Was können wir noch lernen? – Seite 1

Für den Ingenieur Joachim Zimmer wird es wohl das komplizierteste Projekt seiner Laufbahn werden. Weder sein Maschinenbaustudium noch seine jahrelange Berufserfahrung bei Bosch werden ihm helfen können. Der 47-Jährige will Chinesisch lernen, in zwei Monaten wird er in Changsha im Süden Chinas einen Job als Gruppenleiter antreten. Nach fast 30 Jahren sitzt er nun wieder auf der Schulbank, am Landesspracheninstitut in Bochum . "Ein ziemlich merkwürdiges Gefühl", sagt er.

Max Westerheide dagegen kennt es nicht anders. Er ist gerade mal 17 Jahre alt, geht aufs Gymnasium und demnächst für ein Jahr zum Schüleraustausch nach China. Joachim Zimmer schaut hin und wieder neidisch zu ihm rüber. "Der kapiert das relativ schnell", sagt er. "Das wurmt mich schon ein bisschen."

Drei Wochen haben die beiden und ihre drei Mitschüler am Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität Zeit, um eine völlig fremde Sprache zu lernen. Das LSI ist landesweit bekannt dafür, Managern und Diplomaten, Ingenieuren und Korrespondenten schnellstens komplizierte Sprachen beizubringen – sei es Japanisch, Russisch oder Persisch. 800 Vokabeln und etwa die Hälfte der chinesischen Grammatik sollen Zimmer und Westerheide zum Schluss beherrschen. Ein spannendes Experiment: In kürzester Zeit wird sich zeigen, wie der gestandene Ingenieur das meistert und ob er mit dem 30 Jahre jüngeren Schüler mithalten kann.

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Für den Job eine neue Sprache zu lernen – vor dieser Herausforderung stehen viele Berufstätige irgendwann in ihrer Karriere. Jeder dritte braucht wenigstens Grundkenntnisse, jeder sechste Fachkenntnisse in einer Fremdsprache, ergab eine Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung . Und nicht erst bei vergleichsweise exotischen Sprachen wie Chinesisch, Arabisch oder Kisuaheli kommen die Lerner ins Schwitzen. Auch wer Schulenglisch beherrscht, aber Business-Englisch braucht, muss sich beinahe eine ganz neue Sprache aneignen. Da wünscht sich so mancher, früher begonnen zu haben, und fragt sich: Was ist denn noch drin, wenn man jenseits der 30 oder 50 eine neue Sprache lernt? Und wie stellt man das am besten an?

Wir sind geradezu zum Lernen gemacht: Schon vor der Geburt lassen Erfahrungen und Eindrücke neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn entstehen und verstärken ältere, später wird das Netz ständig neu geknüpft, gelöst, geflickt. Kinder machen Tag für Tag enorme Fortschritte. Wie flexibel aber ist das Gehirn eines Erwachsenen, wie gut kann es noch etwas vollkommen Unbekanntes meistern? Wer hat noch nicht mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz Neues auszuprobieren – doch noch Geige spielen lernen! Oder Snowboard fahren! Oder Italienisch! –, und dann womöglich einen Rückzieher gemacht, weil er glaubte, zu alt zu sein.

Doch die Hirnforschung macht Mut : Auch das Gehirn eines Erwachsenen ist noch formbar, "plastisch" sagen die Wissenschaftler. Und anders als lange Zeit angenommen, können sogar noch nach der Pubertät neue Nervenzellen im Hirn entstehen. Besonders das Sprachenlernen fasziniert die Lernforscher, hier erhoffen sie sich die aufschlussreichsten Erkenntnisse, es ist die Königsdisziplin: Fast alle Sinne sind gefordert, Denken und Bewegung (Zunge, Gaumen, Lippen) müssen koordiniert werden, und das alles im Miteinander mit anderen Menschen, deren Absichten und Gefühle man verstehen muss, um mitreden zu können. Und schließlich ist Sprache das wichtigste Werkzeug zum Weiterlernen – ohne sie bliebe uns die Welt verschlossen.

