Der Unfall im Februar 1988 veränderte Dee Fletchers Leben für immer. Als sie damals in ihrem frisch renovierten Haus in der Nähe von Mailand duschte, drang geruchloses giftiges Gas ins Badezimmer. Der Propanbrenner, der für heißes Wasser sorgte, war nicht ordentlich gewartet worden. Fletcher brach bewusstlos zusammen. Gerade noch rechtzeitig fand ihr Mann sie. Die Ärzte konnten ihr Leben retten. Doch ihr Sehsinn blieb auf bizarre Weise geschädigt.

Seit dem Unfall nimmt Fletcher damit nur noch wenig bewusst wahr. Sie kann die Farbe und Oberflächenbeschaffenheit von Dingen ausmachen. Sie weiß also etwa, dass etwas aus rotem Plastik ist. Aber sie ist ratlos, was es sein könnte. Fletcher kann keine Formen mehr identifizieren: Sie erkennt die Gesichter ihrer Freunde nicht. Sie kann ein Quadrat nicht von einem Dreieck unterscheiden. Und als die britischen Psychologen Melvyn Goodale und David Milner ihr eines Tages einen Bleistift zeigten, konnte sie nicht einmal sagen, ob er senkrecht oder waagrecht gehalten wurde.

Doch dann geschah es: Sie griff nach dem Bleistift, obwohl sie ihre Hand dazu in der Bewegung richtig drehen musste. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis den beiden Experten klar wurde, was gerade geschehen war. Eine Frau, die einen Bleistift nicht als solchen erkennen kann, geschweige denn, wie er gehalten wird, hatte ihn trotzdem perfekt gegriffen. Die Forscher versuchten es wieder und wieder. Jedes Mal meisterte Fletcher die Aufgabe.

Fortan beobachteten die Wissenschaftler ihre Patientin genauer: Einmal nahmen die beiden sie zu einem Picknick in den Bergen mit. Sie gingen einen steilen, unebenen Pfad hinauf, der durch einen Pinienwald führte. Fletcher marschierte selbstsicher voran, wich allen herabhängenden Zweigen aus und stolperte nicht über eine einzige Wurzel.

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Die Ausfälle der Schottin sind exotisch. Doch die Eigentümlichkeiten ihres Sehens sind es nicht. Wir alle sehen letztlich wie sie – wir merken es nur nicht. Fletcher ist einer jener in der Fachwelt berühmten Fälle, die überraschende Einblicke in die Arbeitsweise unseres Gehirns ermöglichen.

Melvyn Goodale ist heute Professor an der University of Western Ontario , David Milner emeritierter Professor der britischen Durham University . Inspiriert von Fletchers seltsamer Störung, formulierten sie eine neue Theorie des Sehens, die sie in den vergangenen Jahren immer besser belegen konnten: Wir verfügen über zwei Sehsysteme. Das eine – bei Fletcher weitgehend ausgefallen – liefert die Bilder, die wir bewusst wahrnehmen. Das zweite steuert unsere Bewegungen.

Wir glauben zwar, dass wir einen Brief in den Postkasten stecken können, weil wir die Klappe sehen und unsere Hand aufgrund des bewussten Bildes steuern, aber in Wirklichkeit gehorcht die Hand einem Sehsystem, dessen Existenz wir nicht einmal erahnen. Goodale ist klar, wie absurd das klingt: »Die Idee erscheint als Angriff auf den gesunden Menschenverstand.«