"Babys lernen keine Listen auswendig, warum sollten Kinder oder Erwachsene das tun?", fragte sich dann aber der US-Psychologe James Asher in den siebziger Jahren und begann, eine damals bahnbrechende Methode zu entwickeln: Total Physical Response (TPR). Seine Schüler brauchten erst einmal nur zuzuhören, wie Babys. Dann sollten sie auf Anweisungen reagieren und so deren Bedeutung im wahrsten Wortsinn begreifen: "Öffne das Fenster! Setz dich hin! Nimm den Kugelschreiber!"

Genau so lernt ein Kind sprechen: Es tut etwas, die Eltern sprechen es an, machen etwas vor, es reagiert darauf – oder auch nicht –, die Erwachsenen kommentieren wieder. "Nimm mal den Löffel in die Hand. Schau, so. Nein, nicht damit auf den Brei schlagen! – Jetzt brauchst du wohl einen neuen Pulli." Das gemeinsame Tun sei für den Spracherwerb entscheidend, meint der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. "Kinder beginnen erst dann sprachliche Konventionen zu erwerben, wenn sie um ihren ersten Geburtstag herum anfangen, an gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen", schreibt er in seinem Buch Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation .

Zuhören allein reicht nicht, das zeigt auch die Erfahrung mit Kindern gehörloser Eltern: Früher wurde den Vätern und Müttern geraten, sie vor den Fernseher zu setzen und so die Lautsprache lernen zu lassen. Es funktionierte nicht – weil das Gesprochene wenig mit ihnen zu tun hatte.

Durch das Hin und Her zwischen gemeinsamer Aktion und Lautäußerungen sei die Sprache in der Menschheitsgeschichte überhaupt erst entstanden, schreibt Tomasello. Zunächst verständigten sich unsere Vorfahren mit Zeigen, Gesten und kleinen Pantomimen, dann kamen willkürliche Lautfolgen hinzu. Weil sich die Sprachpioniere deren Sinn im gemeinsamen Tun regelrecht erarbeiteten, wurden sie schließlich von allen verstanden. Die Sprache machte dann die Zusammenarbeit effizienter, ein großer Vorteil in der Evolution.

Kann dieses uralte Pingpong von Machen und Sprechen, das jedes Kind in seiner Entwicklung nachspielt, auch Erwachsenen beim Sprachenlernen helfen? Das LSI in Bochum hat die Methode Total Physical Response ausprobiert – doch der Versuch scheiterte: Den Geschäftsleuten war das Herumgehampel zu kindisch. "Die sind kopfgesteuert, und so muss man sie auch unterrichten", sagt Manfred Frühauf heute. Dass die Manager sich genierten, ist aber nur ein Teil des Problems. Die eigentlichen Schwierigkeiten von Ansätzen wie TPR lägen tiefer, sagt der Sprachlernforscher Robert DeKeyser: "Erwachsene sind keine Kinder, deshalb können sie nicht wie Kinder lernen." Den großen Unterschied zwischen kleinen und großen Lernern macht offenbar das Bewusstsein. Kinder lernen, ohne es zu bemerken, "implizit" sagen die Lernforscher. Erwachsene können das kaum noch. "Deshalb brauchen ältere Lerner explizite Erklärungen", betont DeKeyser. Das mühelose Lernen bleibt damit ein Traum.

Dass dieser Traum Sprachschülern überhaupt in den Kopf gesetzt wird, darüber kann sich Manfred Frühauf richtig aufregen. Etwa über diese Werbung mit der hübschen Frau mit den Kopfhörern auf den Ohren: "Die rekelte sich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, daneben stand: ›Ich träume nicht, ich lerne.‹ So funktioniert das nicht!" Vokabeln müssten gepaukt, Satzstrukturen eingeschliffen werden.

Das hat auch der Ingenieur Joachim Zimmer gemerkt: "Vieles muss man einfach auswendig lernen. Das fand ich nicht so einfach, die Schule ist für mich halt schon eine Weile her." Natürlich hätte es noch mehr gebracht, wenn er abends ein, zwei Stunden länger Vokabeln gelernt hätte, meint Zimmer. "Aber irgendwann muss auch Schluss sein." Max Westerheide dagegen strotzt vor Tatendrang. In seinem Jahr in China will er auch die Schrift lernen, 1000 Zeichen hat er sich vorgenommen. "Drei am Tag, das ist doch kein Problem!"