In England verkaufen sie das Glück in Flaschen. Es ist milchig weiß, riecht ein bisschen nach Ananas und schmeckt chemisch. "Bliss" heißt der Drink, übersetzt "Glück", er soll ein sogenannter mood enhancer sein, also die Stimmung heben. Stoffe aus Ginkgo und Ginseng würden die Laune aufhellen, behauptet der Hersteller. Dass es keine Untersuchungen über die Wirksamkeit des Gebräus gibt, scheint nebensächlich – weiß nicht ohnehin jeder, dass Lebensmittel die Gefühlslage ändern können? Dass Nudeln glücklich machen und Schokolade Frust vertreibt, dass Stress mit Gummibärchen erträglicher wird? Und empfahl nicht schon der Grieche Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, bei Depressionen Eselsmilch zu trinken?

Der Verdacht ist jahrtausendealt: Was wir essen, beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Auch alternative Heilmethoden spiegeln diese Vorstellung wider. Die moderne Schulmedizin dagegen hielt den Ansatz lange für abwegig – bis jetzt. Nun ändert sich die Sicht der Experten. Sie stellen sich Fragen, die vor ein paar Jahren noch als absurd abgetan wurden: Kann es sein, dass eine ungesunde Ernährungsweise unglücklich macht – im schlimmsten Fall sogar depressiv? Und ist das eine Erklärung dafür, dass nicht nur die Fettleibigkeit in westlichen Ländern epidemieartig zunimmt, sondern auch Depressionen und Angsterkrankungen häufiger werden?

Einen Zusammenhang zwischen den Leiden scheint es zu geben: Übergewichtige haben ein deutlich höheres Risiko für Depressionen. Dahinter steckt anscheinend mehr als die geläufige Erklärung, dass Dicke wegen ihres Aussehens unglücklich sind und aus Frust mehr essen.

Mindestens vier verschiedenen Fährten sind Wissenschaftler heute auf der Spur, um die Effekte des Essens auf die Stimmung zu erklären, und vermutlich spielen alle eine gewisse Rolle. Da gibt es Stoffe in der Nahrung, die unmittelbar auf das Gehirn wirken. Da ist der Magen-Darm-Trakt, durchzogen mit einem komplexen Nervengeflecht, das Signale direkt in die Gefühlszentren des Gehirns schickt. Da ist das Immunsystem, das die Stimmung drücken kann und das auf Nahrung ziemlich direkt reagiert. Und nicht zuletzt könnten sogar Bakterien, die im Darm bei der Verwertung der Kost helfen, für Glück oder Unglück mitverantwortlich sein.

"Psychiater haben bisher nie unterhalb des Halses nach Ursachen für Probleme gesucht. Aber vielleicht werden wir in Zukunft psychiatrische Probleme nicht mehr nur im Gehirn, sondern auch im Verdauungstrakt behandeln", sagt Emeran Mayer, Professor an der University of California in Los Angeles (UCLA) und einer der führenden Forscher im Bereich der Neurogastroenterologie, also der Neurowissenschaften des Magen-Darm-Systems.

Zu dieser Prognose passen auch drei Studien, die vor Kurzem in angesehenen Fachjournalen erschienen sind. Sie deuten darauf hin, dass bestimmte Ernährungsmuster das Risiko für psychische Probleme verändern. Australische Wissenschaftler verfolgten Ernährung und Stimmung von 1046 Frauen über zehn Jahre hinweg, eine spanische Forschungsgruppe analysierte die Daten von 10.094 Männern und Frauen über mehr als vier Jahre, und ein britisch-französisches Team untersuchte zwischen 1985 und 2004 in London 3486 Büroangestellte.

