Struktur seiner Nervenschaltkreise verantwortlich.

Weil aber die aktiven Erbinformationen im Hirn selbst in vielen Varianten vorkommen, sind schon die genetischen Konstruktionsvorgaben für die komplizierten Neurogewebe in jedem Menschen bemerkenswert verschieden. Und selbst diese Mannigfaltigkeit der genetischen Information erklärt die Unterschiede im Wesen der Menschen und ihren Verhaltensweisen nur etwa zur Hälfte – den Rest steuert die Umwelt.

Jede Begegnung kann auf die Funktionen unserer Erbanlagen durchschlagen

Doch wie? Worin besteht die gemeinsame Mechanik, der sich Umwelt und Erbanlagen bedienen, wenn sie die Persönlichkeit formen? Das ist ein Forschungsfeld, dem es an frustrierenden Erfahrungen in der Vergangenheit nicht mangelte. Die genetischen Mechanismen für Persönlichkeitsmerkmale seien eines der »großen Mysterien in der Verhaltensforschung«, sagt die Psychologin Wendy Johnson von der University of Edinburgh.

Wenn die Psyche wirklich in der biologischen Maschinerie des Hirns entsteht, müssen die Forscher jetzt ermitteln, auf welchen Wegen das soziale Umfeld das Gehirn beeinflusst. Was genau, lautet die große Frage, bewirkt die Interaktion zwischen Menschen? Auf welchen Wegen greift Erziehung ins Hirn ein; wie gelangt der Austausch mit Eltern, Freunden in die Seele und formt den Charakter?

Eine der Antworten liefern die neuen Erkenntnisse der Genomerkundung. Sie zeichnen ein ganz neues Bild von der Funktion der Erbanlagen: Die Gene eines Menschen seien keineswegs eine passive Blaupause für den Aufbau eines Organismus, schrieben die US-Neurogenetiker Gene Robinson, Russell Fernald und David Claytonie im Fachblatt Science . »Tatsächlich reagieren sie lebenslang höchst empfindlich auf alle äußeren Einflüsse.« Sprich: Jede Begegnung, jede Unterhaltung kann auf die Funktionen unserer Erbanlagen durchschlagen.

Zugleich aber seien die genetischen Informationen von Menschen an sich schon derart variantenreich, dass sie ihrerseits bereits ein ganz individuelles Verhalten erzeugten – etwa ob wir unsere Position in einem Streit vehement vertreten oder eher defensiv sind. Das wiederum wirkt sich darauf aus, wie andere auf uns und unser Verhalten reagieren, und erzeugt so eine Rückkopplung. Im Ergebnis bilden beide Mechanismen eine sich selbst antreibende Spirale der psychischen Individualisierung.

Stimmt diese Hypothese, würde sie auch die Kontrahenten der unseligen Nature/Nurture- Debatte versöhnen – ihr Streit steht ohnehin im Verdacht, auf vermeintlichen Gegensätzen zu beruhen. In Wahrheit dürften die Beiträge von Umwelt und Erbanlagen zwei Seiten derselben Medaille sein.

Wie genau aber funktioniert der Mechanismus, der den Einfluss von Umwelt und Genen auf unser Gehirn in Einklang bringt? Wie genau steuert unsere Umwelt die Gene, und wie bauen diese dann die feine Architektur der Nervennetze im Gehirn so um, dass sich unser Verhalten verändert?

Christopher Walsh und seine Kollegen stießen erst im vergangenen Jahr und eher durch Zufall auf eine mögliche Erklärung für diese Zusammenhänge. Sie identifizierten Erbanlagen in Hirnzellen, die man »eGene« nennen könnte: Diese werden durch die elektrischen Impulse gesteuert, mit deren Hilfe die Nervenzellen im Hirn kommunizieren, und funktionieren gleichsam wie eine Software, die automatisch startet, sobald der Computer eingeschaltet wird, und die ihn dann mit Internet, Rechnernetzwerken und Druckern verbindet.