Was aber Erwachsene beim Sprachenlernen eigentlich von Kindern unterscheidet und was das wiederum für ihren Lernerfolg bedeutet, darüber streiten die Wissenschaftler erbittert. Die einen sind fest davon überzeugt, dass es ein biologisch eingebautes Verfallsdatum für das sprachliche Lernvermögen gibt. Danach gehe es unweigerlich bergab. Die anderen bestreiten das vehement. Sie meinen, dass Kinder einfach deshalb so mühelos lernen, weil sie perfekte Bedingungen haben: viel Zeit, Betreuung rund um die Uhr, individuelles Training. Dahinter steckt die hartnäckige Debatte um den Einfluss von Biologie oder Umwelt. Es geht allerdings um weit mehr als um theoretische Grundsatzfragen. Denn wenn es nicht das Hirn ist, sondern schlicht die Umweltbedingungen sind, die Kindern das Lernen so leicht machen – dann könnte man diese doch ganz praktisch im Unterricht für Erwachsene imitieren und so das Fremdsprachenlernen revolutionieren.

Viele Berufstätige müssen mit über 40 noch eine neue Fremdsprache lernen

"Wer erst spät mit einer Sprache beginnt, kann noch extrem gut werden. Aber er wird immer mit Akzent sprechen und einige Fehler machen", sagt Robert DeKeyser. Der Sprachlernforscher von der University of Maryland gehört zur Biologie-Fraktion. "Natürlich, einige Spätlerner sprechen so gut, dass sogar Muttersprachler sie für ihresgleichen halten", gibt er zu. Das ist der klassische Einwand der Umwelt-Anhänger: Wenn einige es doch so perfekt hinkriegen, kann es ja keine biologische Grenze geben! DeKeyser wischt das Argument mit einem Satz vom Tisch: "Mit Tests im Labor können wir diese Leute immer überführen." Hier ein verdächtig kurzer Vokal, dort ein leichtes Zögern bei einer Redewendung – und schon ist klar: kein Muttersprachler.

Wer an zwei Abenden in der Woche in der Sprachschule büffelt, wäre froh, überhaupt ein solches Niveau zu erreichen. Für Wissenschaftler wie DeKeyser aber sind die kleinen Unterschiede Indizien dafür, dass die Fähigkeit zum Sprachenlernen mit dem Alter deutlich zurückgeht.

Wann genau es aber zu spät ist, um so gut wie ein Muttersprachler zu werden, darüber sind sich die Forscher nicht einig. "Es kommt auch darauf an, welchen Aspekt der Sprache man betrachtet", sagt DeKeyser. "Als Erstes verlieren Kinder die Fähigkeit, die Aussprache exakt nachzuahmen, also akzentfrei zu sprechen." Manche Wissenschaftler setzen die kritische Grenze bei sechs Jahren an, einige noch früher. Die Regeln der Grammatik dagegen könnten Kinder noch bis zur Pubertät perfekt verinnerlichen.

Am längsten erhalten bleibt die Fähigkeit, neue Wörter abzuspeichern. Auch Erwachsene können noch ohne große Probleme Vokabeln lernen. Es sind einfach zusätzliche Daten, in der Muttersprache kommen ja auch dauernd neue Ausdrücke hinzu. Doch sogar in diesem Feld haben die Forscher Unterschiede festgestellt: Spätlernern sind oft nicht alle Dimensionen eines Begriffs und die feinen Bedeutungsunterschiede verwandter Ausdrücke klar.

Die Chinesisch-Schüler in Bochum kämpfen am meisten mit der Aussprache. Frau Sun, die Lehrerin, übt mit ihnen an diesem Morgen noch mal ganz intensiv, ohne Grammatik, ohne neue Wörter. " Wo" steht auf ihrem Übungszettel, "ich" heißt das. "Uo", sagt der Ingenieur Zimmer. Frau Sun sagt: "Uooa." Dann " xue", lernen. Max Westerheide sagt "ssü". "Chssüüe", sagt Frau Sun. "Beim ›ü‹ ganz kleiner Mund, Spitzmund!", ruft sie. "Wie beim Küssen!" Westerheide schaut gebannt auf den Kussmund von Frau Sun, stülpt selbst die Lippen vor, versucht es noch mal: "Chsüe". Auch Joachim Zimmer starrt hoch konzentriert auf die Lehrerin, kein Seitenblick zu Westerheide. Mit der Aussprache haben die beiden gleich viel Mühe – 47 oder 17 Jahre, das macht offenbar keinen Unterschied.

