Allmählich taucht sie aus dem Morgennebel auf: Kexue Dao, die Wissenschaftsinsel. Büsche wuchern am Ufer, Bäume und ein paar Palmen verstellen den Blick; schon jetzt ist es heiß, drückend, Vögel zwitschern. Erst aus der Nähe sind zwischen all dem Grün Betonbauten auszumachen, klassisch sozialistischer Stil.

Streng genommen ist Kexue Dao nur eine Halbinsel, sie liegt im Shushan-See in Hefei; gleich fünf Physikinstitute hat die Chinesische Akademie der Wissenschaften (CAS) hier untergebracht. Mehr als tausend Wissenschaftler und Techniker forschen in der Abgeschiedenheit, der letzte Bus aus der Stadt fährt abends um halb acht. Hefei ist eine typische chinesische Stadt aus der zweiten Reihe, doch in der Wissenschaft spielt die 5-Millionen-Stadt in Chinas erster Liga. Fast ein Dutzend Hochschulen befinden sich hier, drei davon hat die Regierung für ihre Exzellenzprogramme ausgewählt. Hinzu kommen drei nationale Forschungslabore, mehr gibt es nur in Peking.

Aus westlicher Sicht wirkt die chinesische Forschung mitunter so abgeschieden und nebulös wie Kexue Dao. Das soll sich ändern: Bis 2050 will China zur "führenden Wissenschaftsmacht der Welt" werden, das hat die Regierung in einer Nationalen Richtlinie festgelegt. Präsident Hu Jintao hat dafür einen Slogan ausgegeben: zizhu chuangxin – "unabhängige Innovation". Seit 1999 hat das Land seine Investitionen in die Forschung jedes Jahr um 20 Prozent gesteigert; 2008 lag es bereits auf dem dritten Platz weltweit, nur die USA und Japan gaben mehr für die Wissenschaft aus. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt ist das Budget aber noch klein: 1,5 Prozent machte es 2007 aus, in den USA waren es 2,6, in Deutschland 2,5 Prozent. Bis 2020 will China aufholen.

Auf Kexue Dao wird gerade am Stolz des Instituts für Plasmaphysik geschraubt. Auf Socken schleichen Techniker in einem elf Meter hohen Stahlei herum, obendrauf steckt die chinesische Flagge. Wäre der Koloss in Betrieb, könnte niemand einen Fuß hineinsetzen, über 100 Millionen Grad heiß wäre es dann darin. Das Stahlei ist ein Fusionsreaktor. Damit wollen die Physiker unerschöpfliche, saubere Energie gewinnen, auf die gleiche Weise, wie die Sonne es tut. Ihren Reaktor haben die Chinesen "Experimental Advanced Superconducting Tokamak" genannt – das lässt sich schön abkürzen: East.

"Wir sind sehr stolz auf unsere Technik", sagt Luo Guang-Nan, der stellvertretende Chef der Tokamak-Abteilung. Luo trägt Jeans und ein lilafarbenes, gestreiftes Hemd; seine Doktorarbeit hat er in Japan geschrieben, auch in Deutschland hat er schon als Gastwissenschaftler gearbeitet. "Wir benutzen supraleitende Spulen, damit kann der Reaktor länger laufen", erklärt er. Auch der internationale Versuchsreaktor Iter, der ab diesem Jahr in Frankreich gebaut wird, soll solche tiefgekühlten, energiesparenden Drahtwickel bekommen. "Wir sind der wichtigste Teststandort für das Iter-Projekt", meint Luo. Noch ist das ein bisschen übertrieben, doch seine Kollegen und er wollen den Reaktor weiter ausbauen. "Dann wird East tatsächlich Weltspitze", sagt Joachim Roth vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching.

Roth arbeitet schon lange mit den Forschern in Hefei zusammen. "Es ist unglaublich, was sich da getan hat", sagt er. Als er 2002 zum ersten Mal die Wissenschaftsinsel besuchte, war noch der Vorgänger von East im Einsatz, ein ausrangiertes russisches Gerät. "Das war ein ziemlich alter Kasten, aber gut zum Lernen", erinnert sich der Plasmaphysiker. Seit damals habe sich der Etat des chinesischen Labors verdoppelt, erzählt Roth ein bisschen neidisch und lacht: "Von solchen Zuwächsen können wir nur träumen."