Nur ein Fazit der neuen Psychobiologie kann als gesichert gelten

Die eGene spielen offenbar bei der Reifung und dem lebenslangen Umbau in der Feinarchitektur des Zentralnervensystems eine entscheidende Rolle. Anhand der Ergebnisse ihrer Untersuchung wagen die Harvard-Forscher eine Hypothese zur Hirnentwicklung. Sie ist zwar nicht bewiesen, trotzdem halten die Wissenschaftler sie für »hochattraktiv«, kann sie doch schlüssig erklären, wie Gene und Umwelt bei der Entwicklung der vielfältigen Persönlichkeitsstrukturen zusammenspielen. Und sie macht zugleich verständlich, wie psychische Krankheiten entstehen, wenn dieses Wechselspiel aus dem Ruder läuft, sei es durch Defekte im Erbgut, durch schädlichen Einfluss von außen – und erst recht, wenn beides zusammenkommt.

Nahezu ausschließlich dem Kommando einer ersten Gruppe von Erbmolekülen gehorcht demnach das sich formende Hirn im Fötus. Auch ohne Einwirkung von außen sorgt ein komplexes Muster verschiedenster Genwirkungen dafür, dass es sich zu einem funktionsfähigen Organ entwickelt. Schon dabei kann viel schiefgehen; Defekte in den steuernden Genen führen zu schweren angeborenen geistigen Behinderungen durch organische Konstruktionsfehler im Hirn.

Selbst wenn im Mutterleib alles gut geht, gleicht das Hirn eines neugeborenen Babys eher dem Rohbau eines Gebäudes, das die Bewohner noch verputzen, tapezieren und einrichten müssen. Während es reift, ist das Hirn in den ersten Lebensjahren auf die prägende Kraft seiner Umgebung angewiesen: Laute, visuelle Eindrücke, Berührungen. Diese Einflüsse lösen elektrische Aktivität in den noch unfertigen Schaltkreisen aus und aktivieren dabei ein zweites genetisches Netzwerk – an dessen wichtigsten Knotenpunkten die eGene sitzen. »Die neuronale Aktivität steuert Hunderte von Genen in einem präzise koordinierten zeitlichen Muster«, schreiben die Harvard-Forscher. »Dieser Zusammenhang zwischen erfahrungsabhängiger Nervenaktivität und Genaktivierung ist die Basis für Lernen und Gedächtnis.« Einfacher ausgedrückt: Erst Erfahrungen aktivieren die eGene und machen uns zu dem, was wir sind.

Tatsächlich könnte diese Form der Koppelung zwischen Genen und Umwelt auch das Funktionsprinzip für das darstellen, was Neurowissenschaftler als Plastizität des Gehirns bezeichnen – die Fähigkeit des Zentralnervensystems, sich ständig zu verändern. Dabei werden neue Nervenzellen gebildet und neue Kontakte und Kommunikationswege aufgebaut. Zwei der großen offenen Fragen sind nun, in welchen Hirnarealen welche Eindrücke von außen wirken und welche Folgen für die menschliche Psyche diese subtilen Veränderungen haben. Die Unterscheidung zwischen der Struktur – dem Neuronenverband, der Träger eines Geisteszustandes ist – und dessen innerer Bedeutung sei nicht so eindeutig, schreibt der Philosoph Thomas Metzinger. »Die Bedeutung verändert nämlich die Struktur.« Der Inhalt unseres Denkens wirkt demnach zurück auf die biologische Maschine, die das Denken erzeugt.

»Was macht die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen aus?«, grübelt auch der Neurogenetiker Hilmar Bading vom Interdisziplinären Zentrum für Neurowissenschaften der Universität Heidelberg . Könnten die Bäume aus Nervenfortsätzen, die ganze Netze von Neuronen miteinander verschalten, auch Charaktereigenschaften, Stimmungslagen und Verhaltensmuster eines Menschen mitbestimmen? Das, sagt Bading, sei »eine ganz, ganz schwierige Frage – guten Gewissens kann man sie derzeit nicht beantworten«.

Nur ein Fazit der neuen Psychobiologie kann als gesichert gelten: Allein durch seine eigene elektrische Aktivität vernetzt sich das Hirn permanent anders; es erfindet sich alle paar Millisekunden neu. Cogito, ergo sum – ich denke, also bin ich –, der Ausspruch des französischen Philosophen René Descartes, bekommt auf einmal einen neuen Sinn. »Die elektrische Aktivität des Hirns formt das Hirn«, sagt Bading. »Dieser Mechanismus existiert, und er ist der einzig derzeit vorstellbare, der das physiologische Substrat für Unterschiede in der Persönlichkeitsstruktur der Menschen sein kann.« Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, sieht das ähnlich: »Schon der Satz, den ich gerade sage, verändert mein Gehirn.«