Sprachwissenschaft: Ein Cambridge-Forscher nahm das Gebrabbel seines Sohnes unter die Lupe © Katja Kunipatz/​dpa

In der Tat verlieren Kinder schon ab dem ersten Lebensjahr eine entscheidende Fähigkeit, um Fremdsprachen völlig akzentfrei zu lernen. Zunächst können sie noch jeden der über 100 Sprachlaute dieser Welt wahrnehmen, doch dann konzentrieren sie sich auf die Laute, die um sie herum gesprochen werden, alles andere nehmen sie nicht mehr wahr. Später ist es dann egal, wie exakt ein Sprachlehrer die Wörter vorspricht und wie geduldig er korrigiert, bis ins letzte Detail können ältere Lerner sie nicht mehr nachahmen – weil sie einige Unterschiede erst gar nicht hören.

Da hilft auch alle Theorie nichts, sagt Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Psycholinguistik . Der Germanist erforscht seit 30Jahren in Nijmegen, wie man eine Zweitsprache lernt. "Eine meiner Mitarbeiterinnen aus China, ausgerechnet eine Phonologin, müht sich schon lange, die Laute r und l auseinanderzuhalten, wie viele Asiaten", erzählt Klein. In ihrer Muttersprache spiele der Unterschied einfach keine Rolle. "Sie hat regelrecht auswendig gelernt, wo ein r und wo ein l steht", sagt der Forscher. "Aber beim Sprechen rutscht ihr trotzdem immer mal wieder der falsche Laut heraus."

Ab der Pubertät nimmt die Fähigkeit, die Aussprache zu lernen, ab

Am LSI haben die Chinesisch-Lerner gerade die Ausspracheübungen überstanden, da wirbelt Herr Zhang in die Klasse: "Neue Lektion!" Unter dem Arm hat er einen Stapel selbst gebastelter Pappschilder mit Mustersätzen, die er mit Magneten an die Tafel knallt, klack, klack, klack! Nach Bedarf klappt er sie aus und ein, während er Grammatik und Vokabeln erklärt. Heute sind Modalverben dran: können, mögen, müssen, wollen. Und Getränke: Kaffee, Cola, Wasser, Bier. "Bilden Sie doch mal einen Satz: Ich möchte Kaffee!"

Joachim Zimmer sucht mühsam Wort für Wort zusammen: " Wo", sagt er. Pause. "Muss ich jetzt yao oder xiang sagen, wollen oder mögen?" – "Das ist in China egal, Sie sind der Kunde!" – " Wo yao kafei." Es klingt noch unsicher, aber einen Kaffee kann der Ingenieur nun bestellen. Max Westerheide hat schon den nächsten Satz parat, mit einer Extraschwierigkeit – einem zusätzlichen Verb: " Wo xiang mai pijiu." "Wunderbar!" ruft Herr Zhang. "Ich möchte Bier kaufen!"

Dem 17-Jährigen fällt es offenbar leichter, Sätze zusammenzubauen, er ist experimentierfreudiger, auch ein bisschen vorlaut. "Das Chinesische hat ja fast keine Grammatik", sagt er selbstbewusst. Im Vergleich zu Sprachen wie Französisch stimmt das, aber für drei anstrengende Wochen reicht es allemal. "Der ist halt Schüler, der ist das Lernen gewohnt. Das muss man hinnehmen", sagt Zimmer. Schnell fügt er hinzu: "Er braucht die Sprache in der Schule in China ja auch dringender als ich in der Firma, da wird Englisch gesprochen."

Folgt man den Argumenten der Biologie-Fraktion unter den Sprachlernforschern, ist es aber nicht nur die Übung, die Westerheide schneller lernen lässt: Mit 17 Jahren profitiert man ihrer Ansicht nach noch von der sensiblen Phase fürs Grammatiklernen. Tatsächlich bleibt die Lernfähigkeit für den Satzbau über die Pubertät hinaus erhalten, hat Kenneth Hyltenstam von der Universität Stockholm festgestellt. Während seine Testpersonen, die im Alter von 13 bis 19 Jahren begonnen hatten, Schwedisch zu lernen, bei Redewendungen, Hörverstehen und Aussprache relativ schlecht abschnitten, schaffte im Grammatiktest immerhin die Hälfte ein ähnliches Ergebnis wie ein Muttersprachler.