Alle kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Menschen, die frisches Gemüse, Früchte, Fisch und Vollkorn essen, also vollwertige und frische Kost, haben ein geringeres Risiko, an Depression zu erkranken. Wer hingegen viel verarbeitete Lebensmittel, Frittiertes, Weißmehlprodukte und Süßes zu sich nimmt, steigert sein Risiko für die Erkrankung. Zwar lässt sich mit solchen Studien immer nur ein statistischer Zusammenhang ermitteln, kein Ursache-Wirkungs-Prinzip. Aber dass andere gesundheitliche Probleme oder Verhaltensweisen wie Rauchen oder Sport für die Unterschiede verantwortlich sind, schlossen die Forscher aus; ebenso, dass es die schlechte Laune war, die die Betroffenen zuerst gequält hatte und so den ungünstigen Speiseplan erst verursachte.

Vier Wochen lang auf Fast-Food-Diät

Morgan Spurlock, ein amerikanischer Dokumentarfilmer, spürte am eigenen Leib, was Essen mit Körper und Kopf macht: 30 Tage lang ernährte er sich für seinen Film Super Size Me ausschließlich von Fast Food bei McDonald’s. Hinterher brachte er elf Kilo mehr auf die Waage, seine Gesundheit war schwer angeschlagen und seine Stimmung im Keller: Launisch, wütend und unglücklich habe ihn das Junkfood gemacht, erzählte der Filmemacher.

Als Michael Panzer , Student der Chemie- und Umwelttechnik aus Leipzig, den Versuch für ZEIT Wissen wiederholte, endete die Sache nach zwei Wochen weniger spektakulär, vielleicht auch, weil die Dosis mit nur einer statt drei Fast-Food-Mahlzeiten am Tag deutlich niedriger war. "Die Einseitigkeit der Ernährung hat mich mit der Zeit ziemlich genervt, es schmeckte immer gleich", berichtet Panzer. "Sonst hat sich an meiner Stimmung aber nicht viel verändert." Allerdings fühlte er sich nach jedem Essen ziemlich müde und matschig: "Ich habe danach erst mal zwei Stunden gebraucht, um wieder klar im Kopf zu werden. Und wenn ich direkt nach dem Essen mit dem Hund rausgegangen bin, hat mich das schon sehr geschlaucht."

Solche Selbstversuche sagen wissenschaftlich wenig aus, schließlich können schlechte Laune oder Trägheit nach dem Essen auch einfach Zufall sein. Doch Panzers Beobachtungen ähneln denen von 18 Versuchspersonen, die an der schwedischen Universität Linköping vier Wochen lang auf Fast-Food-Diät gesetzt worden waren – wie in Spurlocks Film. Ein Gefühl auffälligen Energiemangels stellte Studienleiter Fredrik Nyström, Professor für Innere Medizin, am Ende des Experiments bei ihnen fest – trotz der üppigen Energiemenge, die sie zu sich nahmen.

Untersuchungen zeigen, dass fettreiche Mahlzeiten unmittelbar müde machen – vermutlich werden nach dem Essen bestimmte Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die für Schläfrigkeit sorgen. Aber für den langfristigen Stimmungsumschwung der schwedischen Probanden könnte es noch eine andere Erklärung geben. In Verdacht stehen die vielen gesättigten Fettsäuren, die in Nahrungsmitteln wie Burgern, Pommes und Pizza stecken.

Der Neurowissenschaftler Fernando Gómez-Pinilla, der an der UCLA untersucht, wie Umweltfaktoren das Nervensystem beeinflussen, wertete im Fachmagazin Nature Reviews Neuroscience vor zwei Jahren 160 Studien über die Wirkung von Essen auf das Gehirn aus. Sein Fazit: "Nahrung wirkt wie ein pharmazeutisches Präparat aufs Gehirn." Einzelne chemische Bestandteile des Essens beeinflussen das Denkorgan positiv oder negativ, davon ist Gómez-Pinilla überzeugt. Omega-3-Fettsäuren, reichlich in Seefischen wie Lachs, Makrele oder Hering enthalten, sollen ihm zufolge nicht nur dem Gehirn guttun, sondern auch der Stimmung. "In den vergangenen 100 Jahren ist der Konsum von gesättigten Fettsäuren und Transfetten in westlichen Zivilisationen dramatisch angestiegen, während die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren zurückging. Das könnte die steigende Häufigkeit von Depressionen in Ländern wie den USA oder Deutschland erklären", schreibt der Neurowissenschaftler.

