Es ist der letzte Tag auf der Lebensmittelmesse Anuga in Köln, nur noch wenige Besucher schauen an Elisa Christidis’ Stand vorbei, trotzdem möchte sie sich nicht von den goldfarbenen Tetrapaks trennen, die vor ihr auf dem Tisch stehen. "Sie können probieren. Wir haben leider nicht mehr genug, als dass Sie einen ganzen mitnehmen können", sagt die dunkel gelockte Frau einem Standbesucher. Sie reicht ihm ein Schnapsglas über den Tisch. Das kostbare Nass darin ist: Wasser.

Ihr Wasser lösche nicht nur den Durst, es sei "ein Schönheits-Booster für die Haut", behauptet Elisa Christidis. Normalerweise designt sie Lebensmittelverpackungen, aber in diesem Fall hatte sie auch die Idee für den Inhalt. Weil das Wasser relativ viel Silizium und wenig Salze enthalte, nennt sie es "Beauty to go" und erklärt den Besuchern, dass Silizium sich gerne mit Proteinen verbinde. "Das festigt das Bindegewebe und ist zum Beispiel auch gut für den Herzmuskel." Fast drei Euro kostet ein halber Liter. Im Supermarkt gibt es ihre Erfindung nicht, nur in Nagelstudios oder Friseursalons.

Das Erstaunliche an dem vermeintlichen Wunderwasser ist, dass es auf der weltweit größten Lebensmittelmesse gar niemanden überrascht. Wasser für den Herzmuskel: Selbst das glaubt man den Menschen andrehen zu können.

Auf der Anuga lag Christidis mit ihrem Drink im Trend. Functional Food war in diesem Oktober eines der Hauptthemen der Messe. Produzenten aus 170 Nationen hatten sich in Köln versammelt, um Einkäufern und Konsumenten Appetit zu machen. Verhandelt wurde, was wir morgen essen und trinken werden. Früher musste Essen einfach nur satt machen, heute soll es Gesundheit und ein langes Leben schenken, uns schöner und sogar klüger machen. Am täglichen Apfel lässt sich wenig verdienen, gewinnträchtiger sind die Innovationen aus dem Labor.

In den Supermärkten stehen bereits probiotische Joghurts, cholesterinsenkende Margarine und Frühstücksflocken für die schlanke Linie. Die Industrie verspricht aber noch mehr: Angereicherte Fertigprodukte, genetisch verändertes Gemüse, sogar künstliches Fleisch aus der Retorte – das alles soll den Traum von einem Schlaraffenland verwirklichen, in dem man ohne Reue schlemmen kann.

Die Wissenschaft hinkt noch ein bisschen hinterher. Im Institut für Lebensmittelchemie der Technischen Universität Berlin steht Sascha Rohn, umgeben von glänzenden Apparaten und summenden Maschinen. Unermüdlich dreht sich neben ihm ein gläserner Kolben, darin schwappt flüssiger Brokkoli. Der grüne Extrakt tröpfelt durch eine Säule, auf einem Bildschirm formen sich bunte Linien zu kleinen Gebirgen. 40.000 verschiedene Substanzen können in Pflanzen enthalten sein, erklärt Rohn. Jeder Peak steht für eine dieser Substanzen. Das herb schmeckende, fein verästelte Gewächs gerät zu Molekülen, zu Formeln und Zahlen.