Wenn es stürmt, wird Sönke Michelsens Job hektisch. Michelsen arbeitet in der Schaltleitung Lehrte des Stromnetzbetreibers Tennet. Wie wichtig das Backsteingebäude mit dem Eisenzaun ist, erahnt man von außen kaum. Es liegt am Ende einer kleinen Siedlung, gleich hinter den Garagen, umringt von einem Heer von Stahlmasten, an denen Stromleitungen hängen wie überdimensionale Wäscheleinen. Von hier aus stellen Michelsen und seine Kollegen sicher, dass in Millionen Haushalten in Norddeutschland Strom aus den Steckdosen kommt.

Wenn starke Winde über Europa hinwegfegen, wenn also die Windräder rotieren und viel Strom produzieren, verhindert Michelsen, dass das Stromnetz zusammenbricht. Auf dem linken der drei großen Bildschirme auf seinem Schreibtisch schnellt dann eine blaue Kurve nach oben. Würde Michelsen nicht rechtzeitig zum Telefonhörer greifen und die Order geben, Kohle-, Atom- und Gaskraftwerke zu drosseln, könnten Generatoren und Verteilerstationen beschädigt werden – in halb Norddeutschland gingen die Lichter aus.

Am ersten Weihnachtstag 2009 etwa musste Michelsen schnell handeln: Tief Yann zog mit Böen von mehr als 100 Kilometern pro Stunde über Norddeutschland hinweg. Michelsen kontaktierte eine Kraftwerksmannschaft nach der anderen und ordnete an, die Anlagen herunterzufahren. Erst nach etwa 20 Anrufen flachte die blaue Kurve ab, die Gefahr war gebannt.

Im Kleinen ähnelt Michelsens Job der gewaltigen Aufgabe, die sich Angela Merkel und ihren Ministern in diesen Wochen stellt. Die Regierungsmannschaft muss entscheiden, wie viel Strom aus welchen Energiequellen Deutschland in Gang halten soll. Im Unterschied zu Sönke Michelsen geht es dabei aber nicht nur um eine sichere Energieversorgung im Hier und Jetzt – es geht um die nächsten vier Jahrzehnte.

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Das Ziel ist hochgesteckt: 2050 soll Deutschland überwiegend mit erneuerbaren Energien versorgt werden . Am schnellsten sollen sie sich im Stromsektor durchsetzen. Im besten Fall sind hiesige Hersteller grüner Technologien dann auch Marktführer. Das vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebene Leitszenario 2010 sieht zum Beispiel vor, dass 2050 rund 90 Prozent des Strombedarfs aus Sonne, Wind und anderen umweltfreundlichen Quellen gedeckt werden sollen – und nur noch 10 Prozent aus Kraftwerken, die Kohle oder Gas verfeuern. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll bis dahin um vier Fünftel gegenüber 1990 sinken.

Ein ambitionierter Plan – den Merkel und ihr Kabinett jedoch selbst nicht sonderlich ernst zu nehmen scheinen. Sonst hätten sie gerade wohl kaum den Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen: eine Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre . Diese Entscheidung, warnen Kraftwerksexperten und Wirtschaftswissenschaftler, bremse die erneuerbaren Energien aus, technisch und ökonomisch. Technisch, weil sich die Atomkraft nicht so gut mit grünen Technologien verträgt wie erhofft. Und ökonomisch, weil sie deren Entwicklung behindert. Deutschland läuft Gefahr, seine grüne Zukunft zu verspielen.

Die Anforderungen an konventionelle Kraftwerke werden rasant steigen – so viel ist sicher. Nimmt der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix zu, müssen sie die Launen von Sonne und Wind ausgleichen. Für Sönke Michelsen wird jeder Tag wie Weihnachten 2009 sein, – ebenso hektisch. Die zentrale Frage lautet: Sind die Atommeiler dafür überhaupt flexibel genug?

Jahrzehntelang galt es in der Energiebranche als ausgemacht, dass Atommeiler Grundlast fahren – also ständig mit Volldampf, nicht stop and go . Dafür sind sie ausgelegt, hieß es, so laufen sie am wirtschaftlichsten. Nun haben die Betreiber von Atomkraftwerken ihre Fähnchen nach dem Wind gehängt: Neuerdings heißt es, die Kraftwerke ergänzten sich perfekt mit regenerativen Energien. RWE-Chef Jürgen Großmann nannte Atomkraftwerke kürzlich sogar "Kumpelkraftwerke der Erneuerbaren". Er verglich sie mit Seeadlern, die meist gemächlich dahingleiten, aber auch Sturz- und Steigflug beherrschen, wenn es darauf ankommt.