In Ländern wie Japan, in denen viel Fisch gegessen wird, sind solche Seelenqualen dagegen seltener. Eine mögliche Erklärung: Die speziellen Fettsäuren, die der Körper nicht selbst bilden kann, verbessern die Neuverschaltung der Nervenzellen, die sogenannte Plastizität des Gehirns. Ähnlich wirken vermutlich auch moderne Antidepressiva.

Tatsächlich haben einige Studien ergeben, dass die Omega-3-Fettsäuren Depressionen und bipolare Störungen lindern können, wenn sie zusätzlich zu einer normalen Therapie verabreicht werden. Und in einer Pilotstudie mit 30 Frauen, die an einem mittelschweren Borderlinesyndrom litten, stellte die Psychiaterin Mary Zanarini von der Harvard Medical School fest, dass durch eine Extraportion der ungesättigten Fettsäuren innerhalb von acht Wochen die Aggressivität geringer wurde und sich depressive Symptome besserten.

Wissenschaftlich untersucht wurde die Ayurveda-Ernährung kaum

Für Anhänger des Ayurveda sind solche Erkenntnisse nicht weiter überraschend. Denn in dieser traditionellen indischen Heilkunde setzt man seit Jahrtausenden darauf, Emotionen durch Nahrungsmittel zu beeinflussen. Nervös und zappelig war Merle Wuttke, sie fühlte sich energie- und kraftlos und schlief schlecht. Wuttke probierte vier Wochen lang aus, ob ihr eine Ernährung nach ayurvedischer Lehre helfen würde: Sie begann den Tag mit zwei Tassen heißem Wasser und warmem Getreidebrei, aß Mittags Salat oder Rohkost und kochte sich abends eine heiße Suppe. "Ich habe schon nach einer Woche gemerkt, dass ich viel besser geschlafen habe. Ich bin nicht mehr so oft aufgewacht und fühlte mich morgens erholter", erzählt die selbstständige Journalistin. Zudem habe sie weniger Stimmungsschwankungen gehabt: Nicht mehr so reizbar sei sie gewesen, dafür sei die Energie zurückgekommen.

Wissenschaftliche Untersuchungen über die ayurvedische Ernährungsweise gibt es nicht. Doch an dem generellen Prinzip, das hinter der Methode steht, scheint etwas dran zu sein. Viele Neurogastroenterologen sind jedenfalls überzeugt davon, dass Stimmungen nicht nur im Kopf entstehen, sondern auch im Bauch. "Unsere Gemütslage wird vom Darm viel stärker beeinflusst, als wir uns das bisher träumen ließen", sagt Peter Holzer, Neurogastroenterologe und Professor für Experimentelle und Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Graz.

Bauch und Kopf stehen in ständiger Verbindung miteinander und tauschen Signale aus. Der Darm ist dabei weit mehr als nur ein Sklave des Gehirns: Er beherbergt das – neben Gehirn und Rückenmark –dritte wichtige Nervensystem im Körper. Über 100 Millionen Nervenzellen befinden sich in der Darmwand, mehr als im Rückenmark. Dieses "enterische Nervensystem" ähnelt dem Gehirn wie ein Zwilling: Zelltyp, Rezeptoren und Botenstoffe im Darm sind genau dieselben. So wird der Großteil des Botenstoffs Serotonin, der im Gehirn an der Stimmungsregulation beteiligt ist, im "zweiten Gehirn" im Bauch gebraucht und ist dort für die Bewegung des Verdauungsorgans zuständig. Sogar eigene Rezeptoren für Aromen und Geschmäcker gibt es im Darm. Auch sie wirken auf die Muskeln des Darms, wie Münchner Forscher 2008 herausfanden, doch eventuell schicken sie zusätzlich eine Art Empfangsbestätigung für wichtige Nährstoffe aus dem Bauch ans Gehirn – darauf deuten zumindest Tierversuche hin.

