Was die Schulmediziner von den Alternativmedizinern lernen können – und an Orten wie der Charité-Ambulanz in Berlin und der Naturheilkunde-Klinik in Essen schon gelernt haben – ist offenbar vor allem dies: sich Zeit zu nehmen, eingehend mit dem Patienten zu reden, ihm zuzuhören – und zwar nicht nur einmal, sondern wieder und wieder im Verlauf der Therapie. Das mag vielleicht banal klingen, will aber beherzigt werden. Im Gegenzug kann und muss die Alternativmedizin einiges von der Schulmedizin lernen: insbesondere ihr Grundwissen und ihre wissenschaftliche Arbeitsweise.

Auch das wird in den Kliniken in Berlin und Essen schon angewendet. Die Mitarbeiter hier haben meist zwei Ausbildungen, eine schulmedizinische und eine alternative. Der Vorteil für die Patienten: Sie können sich darauf verlassen, dass der Therapeut wichtige medizinische Kenntnisse hat. "Eine ärztliche Ausbildung für Alternativmediziner bietet schon einmal einen guten Standard", sagt Stefan Willich von der Charité Ambulanz. Und in Essen sind die Alternativmediziner sogar in einen normalen Krankenhaus-Alltag eingebunden. Die Naturheilkunde-Klinik – ein moderner Bau mit sonnenlichtdurchflutetem Glasdach und Holzfußböden – liegt mitten in einem klassischen Krankenhauskomplex. Gleich nebenan liegen Gynäkologie, Radiologie und Innere Medizin mit Pneumologie. Die Ärzte übernehmen die ganz normalen Nachtdienste und betreuen dann auch die Patienten auf der Intensivstation.

Und es wird wissenschaftlich gearbeitet, geforscht. Frauke Musial ist die Forschungsleiterin der Essener Naturheilkunde-Klinik. Wer sie erlebt, wer die PowerPoint-Folien über ihren Computermonitor huschen sieht und versucht, ihren Erklärungen zu folgen, die gespickt sind mit Ausdrücken aus der Physiologie, der verbindet das nicht mit sanfter Medizin, sondern mit harter Wissenschaft. Bislang war die seriöse Forschung eine Sache der konventionellen Medizin. Alternativmediziner unterzogen ihre Mittel und Methoden selten wissenschaftlichen Tests. Aus gutem Grund, wie mancher Arzt argwöhnte: Würden Homöopathie, Akupunktur oder Yoga erforscht, käme schnell heraus, dass sie nicht wirkten. Die Alternativmediziner entgegneten, ihren ganzheitlichen Ansatz könne man schlicht nicht untersuchen.

Das sehen einige Integrativmediziner inzwischen anders: "Es ist wichtig, die Wirkung bestimmter Therapieformen nachzuweisen. Es reicht nicht, zu sagen: ›Ich erlebe jeden Tag, wie Alternativmedizin wirkt, und finde das gut‹, sondern man muss sich auch darum bemühen, wissenschaftlich anerkannte Wirksamkeitsnachweise vorzulegen", sagt Stefan Willich, der Chef der Champ. Die Alternativmedizin könne keinen Artenschutz beanspruchen.

Wenn die Wirkung einer Therapie nicht in einer guten Studie mit vielen Probanden nachgewiesen wird, bleiben all die Heilerfolge alternativer Methoden Anekdoten ohne Wert. Denn es gibt viele Fälle, in denen es so aussieht, als ob eine Therapie wirke – ohne dass sie es tatsächlich tut. Es kann reiner Zufall sein, dass jemand gerade in dem Moment eine Besserung verspürt, in dem er alternativmedizinisch behandelt wird. Zudem heilen viele Krankheiten, vor allem solche, die Schmerzen verursachen, spontan von allein – egal, ob ein Arzt oder Heilpraktiker etwas dagegen unternimmt. Ein weiterer möglicher Grund für eine Besserung: Die schulmedizinische Therapie, der sich ein Patient zuvor unterzogen hat, wirkt erst später, nämlich in dem Moment, in dem er mit der alternativmedizinischen Methode beginnt.

Der wichtigste Grund für eine nur scheinbare Wirkung aber ist der Placeboeffekt: Allein der Glaube, dass etwas hilft, wirkt im Körper nachweisbar. Dieses Etwas können Tabletten sein, die keine wirksame Substanz enthalten und trotzdem Schmerzen lindern. Das Etwas kann aber auch der Therapeut sein: Je intensiver er auf den Patienten und dessen Bedürfnisse eingeht, desto eher wird dieser eine Besserung verspüren, so die Faustformel. Je stärker die Patienten erwarten, dass eine Therapie wirken wird, desto größer ist der Placeboeffekt. Forscher schätzen, dass er bis zu 50 Prozent einer wissenschaftlich belegten Behandlungswirkung ausmachen kann. Und er ist keineswegs Einbildung: Placebos können die Ausschüttung körpereigener Schmerzmittel, sogenannter Endorphine auslösen.

Wissenschaftliche Studien versuchen, diese Scheineffekte möglichst vollständig heraus zufiltern. Deshalb ist es wichtig, auch alternative Methoden in vergleichenden Untersuchungen zu testen. Denn die Patienten haben ein Recht auf Sicherheit: Sie müssen wissen, ob die Heilmethode, der sie sich anvertrauen, auch tatsächlich von Nutzen ist. Oder ob sie ihre Zeit, ihr Geld und ihre Hoffnung in eine Therapie stecken, die reine Quacksalberei ist – und ihre Gesundheit womöglich sogar gefährdet.