Telse schaut aus dem Küchenfenster hinaus in den Garten, wo ihre vier Söhne mit dem Kaninchen spielen, streicht der zweijährigen Tochter auf ihrem Schoß die Haare aus dem Gesicht: »Wenn man darüber nachdenkt, wie viel man übernimmt von seinen Eltern, wird man sich auch der Macht bewusst, die man als Mutter hat, und dass man sorgsam damit umgehen sollte.«

Mithilfe von Langzeitstudien untersuchen Soziologen, Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Pädagogen, inwieweit Telses Verdacht stimmt und Kinder auch als Erwachsene noch von ihrer Familie geprägt sind. Helmut Fend beobachtete 2000 Menschen aus Telses Altersgruppe, die heute Anfang-40Jährigen, vom 12. bis zum 35. Lebensjahr. Er fragte sie, wie ihr Lebensweg verlaufen ist und welche Rolle die Herkunftsfamilie darin spielt. Die Ergebnisse dieser LifE-Studie (»Lebensläufe ins frühe Erwachsenenalter«) bestätigen Telses Eindruck. »Wir haben überraschend enge Zusammenhänge zwischen der Herkunftsfamilie und den Einstellungen der Menschen festgestellt. So verändert sich eher die Persönlichkeit als das Wertegerüst, das einem das Elternhaus vermittelt hat«, sagt Fend. Wer aus einer CDU-nahen Familie kommt, wählt zu 80 Prozent wieder CDU , unter den Grünen fällt die Quote noch höher aus: »Grüne Eltern haben praktisch nur grüne Kinder.« Auch religiöse Werte werden vor allem im Elternhaus vermittelt. Und wer Vater und Mutter hat, die viel lesen, sich für Jazz interessieren oder ins Theater gehen, hat als Erwachsener deutlich häufiger ähnliche Vorlieben als Menschen, in deren Kindheit die ganze Zeit der Fernseher lief.

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»Transmission« nennen Forscher das Weiterreichen von Einstellungen, Verhaltensweisen oder Lebenschancen von Eltern an ihre Kinder. In zahlreichen Lebensbereichen haben sie solche Phänomene entdeckt, nicht immer nur gute: Kinder von Langzeitarbeitslosen werden, statistisch gesehen, selbst oft langzeitarbeitslos. Töchter von Teenagermüttern werden selbst häufig jung Mutter. Und Gewalt in Familien überträgt sich ebenso häufig über Generationen wie Missbrauch, Sucht oder Panikattacken.

All das wird keineswegs nur über die Gene vererbt. Denn in der Familie entfaltet alles seine Wirkung, was Menschen beeinflusst, auch Gelerntes und Gefühle. Verwandtschaft mag eine Frage der Biologie sein, doch Familie ist eine durch und durch kulturelle Angelegenheit, die es in dieser Form nur beim Menschen gibt. Sie entsteht nicht nur durch Blutsverwandtschaft, sondern etwa auch durch Recht, durch bestimmte Aufgaben und Besitz. Wer wen heiraten darf, wer zur Sippe gehört, welche Rollen Männer und Frauen spielen, wie Kinder aufgezogen werden und bei wem sie leben, nach welchen Gesetzen das Familienvermögen vererbt wird – all das hat sich über die Jahrhunderte verändert und unterscheidet sich noch heute in verschiedenen Kulturkreisen.

Forscher haben angesichts unzähliger, sich ständig wandelnder Familienformen Probleme, zu definieren, was Familie eigentlich ist. Meist verstehen sie darunter Menschen, die mit Kindern leben, egal, ob alle biologisch verwandt sind oder nicht. Allein deshalb müssen die Spuren, die die Familie im Leben jedes Einzelnen hinterlässt, neben biologischen auch soziale Ursachen haben.

Es hat daher auch nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun, dass Kinder aus höheren Schichten hierzulande eine zwölfmal höhere Chance haben, Abitur zu machen, als Kinder aus Arbeiterhaushalten. »Das hängt vor allem damit zusammen, dass diese Eltern am meisten Energie in die Förderung ihrer Kinder investieren. Für Akademikereltern wird dies für viele Jahre zum Mittelpunkt ihrer Lebensgestaltung«, sagt Helmut Fend. Markus Neuenschwander, Professor für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule in Solothurn in der Schweiz, zeigte zudem, dass die Erwartungen der Eltern entscheidend dazu beitragen, wie gut der Nachwuchs in der Schule ist. Gerade in Mathe und Deutsch beeinflussten die Eltern die Leistungen bis zu 50 Prozent, sagt der Psychologe: Je höher die Erwartungen, je mehr man seinen Kindern zutraut, desto besser die Noten. Die Kinder halten sich dann selbst für besser und sind es auch.

Solche Zusammenhänge bemerken die Betroffenen selbst meist nicht. »Wenn Kinder die Erwartungen ihrer Eltern oder bestimmte Verhaltensweisen ihrer Familien übernehmen, spielt sich das in vielen Fällen unbewusst ab«, sagt die Hamburger Psychologin und Psychotherapeutin Brigitte Gemeinhardt, die generationsübergreifende Muster in den Familien Alkoholkranker untersucht hat.

Es ist das Zusammenspiel von Abschauen und Nachahmen, von Lernen, Lieben und Loyalitäten, das der Familie ihre Macht verleiht. Unbewusst bestimmt sie sogar ganz persönliche Entscheidungen wie die Partnerwahl. Männer bevorzugen Frauen, deren Gesichter ähnliche Züge aufweisen wie das ihrer Mutter, Frauen wählen Partner, die Ähnlichkeiten mit dem Vater haben, fanden ungarische Wissenschaftler im vergangenen Jahr heraus. Allerdings: War die Beziehung zum Vater schlecht, spielte dessen Aussehen bei der Partnerwahl offenbar keine Rolle – ein weiterer deutlicher Hinweis, dass nicht nur die Einflüsse der Biologie, sondern auch Erfahrungen entscheidend sind. Und die schlagen nicht nur bei der Wahl des Partners durch: Haben sich die Eltern oft gestritten, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung der Kinder nicht allzu harmonisch verläuft, das gilt vor allem für die Töchter.

Telses Eltern trennten sich, als sie 18 war – ihre eigene Ehe scheiterte vor fünf Jahren; die vier Kinder, ein Haus, das mehr eine Ruine war und viel zu viel Kraft kostete, oft auch die Sorge ums Geld: Irgendwann gab es mehr Streit als Gemeinsames zwischen ihr und ihrem Mann Sven. »Manchmal erschreckt mich das: Ich bin geschieden, meine Tochter auch, es ist, als würde sich alles wiederholen«, sagt Telses Mutter Elisabeth.

Vielleicht hatte Telses Scheidung nichts mit der ihrer Eltern zu tun. Statistisch gesehen aber ist dies tatsächlich wahrscheinlich: In der LifE-Studie war das Scheidungsrisiko von Scheidungskindern in der Anfangszeit der Ehe doppelt so hoch wie das von Kindern, deren Eltern zusammenblieben. Die Vermutung der Forscher: Kinder aus Scheidungsfamilien sind früher eigenständig, heiraten eher – und die frühe Heirat erhöht das Trennungsrisiko.