Spätlerner lassen sich aber nicht nur an der Aussprache oder der Beherrschung von Redewendungen erkennen, auch ihr Hirn arbeitet anders als das von Muttersprachlern. Das gilt sogar für eine sehr einfache Sprache, welche die Lerner gut beherrschen, fand die Psychologin Jutta Müller vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig heraus.

Für ihr Experiment brachte sie ihren Testpersonen eine Schrumpfversion des Japanischen mit gerade einmal 16 Wörtern und simpler Grammatik bei. Dann spielte sie ihnen und Japanern Sätze wie diesen vor: Ichi wa no komo ga ni hiki no neko o tobikoeru tokoro desu. – Eine Ente hüpft über zwei Katzen. Schließlich baute sie verschiedene Fehler ein, mal eine falsche Wortart, mal einen falschen Kasus, und maß die Hirnströme der Probanden. Bei den Muttersprachlern entdeckte Müller drei spezielle Reaktionsmuster; die Spätlerner zeigten nur eins davon.

Die Unterschiede im Gehirn sind jedoch wesentlich subtiler, als man noch vor einigen Jahren dachte. Manche Forscher waren davon ausgegangen, dass Fremd- und Muttersprache in völlig unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet werden. In den sechziger und siebziger Jahren glaubten viele gar, für die Zweitsprache sei eher die rechte Hirnhälfte zuständig, während die Erstsprache links analysiert und produziert werde. "Heute wissen wir, dass die neuronale Basis im Wesentlichen dieselbe ist", sagt Müller. Allerdings schalten sich bei der Fremdsprache zusätzliche Regionen im sogenannten präfrontalen Kortex ein. "Die sind für das kontrollierte Verarbeiten von Informationen zuständig", erklärt die Psychologin. "Das Hirn hat mit der Zweitsprache einfach mehr Arbeit."

Was aber genau im Gehirn passiert, wenn die sensible Phase fürs Sprachenlernen zu Ende geht, weiß noch niemand. "In der Pubertät ändert sich so ziemlich alles im Hirn. Was davon mit dem Sprachenlernen zusammenhängt, lässt sich schwer feststellen", sagt Robert DeKeyser. Wahrscheinlich liege es vor allem am Gedächtnis, sagt der Sprachlernforscher: "Kinder sind wie kleine Kassettenrekorder. Die hören etwas und spulen es ganz genauso wieder ab. Erwachsene können das nicht mehr."

Eine Myelin-Schicht versiegelt die Nerven im Gehirn

Das könnte damit zusammenhängen, dass die Nervenfasern nach und nach mit Myelin überzogen werden, wenn das Gehirn reift. Dank dieser Isolierschicht werden elektrische Impulse schneller geleitet, dafür lassen sich nicht mehr so leicht Verbindungen zwischen den Nervenzellen knüpfen. "Die Myelinisierung in den für Sprache zuständigen Regionen findet genau in dem Zeitraum statt, in dem wir den Rückgang des Lernvermögens beobachten. Wir denken, dass da ein Zusammenhang besteht", sagt Kenneth Hyltenstam.

Doch auch wenn Forscher wie Hyltenstam und DeKeyser eine Menge Indizien für eine biologisch begründete sensible Phase gesammelt haben – die Beweislage bleibt lückenhaft. Das gibt der Umwelt-Fraktion Auftrieb. "Ich bestreite geradezu, dass etwas im Hirn es unmöglich macht, später noch eine Sprache vollkommen zu lernen", sagt Ellen Bialystok, Sprachforscherin an der York University in Toronto . "Das ist ein unmögliches Argument!" Kinder müssten schließlich fünf, sechs Jahre lang nicht viel anderes machen, als eine Sprache zu lernen, betreut von einem Lehrerteam, das sie rund um die Uhr individuell unterstütze. "Hätten Erwachsene diese Möglichkeit, würden sie jede Fremdsprache vollkommen beherrschen."