Dass es Gene gibt, die durch Nervenaktivität gesteuert werden, wissen die Forscher bereits seit den achtziger Jahren. Lange vermuteten sie, dass diese Gene für das Langzeitgedächtnis nötig seien, erklärt Bading. Doch vor zwei Jahren wies er mit seinen Kollegen nahezu 1000 solcher elektrisch gesteuerter Gene in Nervenzellen nach. Seine Forschung zeigt, wie das Hirn seine Nervennetze durch evolutionär anmutende Mechanismen selbst organisiert: Badings Team fand jetzt neun Erbanlagen, die dafür sorgen, dass Nervenzellen nur überleben, wenn sie elektrisch angesteuert werden. Die Vielzahl der anderen Erbanlagen aus dieser besonderen Gruppe der eGene könnte allerdings durchaus mit der Organisation und Verschaltung unserer Nervennetze zu tun haben, meint Bading. »Die Ergebnisse von Walshs Team unterstützen das.«

Das Aufblühen einer neurowissenschaftlich optimierten Psychologie ist denkbar

Christopher Walsh und seine Mitstreiter an der Harvard University waren eigentlich auf der Suche nach den Ursachen für Autismus. Bei ihren Untersuchungen in Familien mit autistischen Kindern stießen die Forscher auf einige bislang unbekannte Gendefekte, die für die Autismus-Symptome verantwortlich sein dürften. Betroffen waren auffallend viele eGene. Diese Entdeckung zeige, so das Fazit der Harvard-Forscher, dass Defekte in dem elektrisch gesteuerten Gen-Netzwerk eine falsche Verschaltung verursachen und auf diese Weise die verschiedenen Autismusformen hervorbringen könnten. Ist Autismus also eine Krankheit, die sich selbst bedingt? Stützen würde dies die Tatsache, dass die Erkrankung nicht angeboren ist – sie entwickelt sich erst mit der Zeit, in den ersten Lebensjahren, während das Kinderhirn reift.

Gerade durch das Erforschen des Autismus können die Wissenschaftler viel über das Wesen und die Grundmechanismen der Persönlichkeit herausfinden. Denn eines ist allen seinen Formen gemein: eine verminderte Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Und das ist ein Kern dessen, was eine Persönlichkeit, einen Charakter ausmacht.

Die Hypothese von Walsh bietet noch weitere aufregende Erklärungen. Denn nicht nur im frühen Kindesalter durchläuft das Gehirn eine Reifungsphase. Auch von der Pubertät bis ins frühe Erwachsenenalter kommt es zu massiven Umbauten im Gehirn, fand der amerikanische Forscher Jay Giedd bereits vor einigen Jahren heraus. Seine Studien lieferten erstmals eine neuronale Erklärung für die Flegeljahre, das impulsive und von emotionalen Schwankungen geprägte Verhalten Heranwachsender.

Wenn Jugendliche mit Wutanfällen auf Nichtigkeiten reagieren, nur um gleich darauf in Melancholie zu versinken, ist das kein Indiz für erzieherische Versäumnisse der Eltern. Auch an der ausgeprägten Risikofreudigkeit ihrer Kinder haben Vater und Mutter wahrscheinlich keine Schuld. Der Grund für das nervtötende Gebaren, so ergaben Giedds Langzeitstudien, sind Reifungsprozesse im Hirn, die nicht parallel, sondern zeitversetzt ablaufen. Zuerst erwacht das limbische System, das Emotionszentrum im Hirn, zu voller Leistung, während die Kontrollzentren im Großhirn Jahre hinterherhinken. »Das Teenagerhirn ist eine Baustelle«, resümiert Giedd.

Womöglich spielt das Netzwerk der eGene auch während der pubertären Hirnreifung eine Rolle. Das könnte nämlich erklären, warum sich etwa Schizophrenie genau in dieser Zeit mit ersten Symptomen bemerkbar macht. Denn Defekte in den Hirnentwicklungsgenen könnten den pubertären Umbau empfindlich stören. Drei Viertel der Betroffenen erleiden die erste schizophrene Episode im Alter zwischen 16 und 25. Bei Kindern bricht das Leiden dagegen nur selten aus, auch jenseits der 40, wenn der Umbau weitestgehend abgeschlossen ist, erkranken kaum noch Menschen daran. Zudem ist klar erwiesen, dass Schizophrenie auch durch genetische Faktoren ausgelöst wird: Das Erkrankungsrisiko in der normalen Bevölkerung liegt bei einem Prozent, ist ein Elternteil erkrankt, steigt es für dessen Kinder auf 13 Prozent, sind beide Eltern betroffen, auf 35 Prozent.