Schon jetzt veröffentlichen chinesische Forscher mehr Aufsätze in Fachzeitschriften als ihre Kollegen in allen anderen Ländern, außer in den Vereinigten Staaten. "Wissenschaft kann wie Olympia sein", sagte 2005 Rao Zihe, der damalige Direktor des CAS-Instituts für Biophysik. "Vor zwanzig Jahren gewann China sehr wenige Medaillen. Aber in Athen holten wir 32 Goldmedaillen, die USA 35. Wer weiß, was wir 2008 erreichen? Und was auf dem Sportplatz zutrifft, trifft auch im Labor zu." Tatsächlich räumten die chinesischen Athleten in Peking 51 goldene Medaillen ab, die amerikanischen nur 36.

Wie sich Chinas Wissenschaft entwickelt, bestimmt vor allem die Regierung

Doch lassen sich wissenschaftliche Leistungen genauso planen und steigern wie sportliche? Mit akribischer Talentsuche, hartem Training, unbedingtem Willen zum Sieg? Was olympische Goldmedaillen für Sportler, sind Nobelpreise für Forscher. Die Chinesen sehnen sich danach, dass endlich ein Landsmann geehrt wird. "Wenn gelegentlich ein Übersee-Chinese den Preis gewinnt, verstärkt das noch die Qual", schrieb der bekannte Kolumnist Raymond Zhou in der Online-Ausgabe von China Daily, als im vergangenen Jahr der in Shanghai geborene Charles Kao, der inzwischen den amerikanischen und den britischen Pass besitzt, den Preis für Physik bekam. "Es scheint zu zeigen, dass die Chinesen eigentlich zu den größten Leistungen in der Wissenschaft fähig sind, aber irgendwie durch irgendetwas anderes benachteiligt sind, sagen wir, durch unser System."

Wie viel Freiheit braucht die Forschung? Wie viel Freiheit hat sie in China? Und wie gut sind die chinesischen Wissenschaftler wirklich? Bevor man diese Fragen beantworten kann, muss man sich klarmachen, wie vielfältig China ist. Egal, was man über dieses Land sagt, an irgendeinem Ort stimmt sicher das Gegenteil. Das gilt auch für die Forschung. "Die Qualität ist nicht nur von Region zu Region sehr verschieden. Selbst einzelne Institute derselben Universität können extrem unterschiedlich sein", sagt Armin Krawisch, der Direktor des Chinesisch-Deutschen Zentrums für Wissenschaftsförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Peking.

Spitzenforschung findet sich in Peking und Shanghai und einer Handvoll weiterer Städte wie Shenzhen oder Hefei. Besonders gut sind chinesische Forscher in den Materialwissenschaften, der Nanotechnologie, der analytischen Chemie, in einigen Bereichen der Biowissenschaften, zum Beispiel der Genomforschung, und in der Physik. Und war China bisher vor allem in der anwendungsnahen Forschung stark, beginnt die Grundlagenforschung allmählich aufzuholen.

Ganz ähnlich sieht es auf Kexue Dao aus: Es gibt drei Institute, die eher für die Anwendung arbeiten (Optik und Feinmechanik, intelligente Maschinen, Recycling), und zwei, die Grundlagen erforschen (Plasmaphysik und Festkörperphysik). Unter all den repräsentativen Gebäuden mit griechisch inspirierten Dreiecksgiebeln oder riesigen roten Schriftzeichen auf dem Dach sticht ein schlichter, schicker Glasbau heraus: das Hochfeld-Magnetlabor. Hier arbeiten Anwendungs- und Grundlagenforscher gemeinsam. Es ist das jüngste Institut auf der Wissenschaftsinsel, erst vor zwei Jahren gegründet. Vielleicht sieht so die Zukunft der chinesischen Forschung aus.

Wie sich die Wissenschaft in China entwickelt, bestimmt aber noch immer vor allem die Regierung. Sie legt fest, auf welchen Gebieten besonders intensiv geforscht wird; auch der jüngste 15-Jahres-Plan für die Wissenschaft sieht 20 "Megaprojekte" vor. "Die chinesischen Forschungsfunktionäre sagen, sie hätten eingesehen, dass sie Innovation nicht von oben diktieren können, in Wirklichkeit versuchen sie aber genau das", schreibt die China-Expertin Linda Jakobson in ihrer Studie Innovation with Chinese Characteristics. Die Regierung fördere vor allem die Bereiche, von denen sie sich am meisten Nutzen erhoffe: Problemlösung oder Prestige. "Chinesische Forscher sollen Wissenschaft nicht um der Wissenschaft willen betreiben. Wissenschaftler sollen nützlich sein."