Auch Psycholinguist Klein ist überzeugt davon, dass Erwachsene jede sprachliche Eigenschaft perfekt lernen können – sie täten es bloß nicht. "Erwachsene legen einfach weniger Wert darauf, exakt so zu sprechen wie Muttersprachler", meint Klein. Kinder dagegen müssten sich eine soziale Identität in einer Gemeinschaft aufbauen, und das gehe nur, wenn sie ganz genauso sprächen, wie es in dieser Gemeinschaft üblich sei. Sie lernen die Sprache also vor allem, um dazuzugehören; Erwachsenen hingegen reicht es, mitreden zu können.

Genauso könnte es mit Nastja und Dascha gewesen sein. Die beiden Mädchen kamen aus Russland nach Deutschland, als sie acht und vierzehn Jahre alt waren; zwei Forscherinnen vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik und von der Universität Köln beobachteten anderthalb Jahre lang, wie die beiden Deutsch lernten.

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Etwa das Perfekt: Nastja, die Jüngere, bildete von Anfang an die Vergangenheitsform mal mit "sein", mal mit "haben". Zunächst ging das häufig schief, aber bald hatte sie den Unterschied raus. Dascha dagegen formte das Perfekt immer mit "haben" und blieb auch dabei. Ähnlich lief es bei den Pluralformen oder der Beugung der Adjektive: Nastja versuchte, alles richtig zu machen, auch wenn das am Anfang nicht gleich klappte und womöglich zu Missverständnissen führte. Dascha dagegen pfiff auf Richtigkeit und benutzte einfache Formen, die zwar häufig falsch waren, aber verstanden wurden. "Die wichtigste Ursache dafür, dass Erwachsene eine Sprache weniger gut lernen als Kinder, sind veränderte Präferenzen", meint Klein.

Das schließe allerdings nicht aus, dass sich auch das Lernvermögen ändere: Es könnte ja sein, dass ein perfektes Ergebnis zwar möglich sei, aber sehr viel mehr Mühe mache – und Erwachsenen dafür schlicht die Motivation und die Zeit fehlten. Es ist also wohl eine Mischung aus biologischer Bestimmung und Umwelteinflüssen, die den Unterschied zwischen jungen und älteren Sprachlernern macht. Das bedeutet, dass uns die Biologie tatsächlich Grenzen setzt. Es bedeutet aber auch, dass wir mit guten Lernbedingungen noch einiges herausholen können.

Am Landesspracheninstitut wird das versucht, hier sollen sich die Schüler für drei Wochen vom Alltag verabschieden. "Erwachsene haben einfach viel mehr im Kopf: Beruf, Kinder, Verantwortung", sagt Manfred Frühauf, Leiter der Chinesisch-Abteilung. "Das erleichtert das Lernen nicht gerade." In Bochum wohnen die Schüler in einem der Betontürme des Instituts, Zimmer mit Frühstück, ohne Fernseher. "Es gibt wenig Ablenkung, im Job hätte ich nie so viel Zeit zum Lernen. Und wenn ich erst in China bin, schon gar nicht", sagt Ingenieur Zimmer. Doch so ganz kann er den Büroalltag nicht aussperren. Nach Unterrichtsschluss um fünf Uhr nachmittags beantwortet er ein, zwei Stunden lang Mails. Dann setzt er sich noch einmal zum Vokabellernen hin. Am nächsten Morgen um halb neun wartet schon wieder Herr Zhang: "Wiederholung!"

Chinesisch rund um die Uhr – das kommt der Lernsituation von Kindern schon recht nahe. Und es ist erfolgreich: Nach drei Wochen können sich die meisten Absolventen in China "ohne Babysitter" bewegen, wie Frühauf es formuliert. Wäre es da nicht klug, noch mehr Aspekte des kinderleichten Lernens im Erwachsenenunterricht zu imitieren?

Eine Technik zum mühelosen Lernen – das würde den Sprachunterricht revolutionieren. Einige Sprachlehrer haben es versucht, die ersten schon in den zwanziger Jahren mit der "natürlichen Methode": Statt mit ihren Schülern Lehrbücher Seite für Seite durchzuackern, redeten sie mit ihnen, und zwar ausschließlich in der Fremdsprache. Grammatikregeln erklärten sie nicht, die sollten die Lernenden intuitiv ableiten und so ein Sprachgefühl wie in der Muttersprache entwickeln. An den Schulen setzte sich die Methode allerdings nicht durch, dort wurden weiterhin Beispielsätze gebüffelt, Lückentexte ausgefüllt und Vokabeln gepaukt.

Sprechen lernen wie ein Baby

"Babys lernen keine Listen auswendig, warum sollten Kinder oder Erwachsene das tun?", fragte sich dann aber der US-Psychologe James Asher in den siebziger Jahren und begann, eine damals bahnbrechende Methode zu entwickeln: Total Physical Response (TPR). Seine Schüler brauchten erst einmal nur zuzuhören, wie Babys. Dann sollten sie auf Anweisungen reagieren und so deren Bedeutung im wahrsten Wortsinn begreifen: "Öffne das Fenster! Setz dich hin! Nimm den Kugelschreiber!"

Genau so lernt ein Kind sprechen: Es tut etwas, die Eltern sprechen es an, machen etwas vor, es reagiert darauf – oder auch nicht –, die Erwachsenen kommentieren wieder. "Nimm mal den Löffel in die Hand. Schau, so. Nein, nicht damit auf den Brei schlagen! – Jetzt brauchst du wohl einen neuen Pulli." Das gemeinsame Tun sei für den Spracherwerb entscheidend, meint der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. "Kinder beginnen erst dann sprachliche Konventionen zu erwerben, wenn sie um ihren ersten Geburtstag herum anfangen, an gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen", schreibt er in seinem Buch Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation .

Zuhören allein reicht nicht, das zeigt auch die Erfahrung mit Kindern gehörloser Eltern: Früher wurde den Vätern und Müttern geraten, sie vor den Fernseher zu setzen und so die Lautsprache lernen zu lassen. Es funktionierte nicht – weil das Gesprochene wenig mit ihnen zu tun hatte.

Durch das Hin und Her zwischen gemeinsamer Aktion und Lautäußerungen sei die Sprache in der Menschheitsgeschichte überhaupt erst entstanden, schreibt Tomasello. Zunächst verständigten sich unsere Vorfahren mit Zeigen, Gesten und kleinen Pantomimen, dann kamen willkürliche Lautfolgen hinzu. Weil sich die Sprachpioniere deren Sinn im gemeinsamen Tun regelrecht erarbeiteten, wurden sie schließlich von allen verstanden. Die Sprache machte dann die Zusammenarbeit effizienter, ein großer Vorteil in der Evolution.

Kann dieses uralte Pingpong von Machen und Sprechen, das jedes Kind in seiner Entwicklung nachspielt, auch Erwachsenen beim Sprachenlernen helfen? Das LSI in Bochum hat die Methode Total Physical Response ausprobiert – doch der Versuch scheiterte: Den Geschäftsleuten war das Herumgehampel zu kindisch. "Die sind kopfgesteuert, und so muss man sie auch unterrichten", sagt Manfred Frühauf heute. Dass die Manager sich genierten, ist aber nur ein Teil des Problems. Die eigentlichen Schwierigkeiten von Ansätzen wie TPR lägen tiefer, sagt der Sprachlernforscher Robert DeKeyser: "Erwachsene sind keine Kinder, deshalb können sie nicht wie Kinder lernen." Den großen Unterschied zwischen kleinen und großen Lernern macht offenbar das Bewusstsein. Kinder lernen, ohne es zu bemerken, "implizit" sagen die Lernforscher. Erwachsene können das kaum noch. "Deshalb brauchen ältere Lerner explizite Erklärungen", betont DeKeyser. Das mühelose Lernen bleibt damit ein Traum.

Dass dieser Traum Sprachschülern überhaupt in den Kopf gesetzt wird, darüber kann sich Manfred Frühauf richtig aufregen. Etwa über diese Werbung mit der hübschen Frau mit den Kopfhörern auf den Ohren: "Die rekelte sich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, daneben stand: ›Ich träume nicht, ich lerne.‹ So funktioniert das nicht!" Vokabeln müssten gepaukt, Satzstrukturen eingeschliffen werden.

