ZEIT Wissen : Herr Kohr, wie geht es Lewis und Clark?

Knud Kohr : Lewis ist kürzlich zerbrochen, leider, da musste auch Clark ausgetauscht werden.

ZEIT : Lewis und Clark waren Ihre Gehstöcke.

Kohr: Ja. Ich hatte meine ersten Nordic-Walking-Stöcke vor einigen Jahren wegen der Krankheit gekauft und nach den beiden amerikanischen Entdeckern benannt, die 1806 den Landweg von St. Louis bis zum Pazifik erkundet haben. Meine neuen ständigen Begleiter heißen jetzt Lewis und Clark zwei.

ZEIT : Im Jahr 2003 begann Ihre Erkrankung. Sie konnten plötzlich das rechte Bein nur noch wenige Zentimeter heben, Untersuchungen ergaben anschließend, dass Sie an Multipler Sklerose erkrankt sind.

Kohr: Ich war damals 37 Jahre alt. Die Diagnose änderte mit einem Schlag alles.

Draußen vor der Arztpraxis setzte ich mich auf eine Treppenstufe. Die nächste Stunde saß ich zwischen den Hochhäusern am Potsdamer Platz und versuchte den Blicken der vorbeispazierenden Passanten auszuweichen. Ich gehörte nicht mehr zu ihnen. Das war mein erstes Gefühl, nachdem ich aus der Arztpraxis geflüchtet war. Ich gehörte nicht mehr zur übrigen Welt.
Auszug aus dem Buch "500 Meter: Trotz Multipler Sklerose um die Welt" von Knud Kohr

ZEIT : Für die meisten Multiple-Sklerose-Kranken ist selbst das Einkaufen eine Anstrengung. Sie dagegen haben seit der Diagnose fast ein Dutzend Reisen unternommen, haben das Death Valley durchquert und sind in Island über Lavafelder gelaufen. Wie ist das möglich?

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Kohr: Auch mir erscheint die nächste Querstraße von meiner Berliner Wohnung aus heute an schlechten Tagen so weit weg wie damals das andere Ende der Stadt. Ich würde einiges dafür geben, um meine Gehfähigkeit wieder zurückzubekommen. Die Krankheit schränkt mich im Alltag ein, und sie drückt auf mein Leben. Doch das hat mich von Anfang an auch angestachelt, trotzig gemacht. Ich wollte die Welt sehen, solange es noch geht. Also reiste ich, noch bevor der erste Schub abgeklungen war, nach Kanada. Die Probleme fingen schon am Flughafen an, als mich eine alte Dame fragte, ob ich ihre kleine Tasche tragen würde.

Das alte, mit Lederflicken verzierte Ding war wesentlich schwerer, als es aussah. Ich setzte es noch mal ab und holte ein wenig Schwung. Wuchtete es vom Boden hoch und beförderte es mit einem kleinen Halbkreis durch die Luft Richtung Gepäckwagen. Dabei verlor ich das Gleichgewicht. Die Tasche polterte zurück auf den Teppich und riss mich mit. Mein rechter Fuß suchte Halt und hakte dabei hinter dem linken ein. Ich fiel direkt vor der alten Dame auf die Knie.

ZEIT : Sie erfuhren bald, dass die Erkrankung sich nach dem ersten Schub nun langsam weiter ausbreiten würde. Und machten trotzdem weiter.

Kohr: Ja, ein paar Wochen später folgte eine Reise nach Mexiko. Aber ich ahnte schon, dass ich bald Gehstöcke brauchen würde. In Kanada reichte noch ein einzelner geschnitzter Stab, bald danach kaufte ich Lewis und Clark.

ZEIT : Die Stöcke waren nicht Ihre einzige Begleitung. Ihre Freundin und ein Fotograf waren auf vielen Ihrer Reisen auch dabei.

Kohr: Allein hätte ich es nicht geschafft. Die Beweglichkeit meiner Beine nahm immer mehr ab, und die Probleme nahmen zu. Ich musste auf immer mehr verzichten. Rannte der Fotograf in der blauen Stunde, kurz vor der Dämmerung, auf der Suche nach schönen Einstellungen und Motiven herum, konnte ich nicht mehr mitkommen. Ich blieb zurück. Aber anders als es zuerst schien, hatte das nicht nur Nachteile.