Und weil die Wissenschaftsbürokraten kontrollieren wollen, was sie geplant haben, aber oft die Qualität der Forschung nicht einschätzen können, messen sie vor allem deren Quantität. Die Zahl der Publikationen entscheidet über fast alles: Doktortitel, Budgets, Beförderungen. Die Qualität kann da oft nicht mithalten. Ein Indiz dafür: Die Veröffentlichungen chinesischer Forscher werden viel seltener zitiert als die ihrer Kollegen. In der Physik liegt China bei der Zahl der Publikationen auf dem vierten Platz weltweit, bei der Zahl der Zitierungen je Artikel nur auf Rang 65.

Wenn allein die Masse zählt, wächst auch die Versuchung, Daten zu kopieren, zu fälschen, zu erfinden. Das chinesische Wissenschaftsministerium ließ dazu mehr als 6000 Forscher befragen. Die Ergebnisse blieben zwar unter Verschluss, doch das Fachmagazin Nature will aus verschiedenen Quellen erfahren haben, dass etwa ein Drittel der Wissenschaftler einen Betrug zugegeben habe. Und eine Studie der Universität Wuhan schätzt den chinesischen Markt für das Ghostwriting von Publikationen für das Jahr 2009 auf 100 Millionen Euro – fünfmal so viel wie 2007.

Der Nachwuchs steht unter enormem Druck

"Die Regierung hat die Probleme erkannt", sagt Armin Krawisch von der DFG. Im Februar legte sie einen Entwurf für eine Bildungsreform vor und bat Wissenschaftler um Ideen. Die Dekane der Biowissenschaftlichen Fakultäten der Peking- und der Tsinghua-Universität schrieben dem Premierminister daraufhin einen Brief. Darin fordern sie für die Universitäten die gleiche Autonomie, die das Regime der Wirtschaft in den achtziger Jahren gewährt hat.

Doch die Schwierigkeiten beginnen schon früher, in der Schule. Noch immer müssen chinesische Schüler sehr viel auswendig lernen. "Wir produzieren Weltklasse-Prüflinge am Fließband, aber wir neigen dazu, die Kreativität zu ersticken", meint Raymond Zhou von China Daily. "Unsere schematischen Lernmethoden machen uns kaum zu Pionieren und Führern in der Wissenschaft, dazu muss man querdenken." Die Methoden sind zum Teil Überbleibsel des kaiserlichen Prüfungssystems, das striktes Büffeln verlangte, sowie der konfuzianischen Tradition, in der Schüler nachahmen sollen, was der Lehrer vormacht.

Zugleich stehen die Schüler heute unter enormem Druck: Eine einzige Prüfung entscheidet darüber, ob sie einen guten Studienplatz bekommen. Und die Eltern fokussieren oft ihren ganzen Ehrgeiz auf ihr einziges Kind, das es einmal besser haben soll.

Der Stress macht viele Schüler krank: In einer Umfrage des University College London sagte mehr als jedes dritte der 2000 befragten chinesischen Kinder, dass es mindestens einmal in der Woche Bauch- oder Kopfweh habe. 81 Prozent der Schüler hatten große Angst vor Prüfungen. Fantasie und Querdenken fördert das sicher nicht, aber natürlich sind auch nicht alle chinesischen Studenten unkreative Duckmäuser.

Zhang Yangyang etwa wirkt sehr beflissen, aber keineswegs verschüchtert. Der 23-jährige Physikstudent lebt seit ein paar Monaten auf der Wissenschaftsinsel, er schreibt seine Masterarbeit bei Professor Luo. Um sein Englisch zu verbessern, lädt er BBC-Sendungen und die US-Serie Friends aus dem Internet herunter und trainiert damit. Darum wechselt er zwischen britischem und amerikanischem Akzent hin und her. "Es ist ziemlich ruhig hier", sagt er, während er über die Insel führt. "Man hat wenig Ablenkung."

