Die meisten Menschen waschen sich die Haare allerdings nicht, weil sie schmutzig oder fettig sind. Shampoos, Spülungen und Kuren sollen vielmehr "gesundes Haar" hervorbringen, sie sollen das Haar kräftiger, geschmeidiger und vor allem glänzender machen. "Der globale Trend heißt Pflege, Pflege, Pflege", sagt Henkel-Forscher Förster.

Die Haare selbst können allerdings weder gesund noch krank sein. Mediziner betrachten Haare als "Hautanhangsgebilde". Sie bestehen aus fadenförmigen, vielfach miteinander verdrehten Eiweißmolekülen, dem Keratin. Diese Stränge entstehen in den Haarfollikeln, kleinen Einstülpungen der Haut. Sie ordnen sich spindelförmig an und versteifen sich dadurch. Millionen von ihnen verkleben und bilden die Haarfasern, dazwischen sind Fette und Wasser eingelagert. Umhüllt ist jedes Haar von einer dünnen Schicht aus Hornschuppen.

Die Haarproduktion kann durch Krankheit, Medikamente, hormonelle Veränderungen oder Mangelernährung beeinflusst werden, Haare sind daher ein Spiegel der Gesundheit. Das Geschehen in der Kopfhaut lässt sich aber kaum von außen mit einem Shampoo beeinflussen. "Dafür sind schon die Kontaktzeit und die Konzentration der Wirkstoffe zu gering", sagt der Dermatologe Trüeb. Wer unter Haarausfall leidet oder seinem vermeintlich alternden Haar eine Anti-Aging-Behandlung verpassen will, sollte sich keine großen Hoffnungen machen.

Kommt das Haar erst mal auf der Kopfhaut zum Vorschein, handelt es sich nur mehr um tote Materie. Sie braucht keine Nährstoffe oder Vitamine zum Bestehen. Und die einmal gebildete Haarstruktur wird auch von der Körpergesundheit nicht weiter beeinflusst (man kann auch nicht durch einen Schreck plötzlich ergrauen).

Es sind vor allem das ständige Rubbeln, Bürsten, Föhnen und das UV-Licht, die das Haar beschädigen, außerdem Färbungen, Dauerwellen oder heiße Glätteisen. Die äußeren Schuppen reißen unter der Belastung auf, das Haar verliert die spiegelnde Oberfläche und damit den Glanz. Es ist schwieriger zu kämmen, und wer es dennoch versucht, macht den Schaden oft noch größer.

Nun schlägt die Stunde der Kosmetikindustrie. Ihre Chemiker konstruieren langkettige Kunststoffmoleküle mit positiv geladenen Atomen, die mittels elektrostatischer Kräfte an der negativ geladenen Haaroberfläche haften bleiben. Sie bilden einen schützenden und glatten Überzug. Ähnlich wirken Silikonöle, die in feinsten Tröpfchen im Shampoo oder Conditioner gelöst sind. Die Wirkung lässt sich mit Rasterelektronenmikroskopen belegen. Franz Wortmann analysiert sogar den Glanz einzelner Haare, indem er sie mit Lasterstrahlen beleuchtet und den Anteil der Reflexion vermisst.

Eine glättende Schutzschicht und ein vermehrter Glanz sind also durchaus realistische Versprechen. Weil die Kunden aber keine Silikonabdichtung für ihr Haar kaufen wollen, dienen "Ginseng-Extrakte", "Kaschmirproteine" oder "Bambusessenzen" als Lockmittel. Diese Begriffe klingen nach Gesundheit, und tatsächlich sind die entsprechenden Stoffe auch im Produkt enthalten, oft jedoch nur in winzigen Mengen. Die größere Wirkung entfalten Stoffe mit wenig glamourösen Namen wie Polyquaternium. Die Zahl der künstlichen Conditioner-Verbindungen schätzt Chemiker Wortmann auf rund 500.

Die Schutzschicht hat jedoch nur eine begrenzte Haltbarkeit, und das ist durchaus gewollt. Denn wenn mit jedem Waschen mehr hängen bliebe, würden die Haare bald schwer werden und aneinanderhaften – die Frisur würde schlapp und sähe fettig aus. Manche Silikonöle sollen sogar nur das nasse Haar kämmbar machen und verdunsten innerhalb weniger Stunden.

Wie einfach hatten es doch unsere Großmütter. "Sie haben Dreck und Talg täglich ausgebürstet, und ihre Haare waren auf diese Weise eigentlich auch gut gepflegt", sagt Wortmann. "Allerdings war die Haarmode eine andere."