Noch ist diese neue Persönlichkeitstheorie in großen Teilen Spekulation. Doch bewahrheitet sie sich, tun sich fantastische Möglichkeiten auf. Viel Rätselhaftes ließe sich erklären: Wie funktioniert Erziehung, und wie könnte sie besser wirken? Warum haben Freunde und Familie Einfluss auf Menschen? Womöglich könnten die Erkenntnisse der Neuroforscher eines Tages in Verfahren münden, die es Menschen erlauben, ihren Charakter zu verändern, Schüchternheit und Ängste zu überwinden oder die wankende Selbstsicherheit zu stärken. Vielleicht dämmert hier sogar das Zeitalter einer wissenschaftlich fundierten Neuropädagogik oder gar Neurosoziologie herauf.

Auch das Aufblühen einer neurowissenschaftlich optimierten Psychologie ist denkbar. Erst seit Kurzem existiert etwa die Deutsche Gesellschaft für Neuro-Psychoanalyse. Im September, bei ihrer Tagung in Frankfurt, debattierten die Fachleute Möglichkeiten, die Effekte therapeutischer Gespräche neurowissenschaftlich zu beweisen, etwa mit Untersuchungen im Magnetresonanztomografen. Vor allem eines müsse die Zunft herausfinden, resümierte der Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Hans Böker: »Was passiert im Hirn während einer analytischen Behandlung?« Bei diesem Bemühen werde sich das Gebiet der Seelenanalyse allerdings radikal verändern: »Wir Psychoanalytiker müssen alles noch einmal überdenken.«

Womöglich können psychische Leiden künftig wirklich geheilt werden

Ob es gelingen kann, die Psychologie und die Psychoanalyse mit der Neurowissenschaft zu versöhnen, ist noch offen. Doch zumindest machen die neuen Befunde der Hirnforscher Mut: Auch schwere psychische Leiden müssen künftig nicht Schicksal bleiben. »Krankhafte Veränderungen in den Hirnschaltkreisen sind potenziell zu beheben«, versichert der Neurochirurg Volker Sturm. »Im Moment können wir anatomische Defekte noch nicht beseitigen, aber wir können die fehlerhaften Aktivitätsmuster in ihnen mit unserer Technik korrigieren.«

Vielleicht wird es dabei nicht bleiben. Im Forschungszentrum Jülich ist der Mediziner und Physiker Peter Tass Direktor am Institut für Neurowissenschaften und Medizin. Seine Hirnsonden sollen nicht mehr gleichförmige Stromstöße abfeuern, sondern fein regulierte Impulse ins Nervengewebe senden.

In ersten Versuchen hatte das neue Verfahren einen verblüffenden Effekt: Während bei der herkömmlichen Sondentechnik die Symptome des Patienten sofort zurückkehren, wenn der Strom abgeschaltet wird, zeigen die neuen Stimulationsmuster bei den Patienten eine Langzeitwirkung. Tass und Sturm sind überzeugt, dass die Impulsfolgen dauerhafte Umbauten in den betroffenen Nervenzentren erzeugen können. Womöglich können psychische Leiden künftig so wirklich geheilt werden.

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Auch wenn Neurowissenschaftler und Genetiker noch einen weiten Weg bis zu einer schlüssigen Erklärung für die menschliche Psyche vor sich haben, steht schon jetzt eines fest: Ihre Erkenntnisse werden auf Dauer wohl kaum nur zur Therapie von Kranken verwendet werden. Schon heute könne man per Hirnsonde sogar gewaltbereite Hooligans in friedliebende Laubenpieper verwandeln, versichert Sturm: »Die Operation könnte ich morgen machen.«

Auf die gleiche Weise können auch Intelligenz und das Gedächtnis, alle emotionalen und kognitiven Fähigkeiten gesteigert werden. »Über diese Form des Neuro-Enhancements wird ernsthaft nachgedacht«, klagt Sturm. »Wir wissen, wie das zu machen wäre, aber es wäre eine Katastrophe, wenn das wirklich getan würde.«