Birte Roland* ahnte nichts, als sie zu ihrer Frauenärztin ging. Sie erwartete Zwillinge, die Schwangerschaft schien gut zu verlaufen. Doch an jenem Tag vor dreieinhalb Jahren teilte die Ärztin ihr mit, was ein Routinetest ergeben hatte: "Sie sind HIV 1 -positiv."

Voller Sorge dachte die 35-Jährige sofort an die beiden Kinder in ihrem Bauch. "Mein erster Gedanke war: Die Schwangerschaft wird jetzt beendet", erinnert sie sich. Dabei hatten sie und ihr Mann sich so lange ein Baby gewünscht, sie hatten sogar eine künstliche Befruchtung durchführen lassen. Sollten sie die Wunschkinder nun noch in der zwölften Woche der Schwangerschaft abtreiben lassen?

Was Birte Roland damals nicht wusste und was vielen Menschen noch immer unbekannt ist: Ein Großteil der HIV-infizierten Schwangeren in Deutschland bringt heute völlig gesunde Kinder zur Welt. Seit Mitte der neunziger Jahre existieren hochwirksame Medikamente gegen das Aids-Virus, die nicht nur das Leben der Infizierten verlängern, sondern auch das Ansteckungsrisiko der Babys deutlich senken. Ein immenser Fortschritt für viele der etwa 12.000 HIV-positiven Frauen in Deutschland, denn die meisten von ihnen sind in einem Alter, in dem sie Kinder bekommen können. Und viele wollen das auch.

Das heißt allerdings nicht, dass sie die Errungenschaften der Medizin unbeschwert in Anspruch nehmen können. Die öffentliche Meinung hat mit der Forschung nicht Schritt gehalten. Nach wie vor sind Betroffene Vorurteilen und Stigmatisierungen ausgesetzt. Aus Angst davor verheimlichen viele ihre Infektion, manche sogar vor Verwandten und engsten Freunden.

Annette Haberl kennt diese Ängste. Die Ärztin bot vor zehn Jahren die bundesweit erste Sprechstunde für HIV-positive Schwangere im HIV-Center der Universitätsklinik Frankfurt am Main an. In enger Zusammenarbeit mit Gynäkologen, HIV-Spezialisten, Kinderärzten und Psychologen betreut sie jedes Jahr bis zu 40 neue Patientinnen. Die Hälfte der Frauen erfährt erst in der Schwangerschaft von ihrer Infektion. "Noch immer denken dann viele, sie dürften ihr Kind nicht bekommen", sagt Haberl.

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Dass sie schon etliche Patientinnen vom Gegenteil überzeugen konnte, belegen die vielen Kinderfotos und bunten Zeichnungen, die an ihrer Bürowand hängen. "Ich bekomme jetzt schon die ersten Kommunionsfotos geschickt", sagt Haberl. In ihrem Beratungszimmer in der HIV-Ambulanz gibt es einen Plüschdalmatiner und Legosteine, einen Kaufmannsladen und ein Akkordeon, auf der Kommode steht eine Dose mit Mäusespeck, daneben ein Wackeldackel.