Mit seinem Nervengeflecht kann der Darm seinen Hauptjob, Nahrungsmittel aufspalten, Nützliches verwerten und Reste abtransportieren, eigentlich allein erledigen. Über das autonome Nervensystem jedoch steht er in ständigem Austausch mit dem Gehirn, vor allem über den sogenannten Vagusnerv. Die Signale laufen zwar generell in beide Richtungen, aber 90 Prozent gehen vom Bauch in den Kopf. Und viele Botschaften landen direkt in den Bereichen, die für Gefühle zuständig sind.

"Nahrung ist etwas ganz Existenzielles für den Körper, also ist es völlig klar, dass der Darm das Gehirn über seinen Zustand informieren muss und Alarm schlägt, wenn etwas nicht in Ordnung ist", sagt der Psychiater Lukas Van Oudenhove von der Universität Löwen in Belgien. "Hunger zum Beispiel verändert ja ganz rapide die Stimmung: Man bekommt schlechte Laune und wird unruhig – ein Signal, dass man etwas ändern sollte." Van Oudenhove untersucht, wie das Gehirn Schmerzsignale aus dem Darm verarbeitet. Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn könnte auch erklären, warum "satt und zufrieden" so eng zusammengehören. Ein neuer Behandlungsansatz bei Depressionen setzt genau darauf: Reizt man den Nerv, der auch Bauch und Kopf miteinander in Kontakt bringt, hellt sich die Laune bei manchen Patienten mit der Zeit auf.

Doch nicht nur Hungeralarm und Sattheitsglück gelangen durch die Kommunikationsleitung vom Bauch ins Hirn, sondern auch emotionale Informationen, vermuten Neurogastroenterologen. Sie berufen sich auf den Leitsatz des Neurowissenschaftlers und Psychologen Antonio Damasio, dass alle Emotionen im Körper entstehen: Wir bemerken, dass sich an der Biochemie im Organismus etwas verändert, und deuten es als Angst, Freude, Wut oder Trauer. Mit der Zeit entsteht so eine Art Feedbackschleife zwischen Kopf und Körper.

In Redensarten wird deutlich, dass die Menschen die enge Verbindung zwischen Kopf und Bauch schon immer ahnten: Schlechte Nachrichten schlagen auf den Magen, bereiten Bauchschmerzen und wollen erst einmal verdaut werden. Und Verliebtheit sorgt für Schmetterlinge im Bauch.

Fasten ist die Königsdisziplin vieler alternativer Heilverfahren

Nicht immer muss das Bauchgefühl klar ins Bewusstsein treten: Emeran Mayer vermutet, dass die Hintergrundstimmung, dieses komische Gefühl, mit dem man morgens aufwacht, ganz entscheidend vom Darm mitbestimmt wird. Und er geht noch einen Schritt weiter: "In Studien zeigt sich gerade, dass die Verbindung zwischen Gehirn und Verdauungstrakt eine Schlüsselrolle für die Entstehung von Emotionen spielt", sagt Mayer. Wie das im Detail funktioniert und ob auch die Ernährung direkt oder indirekt daran beteiligt ist, das ist bislang noch weitgehend unklar.

Immer wieder allerdings entdecken die Forscher neue Puzzleteilchen, die irgendwann ein Gesamtbild ergeben könnten: So haben auch Darmhormone, die vor oder nach Mahlzeiten ausgeschüttet werden, mehr Aufgaben, als nur Hunger und Sättigung, Schmerzen oder Übelkeit zu melden – sie dienen dem Gehirn als Botschafter. "Bisher dachte man, diese Verdauungshormone hätten vor allem mit der Appetitkontrolle zu tun", sagt Peter Holzer, "aber nun zeigt sich in Tierversuchen, dass sie auch die Stimmung beeinflussen und zum Beispiel ängstlicher oder weniger ängstlich machen – je nachdem, welches Hormon beteiligt ist." In einer Studie, die im April im Fachjournal Plos One erschien, belegten Londoner Forscher, dass dies auch beim Menschen so sein könnte: Wenn Versuchspersonen einen Glücksspiel-Test mit knurrendem Magen absolvierten, gingen sie ein deutlich höheres finanzielles Risiko ein als nach dem Essen – die Verhaltensänderung hing unmittelbar mit der Konzentration des Appetithormons Ghrelin zusammen.

