ZEIT Wissen: Herr Professor Merari, Sie haben als Erster die Psyche von palästinensischen Selbstmordattentätern systematisch untersucht. Was sind das für Menschen?

Ariel Merari: Tatsächlich konnten wir typische Persönlichkeitsprofile feststellen – bisher dachte man, Selbstmordattentäter seien zu unterschiedlich dafür. Zum einen haben wir herausgefunden, dass viele dieser Männer ein geringes Selbstbewusstsein haben, sie folgen anderen und können Autoritätspersonen gegenüber nur schwer Nein sagen. Wir nennen diesen Typ abhängig-vermeidend. Etwa 60 Prozent der Attentäter fallen in diese Kategorie. Zum anderen gibt es den impulsiven Typ, zu dem etwa 20 Prozent zählen: Diese Personen sind emotional sehr instabil.

ZEIT Wissen: Selbstmordattentäter zu erforschen klingt kompliziert. Bevor sie die Tat verüben, erkennt man sie nicht, und hinterher kann man sie nicht mehr befragen. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Merari: Wir haben zum einen die Familien verstorbener Attentäter befragt und zum anderen 15 Personen, deren Anschläge fehlschlugen, etwa weil die Zündung des Sprengsatzes nicht funktionierte. Außerdem haben wir 15 Drahtzieher von Selbstmordanschlägen getroffen, die in Haft sitzen.

ZEIT Wissen: Sie sind Israeli – haben Sie persönlich mit diesen Menschen gesprochen?

Merari: Die Interviews mit den Familien hat eine Kollegin pakistanischer Herkunft geführt. Ihr gegenüber haben sich die Angehörigen mehr geöffnet, als sie es mir gegenüber vermutlich getan hätten. Die Attentäter und Hintermänner haben Mitarbeiter von mir psychologisch untersucht, die die Sprache perfekt beherrschen – mein Arabisch ist nicht gut genug für eine solche wissenschaftliche Befragung. Ich selbst habe die Studie geleitet und habe auch mit einigen Attentätern gesprochen.

ZEIT Wissen: Wie war das für Sie?

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Merari: Seltsam. Mit den Attentätern hatte ich fast Mitleid. Obwohl ich ja wusste, dass diese Menschen vorgehabt hatten, Unschuldige mit sich in den Tod zu reißen, habe ich sie nicht als böse oder hasserfüllt wahrgenommen. Sie kamen mir vor wie junge Menschen, die in die falsche Richtung geleitet worden sind.

ZEIT Wissen: Von wem?

Merari: Von der palästinensischen Gesellschaft und von den Drahtziehern – Menschen, die intelligenter und älter sind als sie selbst. Einige der Hintermänner in unserer Stichprobe hatten eine Universität besucht, sie waren im Schnitt 27 Jahre alt, die Attentäter erst 19.

ZEIT Wissen: Mit den Drahtziehern haben Sie sich auch unterhalten. Ist Ihnen das schwerer gefallen?

Merari: Ja. Das war viel schlimmer für mich, als mit den Attentätern zu sprechen. Dabei ging es mir gar nicht um die politische Situation oder die Frage, ob diese Menschen meine Feinde sind. Ich habe sogar Verständnis für die Lage der Palästinenser. Aber was ich schwer ertragen konnte, war das Wissen, dass diese Menschen für den Tod so vieler Zivilisten verantwortlich waren. Sie hatten junge Menschen dazu gebracht, Unschuldige zu töten. Dabei wussten sie genau, was sie taten – sie waren sehr berechnend und, mit einer Ausnahme, keine Psychopathen.