Zwei ältere Frauen überholen mit zackigen Schritten, plaudernd drehen sie ihre Frühsport-Runde. "Sie reden darüber, wie wichtig es ist, die Energie im Gleichgewicht zu halten, die Energie von der Sonne aufzunehmen", erklärt Zhang. Auf Kexue Dao wohnen auch ganz normale Leute, in baufälligen Backsteinhäusern mit pflanzenüberwucherten Balkonen, zwischen denen sich Wäscheleinen spannen. Sie waren schon da, als die Wissenschaftler kamen. "Wir machen einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür und erklären, woran wir forschen", erzählt der Student. Die Bewohner interessierten sich sehr dafür. Auch das ist ein Erbe des Konfuzianismus: Wissenschaft und Bildung sind in der chinesischen Gesellschaft hoch angesehen. "Sie nennen den Fusionsreaktor ›unsere kleine Sonne‹."

Zhang biegt ab zu einer brandneuen Halle. Drinnen schweißen Arbeiter eine mannshohe Kabeltrommel zusammen, darauf soll der chinesische Beitrag für das internationale Großprojekt Iter aufgewickelt werden: Drähte für die supraleitenden Spulen. Seit 2003 gehört China zum Iter-Konsortium, ein weiterer Schritt in die globale Wissenschaftsgemeinschaft. "Wir haben viel Erfahrung mit diesen Drähten, deshalb haben wir den Auftrag bekommen", erklärt Professor Luo.

China versucht seine Forscher aus dem Ausland zu reimportieren

Die chinesische Wissenschaft ist inzwischen gut vernetzt: Gastprofessoren lehren an Universitäten in China, Forscher arbeiten mit Kollegen im Ausland zusammen, und chinesische Institutionen gründen Zentren mit ausländischen Partnern. Schon in den achtziger Jahren war es ein Teil der Öffnungspolitik, dass Chinesen im Ausland studieren durften. Seither hat sich einiges getan: Verließen 1985 noch 5000 Chinesen zum Studium ihre Heimat, waren es 2007 144.000.

Die in den USA, Großbritannien oder Deutschland ausgebildeten Fachleute sollen nun helfen, China zur Supermacht der Wissenschaft zu machen. Die chinesische Regierung lockt sie mit gutem Einkommen, schicken Wohnungen, repräsentativen Titeln, großzügigen Forschungsbudgets. Hai gui werden die reimportierten Wissenschaftler genannt. Das heißt Rückkehrer, klingt aber auch so ähnlich wie das Wort für "Meeresschildkröte". Wie die Tiere zum Eierlegen an ihren Geburtsort zurückkehren, so sollen auch die Experten wieder in die Heimat kommen.

Der Physiker Pan Jianwei ist so ein hai gui. Nach zwölf Jahren in Österreich und Deutschland ging er 2008 nach Hefei zurück, seine Gruppe an der University of Science and Technology of China hat er inzwischen in der Quantenphysik an die Weltspitze geführt. Und offenbar verändert der Rückkehrer auch die Kultur im Labor. Sein ehemaliger Kollege Časlav Brukner von der Universität Wien hat bei einer Konferenz in Peking Pans Studenten kennengelernt und war überrascht: "Normalerweise stellen chinesische Studenten ihren Lehrer nicht gern infrage, aber Pans Leute sind anders, sehr diskussionsfreudig."

In letzter Zeit kehrten jedoch vor allem junge Bachelor- und Masterabsolventen zurück, höher qualifizierte Forscher behielten häufig zugleich ihre Stelle im Ausland, und viele Heimkehrer heuerten in der Wirtschaft an. Nach einer Schätzung sind etwa 80 Prozent der Auslandsstudenten und -akademiker noch nicht wieder in China. Jakobson sagt: "In fast allen Gebieten sind die fähigsten Spezialisten nicht zurückgekehrt."

Und die, die heimkehren, fühlen sich oft fremd, sie kommen nur schwer damit zurecht, dass sich die Politik in die Forschung einmischt; sie sind auch häufig ungeduldiger. Gerade deshalb könnten sie aber helfen, den Wandel zu beschleunigen. Der Computerspezialist und Chef von Mozilla in China, Gong Li, hat ein Forum für Rückkehrer gegründet, das Einfluss auf die Regierung nehmen will.

Um aber die besten Forscher zurückzuholen, sind weitere Reformen nötig. Es wird sicher noch eine Weile dauern, aber so wie China die Wissenschaftswelt verändert, wird auch die globale Wissenschaft China verändern. Die chinesische Forschung ist keine Insel mehr, nicht einmal mehr eine Halbinsel.