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Bei Depressiven beobachten Forscher bereits seit einiger Zeit, dass Botenstoffe durcheinandergeraten sind, die mit Sättigung und Appetit zusammenhängen. Ob das Chaos der Darmhormone tatsächlich eine Ursache des trüben Gemüts ist oder nur die Folge, konnte bislang noch nicht geklärt werden. Immer deutlicher wird allerdings: Systeme, die die Nahrungsaufnahme regulieren, und solche, in denen Gefühle und sogar Erinnerungen verarbeitet werden, kooperieren im Gehirn wie im restlichen Körper eng miteinander. Dieses Zusammenspiel ist ein Erbe aus der Zeit, als es Essbares noch nicht im Supermarkt gab, sondern die Menschen es erst mühsam erjagen mussten: Effektive Nahrungsbeschaffung wurde und wird noch immer mit Wohlgefühl belohnt. Und wenn die Kommunikation zwischen Kopf und Bauch gestört ist, zieht das offenbar auch die Laune in Mitleidenschaft.

Fünf Tage lang hat Magdalena Hamm gefastet. Nichts gegessen. Keinen Kaffee getrunken und natürlich auch keinen Alkohol – nicht einmal beim ersten Deutschlandspiel der Fußballweltmeisterschaft. Stattdessen gab es morgens Tee, mittags dünne Gemüsebrühe und abends, als Höhepunkt des Tages, ein halbes Glas Gemüsesaft, mit warmem Wasser verdünnt. Angst vor Hungerattacken habe sie vorher gehabt, sagt die Studentin. Aber der Magen knurrte nicht einmal. Stattdessen sei ihre Stimmung ausgesprochen gut gewesen: am Anfang sogar richtig euphorisch, später dann zufriedener und gelassener als sonst.

Fasten ist so etwas wie die Königsdisziplin vieler alternativer Heilverfahren: Von "Entgiftung" ist dabei häufig die Rede oder "Entschlackung", Körper und Geist würden gereinigt, wie neugeboren gehe man aus der Fastenzeit hervor, heißt es. Schulmediziner sind bei solchen Behauptungen skeptisch, denn sie wissen, dass der Körper Giftstoffe, auch ohne zu fasten, effektiv ausscheidet. Eine Wirkung scheint der Nahrungsverzicht dennoch zu haben: Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus in Berlin-Wannsee, stellte im April in einem Übersichtsartikel fest, dass 7- bis 21-tägiges Fasten mit weniger als 500 Kalorien am Tag bei Patienten, die an Rheuma oder chronischen Schmerzen litten, die Laune deutlich verbesserte und die Schmerzen linderte – und zwar unabhängig davon, ob und wie sich das Körpergewicht änderte.

Beim Fasten schüttet der Körper jede Menge Botenstoffe aus, die die Stimmung stimulieren: Endorphine, Dopamin, Serotonin. Auch die Neuverschaltung der Nervenzellen wird angeregt. Vermutlich ein Motivationsmechanismus des Körpers, der auf diese Weise dafür sorgt, dass man sich bei vorübergehender Nahrungsknappheit nicht schlecht gelaunt zurückzieht und verhungert, sondern frohgemut auf die Suche nach Essbarem macht, vermutet Michalsen.

