Nicht immer muss das Bauchgefühl klar ins Bewusstsein treten: Emeran Mayer vermutet, dass die Hintergrundstimmung, dieses komische Gefühl, mit dem man morgens aufwacht, ganz entscheidend vom Darm mitbestimmt wird. Und er geht noch einen Schritt weiter: "In Studien zeigt sich gerade, dass die Verbindung zwischen Gehirn und Verdauungstrakt eine Schlüsselrolle für die Entstehung von Emotionen spielt", sagt Mayer. Wie das im Detail funktioniert und ob auch die Ernährung direkt oder indirekt daran beteiligt ist, das ist bislang noch weitgehend unklar.

Immer wieder allerdings entdecken die Forscher neue Puzzleteilchen, die irgendwann ein Gesamtbild ergeben könnten: So haben auch Darmhormone, die vor oder nach Mahlzeiten ausgeschüttet werden, mehr Aufgaben, als nur Hunger und Sättigung, Schmerzen oder Übelkeit zu melden – sie dienen dem Gehirn als Botschafter. "Bisher dachte man, diese Verdauungshormone hätten vor allem mit der Appetitkontrolle zu tun", sagt Peter Holzer, "aber nun zeigt sich in Tierversuchen, dass sie auch die Stimmung beeinflussen und zum Beispiel ängstlicher oder weniger ängstlich machen – je nachdem, welches Hormon beteiligt ist." In einer Studie, die im April im Fachjournal Plos One erschien, belegten Londoner Forscher, dass dies auch beim Menschen so sein könnte: Wenn Versuchspersonen einen Glücksspiel-Test mit knurrendem Magen absolvierten, gingen sie ein deutlich höheres finanzielles Risiko ein als nach dem Essen – die Verhaltensänderung hing unmittelbar mit der Konzentration des Appetithormons Ghrelin zusammen.

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Bei Depressiven beobachten Forscher bereits seit einiger Zeit, dass Botenstoffe durcheinandergeraten sind, die mit Sättigung und Appetit zusammenhängen. Ob das Chaos der Darmhormone tatsächlich eine Ursache des trüben Gemüts ist oder nur die Folge, konnte bislang noch nicht geklärt werden. Immer deutlicher wird allerdings: Systeme, die die Nahrungsaufnahme regulieren, und solche, in denen Gefühle und sogar Erinnerungen verarbeitet werden, kooperieren im Gehirn wie im restlichen Körper eng miteinander. Dieses Zusammenspiel ist ein Erbe aus der Zeit, als es Essbares noch nicht im Supermarkt gab, sondern die Menschen es erst mühsam erjagen mussten: Effektive Nahrungsbeschaffung wurde und wird noch immer mit Wohlgefühl belohnt. Und wenn die Kommunikation zwischen Kopf und Bauch gestört ist, zieht das offenbar auch die Laune in Mitleidenschaft.

Fünf Tage lang hat Magdalena Hamm gefastet. Nichts gegessen. Keinen Kaffee getrunken und natürlich auch keinen Alkohol – nicht einmal beim ersten Deutschlandspiel der Fußballweltmeisterschaft. Stattdessen gab es morgens Tee, mittags dünne Gemüsebrühe und abends, als Höhepunkt des Tages, ein halbes Glas Gemüsesaft, mit warmem Wasser verdünnt. Angst vor Hungerattacken habe sie vorher gehabt, sagt die Studentin. Aber der Magen knurrte nicht einmal. Stattdessen sei ihre Stimmung ausgesprochen gut gewesen: am Anfang sogar richtig euphorisch, später dann zufriedener und gelassener als sonst.

Fasten ist so etwas wie die Königsdisziplin vieler alternativer Heilverfahren: Von "Entgiftung" ist dabei häufig die Rede oder "Entschlackung", Körper und Geist würden gereinigt, wie neugeboren gehe man aus der Fastenzeit hervor, heißt es. Schulmediziner sind bei solchen Behauptungen skeptisch, denn sie wissen, dass der Körper Giftstoffe, auch ohne zu fasten, effektiv ausscheidet. Eine Wirkung scheint der Nahrungsverzicht dennoch zu haben: Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus in Berlin-Wannsee, stellte im April in einem Übersichtsartikel fest, dass 7- bis 21-tägiges Fasten mit weniger als 500 Kalorien am Tag bei Patienten, die an Rheuma oder chronischen Schmerzen litten, die Laune deutlich verbesserte und die Schmerzen linderte – und zwar unabhängig davon, ob und wie sich das Körpergewicht änderte.

Beim Fasten schüttet der Körper jede Menge Botenstoffe aus, die die Stimmung stimulieren: Endorphine, Dopamin, Serotonin. Auch die Neuverschaltung der Nervenzellen wird angeregt. Vermutlich ein Motivationsmechanismus des Körpers, der auf diese Weise dafür sorgt, dass man sich bei vorübergehender Nahrungsknappheit nicht schlecht gelaunt zurückzieht und verhungert, sondern frohgemut auf die Suche nach Essbarem macht, vermutet Michalsen.

Nicht zuletzt wirkt sich Zurückhaltung beim Essen aber auch auf das Immunsystem vorteilhaft aus: Untersuchungen zeigen, dass eine um 20 bis 30 Prozent gezügelte Kalorienzufuhr die Menge bestimmter Entzündungsmarker im Blut reduziert. Und wenn Muslime während des Ramadans von Sonnenaufgang bis -untergang fasten, verringern sich die Entzündungsanzeichen im Vergleich zu vorher sogar um die Hälfte, ohne dass sich das Körpergewicht verändert. Solche Befunde bestätigen einen Verdacht, den viele Forscher schon länger haben: Sie vermuten, dass das Immunsystem die Gemütslage beeinflusst. Vermittler könnten bestimmte Entzündungsbotenstoffe sein, sogenannte proinflammatorische Zytokine. Sie drücken die Laune, machen müde und antriebslos und stören die Konzentration. Stress lässt die Zytokinproduktion im Körper ansteigen, eine chronische Entzündung auf niedrigem Niveau kann die Folge sein. Weil auch bei einigen Patienten mit Depression die Zytokinkonzentration im Blut erhöht ist, vermutet man, dass sie an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind.