Doch Lernfleiß, Zeitaufwand und selbst moderne Didaktik bringen wenig, wenn das Ziel fehlt. Warum lerne ich die Sprache überhaupt? Was will ich damit anfangen? Sich darüber klar zu sein ist sowohl für Schüler als auch für Lehrer wichtig: ohne Ziel keine Motivation und kein guter Lehrplan. "Das Wichtigste überhaupt ist, den Unterricht an Aufgaben zu orientieren", sagt Michael Long, Sprachlernforscher an der University of Maryland . So machen es das LSI und viele andere Sprachschulen und Lehrbücher inzwischen: Wie kaufe ich ein, wie verabrede ich mich mit jemandem, wie frage ich im Büro, ob jemand für mich angerufen hat.

Sprachkurse, die stur eine Liste grammatischer Strukturen abarbeiten, bringen nichts. "Grammatik des Tages" nennt Long das abschätzig: "Das läuft dann so: Ah, heute ist Mittwoch, da ist present perfect dran." Dass viele Lehrer, besonders an allgemeinbildenden Schulen, sich trotzdem lange darauf konzentrierten und es teilweise heute noch tun, liege auch daran, dass sie die Fremdsprache oft selbst nicht besonders gut beherrschten, meint der Wissenschaftler: "Bei starren Grammatikübungen können sie ihren Schülern immer einen Satz voraus sein."

Wenn aber der Lernstoff wenig mit dem Leben zu tun hat, geht es Sprachschülern ähnlich wie den Kindern gehörloser Eltern im Fernsehexperiment – sie begreifen wenig, und zu sprechen lernen sie kaum. "Eine Sprache zu lernen heißt doch, zu lernen, etwas mit Wörtern zu tun", sagt Long. Wer das Gelernte gleich anwenden kann, lernt deshalb besonders effektiv. Beim Sprachkurs im Ausland geht das natürlich am einfachsten, weil man gleich nach Unterrichtsschluss an der nächsten Ecke nach dem Weg fragen, mit der Verkäuferin im Laden nebenan die Preise diskutieren oder mit seinem Vermieter klären muss, wo das warme Wasser bleibt.

Doch ganz von selbst lernt es sich auch in Südfrankreich, Australien, Indonesien oder Malta nicht. "Im Ausland passiert nichts Magisches mit einem", sagt DeKeyser, der das Sprachenlernen fern der Heimat untersucht hat. "Man fängt sich eine Sprache ja nicht ein wie eine Krankheit oder Sonnenbräune. Üben muss man immer."

Und wer zu Hause lernt, kann fast genauso gute Fortschritte machen, meinen die meisten Wissenschaftler. Ob man nun in der Volkshochschule am Heimatort, per Internet oder mit einem Selbstlernprogramm die Grundlagen erwirbt – wichtig ist, selbst für Gelegenheiten zum Ausprobieren zu sorgen: amerikanische Fernsehserien gucken, spanische Bücher lesen, französische Chansons hören, in Internetforen auf Englisch diskutieren. Und sich vor allem jemanden suchen, der mit einem spricht, zum Beispiel einen Tandempartner.

Eine Lerntechnik aber favorisieren alle Sprachforscher, auch wenn sie sich sonst über sensible Phasen, Didaktik und Methoden streiten. Bei dem Verfahren kommt einfach alles zusammen, was für das Sprachenlernen wichtig ist: ein attraktives Ziel, Motivation, Training rund um die Uhr, reichlich Gelegenheit zur Anwendung und im besten Fall eine entspannte Lernatmosphäre. MPI-Direktor Wolfgang Klein sagt es scherzhaft so: "Suchen Sie sich jemanden, der die Zielsprache spricht. Und verlieben Sie sich."

So hat Julia Morgenstern Spanisch gelernt. Während ihres VWL-Studiums ging sie für mehrere Monate nach Chile und Ecuador, um Praktika zu machen. In einem Kurs an der Volkshochschule Köln eignete sie sich ein Grundgerüst an Vokabeln und Grammatik an, wirklich gelernt hat sie die Sprache aber erst, als sie Marco in Quito traf. Das war der ecuadorianische Mitbewohner, in den sie sich verliebte. Da Marco kein Deutsch und nur wenig Englisch sprach, blieb ihr nichts anderes übrig, als schnellstens ihr Spanisch zu verbessern. "Mit seiner Hilfe fiel mir das leicht, weil er mir geduldig zuhörte und extra langsam sprach", sagt sie.