Der Bauernhof im Hochhaus

Geht es nach Dickson Despommier, muss der Stadtbewohner der Zukunft nicht mehr mit dem Auto ins Grüne fahren, wenn er Tomaten, Eier und Hühnerbrustfilet vom Bauernhof seines Vertrauens kaufen will. Mit "vertikalen Farmen" will der Professor für Umweltgesundheit von der Columbia University das große Problem der Landwirtschaft lösen: ihren enormen Bedarf an Wasser, fossiler Energie und Land. Die Bauern von morgen werden ihre Saat mitten in der Stadt in Hochhäusern ausbringen - in urbanen Agrarfabriken mit Gewächshäusern und Hightechställen auf mehr als 30 Stockwerken und einer Fischzucht im Keller. Zur Ernte steigen die Bauern nicht mehr auf den Traktor, sondern in den Fahrstuhl. 50.000 Menschen soll ein Turm mit Nahrung versorgen.

Schon heute beansprucht die Landwirtschaft 80 Prozent der fruchtbaren Fläche und 70 Prozent des Trinkwassers. Um im Jahr 2050 schätzungsweise 9,5 Milliarden Menschen zu ernähren, brauchte die Erde zusätzliches Ackerland von der Größe Brasiliens. Mehrstöckige Farmen reduzieren den Flächenbedarf. Und wenn Lebensmittel dort produziert werden, wo die meisten Konsumenten leben - in der Stadt -, entfallen zudem die Transporte.

Damit möglichst viele Pflanzen in den Hochhäusern unterkommen, werden sie nicht in Erde oder Granulat gesetzt, sondern in Gittergerüsten fixiert. Ihre Wurzeln hängen in der Luft und werden mit einem feinen Nährstoffnebel besprüht. 70 Prozent Wasser ließen sich dadurch sparen. Sensoren überwachen jede einzelne Pflanze, sodass sie exakt die Menge an Wasser und Nährstoffen erhält, die sie braucht.

Der Hochhaus-Bauernhof schafft geschlossene Kreisläufe: Die Tiere fressen Pflanzenreste, ihr Mist und ihre Methanausscheidungen düngen das Gemüse. Keine Gifte oder Klimagase gelangen in die Natur. Mit dem Sauerstoff, den die Pflanzen produzieren, lässt sich das Aquariumwasser anreichern. Und auch das Wasser, das die Pflanzen "ausatmen", wird aufgefangen und wiederverwendet.

Sauberen Strom für die Technik liefern Solarzellen und Windräder auf dem Dach. Das Sonnenlicht fällt durch besonders lichtdurchlässige Scheiben, Glasfaserkabel leiten es ins Innere des Turms.

Die Technologien für solche Hochhäuser gibt es bereits. Im chinesischen Tanghai nahe Peking könnte schon in diesem Sommer die erste vertikale Farm entstehen, der vierstöckige "Agropark". Mohrrüben oder Kohl würden darin allerdings nicht wachsen. "Wegen der hohen Baukosten lohnt sich das nicht", sagt der niederländische Landschaftsökologe Peter Smeets, der das Projekt mitplant. Daher würde der Agropark außer Schweinen und Fischen chinesische Heilkräuter beherbergen, deren Anbau profitabler ist.

Damit Lebensmittel aus Hochhäusern bezahlbar werden, müssten die Baukosten sinken. Ein 30-stöckiger Bauernhof kostet mehrere Hundert Millionen Dollar, schätzt Dickson Despommier. Ein Problem sind auch der große Energiebedarf und die hohen Grundstückspreise in der Stadt. "Die Flächenkonkurrenz ist groß", sagt Martin Kohler, Landschaftsarchitekt von der Hamburger HafenCity Universität. Er glaubt daher nicht an eine städtische Agrarindustrie.

Der Kommunalpolitiker Scott M. Stringer dagegen ist begeistert von der Idee. Er hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben und ist zuversichtlich, dass er genug Geld auftreiben kann.

Scott M. Stringer ist der Bezirksbürgermeister von Manhattan. Florian Diekmann