Der Dauerregen hält Leonid Burmistrow nicht davon ab, auch heute nach seinen Schützlingen zu schauen. Mit seinen wuchtigen Wanderschuhen stapft er durch die Schlammpfützen, vorbei an den Erdbeerpflanzen, den Kirsch- und Pflaumenbäumen, bis er bei seinen Lieblingen ist – den Vogelbeeren. Er streicht über die Stämme und kontrolliert, ob die stürmische Nacht Spuren hinterlassen hat; mit Daumen und Zeigefinger testet er behutsam die Festigkeit der Früchte. »Wenn diesen Bäumen etwas zustieße, wäre das sehr schmerzlich für mich«, sagt er.

Burmistrow ist leitender Wissenschaftler und Kurator an der Pawlowsk-Versuchsstation , knapp 30 Kilometer südlich von St. Petersburg. Die Station beherbergt eine der ältesten Genbanken der Welt, eine Sammlung von fast 6000 seltenen Pflanzen, vor allem Obst. Die meisten davon sind in keiner anderen Genbank weltweit zu finden, einige existieren wohl nicht einmal mehr in der Wildnis. Allein 986 Erdbeersorten aus 50 Ländern reifen hier, manche tragen Früchte, fast so groß wie Tischtennisbälle. Jetzt aber sollen die Felder von Pawlowsk umgepflügt werden. Die staatliche Wohnungsbaustiftung will das Land an Investoren versteigern. Die Pflanzen sollen dem russischen Traum vom Häuschen im Grünen weichen.

Der Zerstörungsplan hat weltweit Proteste ausgelöst. Pflanzenforscher, vor allem aus Europa und den USA, fordern in Briefen und EMails an den Kreml, die einzigartige Kollektion zu retten. »Wenn die Bulldozer kämen, wäre das eine Katastrophe«, sagt Cary Fowler, Direktor des Global Crop Diversity Trust , der einst von der UN-Landwirtschaftsorganisation gegründet wurde, um die biologische Vielfalt zu verteidigen. »Jeder Baum, jeder Strauch dort hat spezielle genetische Eigenschaften. Manche sind besonders kältetolerant, manche immun gegen Krankheitserreger, und manche tragen besonders leckere Früchte.«

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Ein solcher Genpool, argumentieren Fowler und viele seiner Kollegen, könnte eines Tages eine Obstkrise verhindern. Heutzutage verlassen sich die meisten Landwirte nur noch auf einige wenige Sorten, extrem anfällige Monokulturen sind entstanden. Was, wenn ein neuer Krankheitserreger eine Apfelernte weitgehend vernichtet? Was, wenn die Kirschbäume den fortschreitenden Klimawandel nicht verkraften? Vielleicht könnte dann eine der Pflanzen aus Pawlowsk mit ihren einzigartigen Genen die Grundlage sein, um neue, widerstandsfähigere Sorten zu züchten. »Pawlowsk ist eine Bibliothek des Lebens voller einzigartiger Werke«, sagt Fowler. »Welche davon wir einmal brauchen, wissen wir noch nicht.«

Auch für die Medizin könnte sich die Sammlung als unschätzbar erweisen. »Wer weiß, vielleicht entdecken wir in 20, 30 Jahren, dass eine der Beerenarten aus Pawlowsk einen heute unbekannten Inhaltsstoff enthält, der einer bestimmten Krankheit vorbeugt«, sagt Monika Höfer, verantwortlich für die Obstgenbank am Julius-Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz . »Wollen wir diese Chance für ein paar Hektar Bauland vergeben?«

Auf die Idee, Wild- und Kulturpflanzen aus der ganzen Welt zusammenzutragen und systematisch zu erfassen, kam als Erster der russische Botaniker Nicolai Wawilow. Heute gilt er als Vater der modernen Genbanken. Um Samen und Triebe zu sammeln, organisierte er in den zwanziger Jahren Expeditionen in alle Winkel der damals noch jungen Sowjetunion, später auch ins Ausland. Generationen russischer Pflanzenforscher eiferten ihm nach.

Heute beherbergt das inzwischen nach Wawilow benannte staatliche Institut für Pflanzenforschung in St. Petersburg getrocknete Samen von mehr als 300.000 Sorten aus der ganzen Welt. Fein säuberlich verpackt in Aluminiumtütchen, lagert das Gros bei minus 17 Grad in unendlichen Regalreihen. Pflanzen, die sich nicht als Samen konservieren lassen, erhält das Institut auf den Feldern seiner elf Versuchsstationen, jene in Pawlowsk ist wegen ihrer Tausenden Obstsorten der ganze Stolz der Wissenschaftler. Wawilow persönlich pflanzte hier 1926 die ersten Bäume und Sträucher, nicht weit vom weltberühmten Jekaterinenpalais.