Das hat auch der Ingenieur Joachim Zimmer gemerkt: "Vieles muss man einfach auswendig lernen. Das fand ich nicht so einfach, die Schule ist für mich halt schon eine Weile her." Natürlich hätte es noch mehr gebracht, wenn er abends ein, zwei Stunden länger Vokabeln gelernt hätte, meint Zimmer. "Aber irgendwann muss auch Schluss sein." Max Westerheide dagegen strotzt vor Tatendrang. In seinem Jahr in China will er auch die Schrift lernen, 1000 Zeichen hat er sich vorgenommen. "Drei am Tag, das ist doch kein Problem!"

Wichtig ist, ein Ziel zu haben

Doch Lernfleiß, Zeitaufwand und selbst moderne Didaktik bringen wenig, wenn das Ziel fehlt. Warum lerne ich die Sprache überhaupt? Was will ich damit anfangen? Sich darüber klar zu sein ist sowohl für Schüler als auch für Lehrer wichtig: ohne Ziel keine Motivation und kein guter Lehrplan. "Das Wichtigste überhaupt ist, den Unterricht an Aufgaben zu orientieren", sagt Michael Long, Sprachlernforscher an der University of Maryland . So machen es das LSI und viele andere Sprachschulen und Lehrbücher inzwischen: Wie kaufe ich ein, wie verabrede ich mich mit jemandem, wie frage ich im Büro, ob jemand für mich angerufen hat.

Sprachkurse, die stur eine Liste grammatischer Strukturen abarbeiten, bringen nichts. "Grammatik des Tages" nennt Long das abschätzig: "Das läuft dann so: Ah, heute ist Mittwoch, da ist present perfect dran." Dass viele Lehrer, besonders an allgemeinbildenden Schulen, sich trotzdem lange darauf konzentrierten und es teilweise heute noch tun, liege auch daran, dass sie die Fremdsprache oft selbst nicht besonders gut beherrschten, meint der Wissenschaftler: "Bei starren Grammatikübungen können sie ihren Schülern immer einen Satz voraus sein."

Wenn aber der Lernstoff wenig mit dem Leben zu tun hat, geht es Sprachschülern ähnlich wie den Kindern gehörloser Eltern im Fernsehexperiment – sie begreifen wenig, und zu sprechen lernen sie kaum. "Eine Sprache zu lernen heißt doch, zu lernen, etwas mit Wörtern zu tun", sagt Long. Wer das Gelernte gleich anwenden kann, lernt deshalb besonders effektiv. Beim Sprachkurs im Ausland geht das natürlich am einfachsten, weil man gleich nach Unterrichtsschluss an der nächsten Ecke nach dem Weg fragen, mit der Verkäuferin im Laden nebenan die Preise diskutieren oder mit seinem Vermieter klären muss, wo das warme Wasser bleibt.

Doch ganz von selbst lernt es sich auch in Südfrankreich, Australien, Indonesien oder Malta nicht. "Im Ausland passiert nichts Magisches mit einem", sagt DeKeyser, der das Sprachenlernen fern der Heimat untersucht hat. "Man fängt sich eine Sprache ja nicht ein wie eine Krankheit oder Sonnenbräune. Üben muss man immer."

Und wer zu Hause lernt, kann fast genauso gute Fortschritte machen, meinen die meisten Wissenschaftler. Ob man nun in der Volkshochschule am Heimatort, per Internet oder mit einem Selbstlernprogramm die Grundlagen erwirbt – wichtig ist, selbst für Gelegenheiten zum Ausprobieren zu sorgen: amerikanische Fernsehserien gucken, spanische Bücher lesen, französische Chansons hören, in Internetforen auf Englisch diskutieren. Und sich vor allem jemanden suchen, der mit einem spricht, zum Beispiel einen Tandempartner.

Eine Lerntechnik aber favorisieren alle Sprachforscher, auch wenn sie sich sonst über sensible Phasen, Didaktik und Methoden streiten. Bei dem Verfahren kommt einfach alles zusammen, was für das Sprachenlernen wichtig ist: ein attraktives Ziel, Motivation, Training rund um die Uhr, reichlich Gelegenheit zur Anwendung und im besten Fall eine entspannte Lernatmosphäre. MPI-Direktor Wolfgang Klein sagt es scherzhaft so: "Suchen Sie sich jemanden, der die Zielsprache spricht. Und verlieben Sie sich."