Nicht zuletzt wirkt sich Zurückhaltung beim Essen aber auch auf das Immunsystem vorteilhaft aus: Untersuchungen zeigen, dass eine um 20 bis 30 Prozent gezügelte Kalorienzufuhr die Menge bestimmter Entzündungsmarker im Blut reduziert. Und wenn Muslime während des Ramadans von Sonnenaufgang bis -untergang fasten, verringern sich die Entzündungsanzeichen im Vergleich zu vorher sogar um die Hälfte, ohne dass sich das Körpergewicht verändert. Solche Befunde bestätigen einen Verdacht, den viele Forscher schon länger haben: Sie vermuten, dass das Immunsystem die Gemütslage beeinflusst. Vermittler könnten bestimmte Entzündungsbotenstoffe sein, sogenannte proinflammatorische Zytokine. Sie drücken die Laune, machen müde und antriebslos und stören die Konzentration. Stress lässt die Zytokinproduktion im Körper ansteigen, eine chronische Entzündung auf niedrigem Niveau kann die Folge sein. Weil auch bei einigen Patienten mit Depression die Zytokinkonzentration im Blut erhöht ist, vermutet man, dass sie an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind.

Wie wirkt die Damflora auf unser Wohlbefinden?

Die falsche Nahrung verschlimmert das möglicherweise noch, vermutet die Psychiaterin Janice Kiecolt-Glaser von der Ohio State University. Denn auch eine Ernährung mit viel Weißmehlprodukten, Zucker und einer größeren Menge an gesättigten Fettsäuren erhöht die Menge an Zytokinen im Körper. Omega-3-Fettsäuren dagegen scheinen Entzündungsreaktionen eher zu dämpfen.

Es gibt noch eine weitere Erklärung dafür, wie gedrückte Gemütszustände oder gute Laune entstehen, und die klingt zunächst wie Science-Fiction: Es könnte sein, dass auch die Bakterien im Darm die Stimmung beeinflussen. Mehr als eine Billion Mikroorganismen, zusammen ein bis zwei Kilogramm schwer, helfen dem Darm normalerweise dabei, Nahrungsmittel zu verwerten. Diese Bakterien, die sogenannte Darmflora, verständigen sich mit Signalstoffen nicht nur untereinander, sondern auch mit ihrem menschlichen Wirt. Als Kommunikationskanal dienen die vielen Tausend Nervenzellen des Nervensystems in der Darmwand, welche die Botschaften über den Vagusnerv direkt ins Gehirn leiten. Über diese Verbindung könnten die Darmbakterien ganz entscheidend am grundsätzlichen Wohlbefinden mitwirken, spekuliert Emeran Mayer: Ist bei den Bakterien alles in Ordnung, fühlt sich auch der Mensch wohl. Sind die Mitbewohner im Darm hingegen angeschlagen, lassen sie das auch ihren Wirt spüren. "Die ersten Befunde, die es hier gibt, sind faszinierend", sagt Mayer über den neuen Forschungsansatz.

Bei Versuchen mit Mäusen zeigte sich zum Beispiel, dass sich Veränderungen in der Darmflora unmittelbar auf das Verhalten auswirken können: Die Mäuse werden dann ängstlicher und scheuer. Und umgekehrt verändern Angst und Stress die Darmflora. Verhaltenswissenschaftler des Brain-Body Instituts der McMaster-Universität im kanadischen Hamilton beobachteten in Versuchen mit Mäusen, dass Stress in den ersten Lebensmonaten die Darmflora ungünstig verändern kann und die Tiere ihr Leben lang auffällig auf Strapazen reagieren. Kann eine schlechte Ernährung ähnliche Folgen haben?

Im Tierversuch gibt es Hinweise darauf: Wenn Mäuse mit menschlicher Darmflora von einer fettarmen, pflanzenreichen Diät auf eine Kost mit viel Fett und viel Zucker umsteigen, verändert sich die Bakterienbesiedlung innerhalb eines Tages komplett. Zudem produzieren die Darmbakterien mehr Endotoxine, Zerfallsprodukte, die wie Botenstoffe wirken, wenn sie mit fettreichen Mahlzeiten zu kämpfen haben. Und diese Endotoxine sorgen für Entzündungsreaktionen und für depressive Stimmung – zumindest bei den Versuchstieren, fanden Forscher der Yale School of Medicine kürzlich heraus.

