ZEIT Wissen: Professor Vaillant, war John F. Kennedy ein glücklicher Mensch?

George Vaillant: Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.

ZEIT Wissen: Aber Kennedy war doch einer der 268 Harvard -Absolventen, die für Ihre Studie untersucht wurden.

Vaillant: Das stimmt. Kennedy gehörte zu den Menschen, deren Leben wir seit den vierziger Jahren beobachten, um herauszubekommen, was ein Leben gelingen lässt. Doch die Daten werden anonym veröffentlicht, wenn es um einzelne Personen geht. Kennedy ist auch gar nicht so wichtig.

ZEIT Wissen: Warum nicht?

Vaillant: Weil es darum geht, was in der Summe herauskommt, also wenn man alle Probanden betrachtet.

ZEIT Wissen: Und was kommt heraus?

Vaillant: Den größten Einfluss darauf, ob ein Leben gelingt, hat Bindung. Und dabei geht es nicht unbedingt um die Bindung zum Lebenspartner, sondern eher um die grundsätzliche Beziehung zu anderen Menschen, also im Sinne einer altruistischen und empathischen Verbindung.

ZEIT Wissen: Was bedeutet das konkret?

Vaillant: Eine Ehe zwischen zwei narzisstischen Personen etwa hat damit nichts zu tun. Ist man aber umgeben von einfühlsamen Menschen und besitzt selbst die entsprechende Veranlagung, wird man auch empathischer. Das hat sich als wichtigster Faktor für ein erfolgreiches Leben herausgestellt.

ZEIT Wissen: Wann spricht man denn überhaupt von einem erfolgreichen Leben?

Vaillant: Das ist eine ewige Streitfrage. Der eine hat eine erfüllte, glückliche und großartige Zeit und stirbt mit 40 Jahren. Ein anderer hat ein in Teilen langweiliges, verbittertes Leben, wird aber bei bester Gesundheit älter als 90 Jahre. In der Studie mussten wir uns für klare Kriterien entscheiden. Wir haben beschlossen, diejenigen Menschen als solche mit einem erfüllten Leben zu definieren, die möglichst viele Bedingungen erfüllen: die alt sind und dabei gleichzeitig psychisch und körperlich weitestgehend gesund und zufrieden mit sich selbst.

ZEIT Wissen: Haben diese Menschen in ihrem Leben nicht vielleicht einfach besonders viel Glück gehabt?

Vaillant: Vielleicht. Aber sie haben ebenso wie alle anderen schwierige Situationen erlebt. Jeder erleidet Schicksalsschläge in seinem Leben, das kann eine Trennung vom Lebenspartner sein oder der Verlust des Arbeitsplatzes, aber auch der unerwartete Tod der Eltern, mit denen man sich erst kurz zuvor gestritten hat. Entscheidend sind die Schutzmechanismen, also die Art und Weise, wie man unbewusst auf solche Situationen reagiert.