So hat Julia Morgenstern Spanisch gelernt. Während ihres VWL-Studiums ging sie für mehrere Monate nach Chile und Ecuador, um Praktika zu machen. In einem Kurs an der Volkshochschule Köln eignete sie sich ein Grundgerüst an Vokabeln und Grammatik an, wirklich gelernt hat sie die Sprache aber erst, als sie Marco in Quito traf. Das war der ecuadorianische Mitbewohner, in den sie sich verliebte. Da Marco kein Deutsch und nur wenig Englisch sprach, blieb ihr nichts anderes übrig, als schnellstens ihr Spanisch zu verbessern. "Mit seiner Hilfe fiel mir das leicht, weil er mir geduldig zuhörte und extra langsam sprach", sagt sie.

Ein Aufenthalt im Ausland und soziale Kontakte sind die beste Lernmethode

Ein Wörterbuch brauchte sie bald nicht mehr, sie lernte lieber die "alltägliche und echte Sprache" von Marco. Sie fragte ihn nach Vokabeln, schnappte Redewendungen auf und probierte sie an ihm aus. Sie ließ sich von ihm korrigieren, ahmte seine Aussprache nach und übernahm unbewusst seinen Singsang. "Seine Sprache wurde so fast nebenbei zu meiner eigenen", sagt sie. Wer in einem fremden Land eine Sprache lerne, habe oft Hemmungen, auf die Einheimischen zuzugehen und sie auszuprobieren. "Aber in einer Liebesbeziehung nimmt man kein Blatt vor den Mund", sagt Julia Morgenstern. "Wenn du jemandem vertraust, hast du keine Angst, Fehler zu machen." Ihr Spanisch ist heute fast so gut wie ihre Muttersprache.

Aber auch wer, wie die meisten, die Fremdsprache für seinen Job lernt, bekommt die Chance, sie anzuwenden, gleich mitgeliefert – und sollte sie unbedingt nutzen, selbst wenn das erste Telefongespräch noch stockend verläuft, beim Small Talk das eine oder andere Wort fehlt oder die Präsentation nicht gerade eine Eins in Grammatik verdient hätte. "Ja nicht grübeln: Wie geht noch gleich der Akkusativ?", rät MPI-Direktor Klein. "Hauptsache, man drückt sich klar und verständlich aus. Formale Korrektheit ist dafür ziemlich unwichtig."

Die Angst, Fehler zu machen, ist wohl das größte Hindernis beim Sprachenlernen. "Erwachsene sind da weit weniger risikobereit als Kinder, das erklärt wohl auch einen Teil des Alterseffekts", meint Robert DeKeyser. Wie gut und schnell jemand eine Sprache lernt, hängt deshalb nicht nur von seiner allgemeinen Sprachbegabung, sondern auch von seiner Persönlichkeit ab. "Extrovertierte Typen, die einfach drauflosreden, haben es leichter", sagt DeKeyser. "Introvertierte Menschen lernen mehr für sich; viele haben einen großen Wortschatz, aber sie sprechen normalerweise nicht sehr flüssig."

Max Westerheide gehört sicher zu den Drauflosrednern. Seine etwas vorlaute Art hat die älteren Chinesisch-Schüler hin und wieder genervt, doch beim Sprachenlernen hilft sie offenbar. Der Ingenieur Zimmer dagegen ist zurückhaltender, tastet sich langsamer vor. "Für mich ist wichtig, dass die Strukturen gut erklärt wurden", sagt er. "Vielleicht ticke ich als Ingenieur einfach so." Nach drei Wochen Dauerchinesisch ist er aber optimistisch: "Ich denke, dass ich das in China schon hinkriege, wenn ich täglich mit den Leuten rede." Und am Ende sei sein junger Mitschüler auch gar nicht so viel weiter gewesen.

Mag also sein, dass 30-, 50-, 70-Jährige eine Sprache nicht mehr absolut perfekt lernen können. Aber was man wirklich braucht, um sich zu verständigen, das meistert auch das erwachsene Hirn. Und das reicht ja vollkommen.