Noch gibt es nur wenige Studien an Menschen, allerdings weiß man von autistischen Kindern, dass manche von ihnen eine völlig andere Darmflora haben als gesunde. Ähnlich ist es bei Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom, einer bisher unerklärlichen Störung. Aber was ist Ursache und was Wirkung? "Die Verbindungen zwischen Gehirn und Darm verlaufen immer in beide Richtungen. Das macht es so schwer, zu sagen, was jeweils die Ursache ist", sagt Mayer. "Wenn aber die Mikroben im Darm tatsächlich mit psychischen Problemen zusammenhängen, könnte man dort eventuell mit einer Behandlung ansetzen", hofft er.

Mithilfe spezieller Probiotika oder mit genveränderten Bakterien lässt sich die Darmflora und damit auch die Stimmung vielleicht positiv beeinflussen, spekuliert Mayer. Hinweise, dass das funktionieren könnte, gibt es schon: In einer Studie mit 132 gesunden Teilnehmern an der Universität Cork, die 2007 im European Journal of Clinical Nutrition erschien, verbesserte sich nach drei Wochen, in denen die Probanden ein spezielles probiotisches Milchgetränk zu sich nahmen, die Laune vor allem bei denjenigen, die vorher schlechter Stimmung waren. Ähnlich fiel das Ergebnis einer achtwöchigen Pilotstudie an 35 Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom aus: Die Probanden, die Probiotika einnahmen, waren am Ende der Untersuchung weniger ängstlich.

Kein Wunder, dass Lebensmittel-Hersteller extrem interessiert an den neuen Forschungen sind. Doch noch ist große Vorsicht angebracht, denn die Ergebnisse einzelner Studien mit nur Dutzenden Teilnehmern lassen sich kaum verallgemeinern. Die Wirkung der Ernährung auf Körper und Geist zu erfassen ist äußerst komplex – allzu häufig ließen sich erste vielversprechende Befunde in weiteren Studien nicht erhärten.

Gute Ernährung als Prävention gegen Depression

"Natürlich sind Darmbakterien nicht die einzige Ursache für psychische Probleme", sagt auch Mayer. Und natürlich bekommt niemand nur deswegen Depressionen oder Angststörungen, weil er sich falsch ernährt. Aber: Die Ernährung scheint einer von vielen verschiedenen Umständen zu sein, die darüber entscheiden, ob es jemandem psychisch gut oder schlecht geht. "Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass es nur eine Ursache für psychische Probleme gibt", sagt der Grazer Neurogastroenterologe Peter Holzer. "Es sind ganz sicher immer verschiedene Faktoren beteiligt – Umwelteinflüsse ebenso wie Veranlagungen. Die Frage ist, welche Veränderung man am ehesten korrigieren kann."

Eine gute Ernährung könnte in Zukunft für die Prävention von Depressionen eine wichtigere Rolle spielen, so die Hoffnung. Vielleicht motiviert die Aussicht auf dauerhaft gute Laune ja noch ein bisschen mehr, sich an die üblichen Ernährungsempfehlungen zu halten. Denn was als gesund für den Körper gilt, scheint auch gesund für den Geist zu sein: viel Obst und Gemüse, viele Vollkornprodukte, viel Fisch und pflanzliche Öle – und bloß nicht zu viel essen.

So gesund, dass das Essen nicht mehr schmeckt, sollte es aber nicht sein. Denn der Genusseffekt sei vermutlich das, was am unmittelbarsten auf die Psyche wirke, sagt Mayer: "Wir haben schon am ersten Lebenstag, beim ersten Schluck Milch gelernt, welch unglaublich positive Gefühle gutes Essen auslösen kann."