Wie man Holz schlägt, weiß José Aguiar. Flinken Schrittes bahnt er sich mit seiner Machete einen Weg durch das dichte Unterholz und kappt ohne Anstrengung hier einen Ast, da eine Liane. Vor einem gewaltigen Baum bleibt er stehen. Die Krone des Urwaldriesen ist weit oben im Blätterdach versteckt, übermannshohe Brettwurzeln verankern ihn im Boden. Aguiar mustert ihn mit Kennerblick: "Ein Pedra-Baum – gutes Holz für Möbel und den Hausbau." Fünf Minuten, sagt er, dann sei der Koloss mit der Motorsäge gefällt. José Aguiar weiß, wovon er redet: Er war Holzfäller. Aber jetzt rodet er keine Bäume mehr. Im Gegenteil, nun schützt er sie; so wie es die anderen 2000 Bewohner des Juma-Waldes im brasilianischen Amazonien tun.

Aguiar ist Mitstreiter eines Pilotprojekts der Umweltstiftung Fundaçaõ Amazonas Sustentável, also der Stiftung Nachhaltiges Amazonas (FAS). Hier im Urwald erprobt sie eine neue Idee: Die Tropenländer sorgen für einen wirksamen Schutz der Regenwälder, und die Industrieländer zahlen dafür. Für die Beteiligten sei das ein gutes Geschäft, sagt der Forstexperte Philip Fearnside vom Institut für Amazonasforschung (Inpa) in Manaus. "Wird die Abholzung reduziert, dann gelangt sofort weniger Treibhausgas CO₂ in die Atmosphäre, und diese Reduktion ist viel günstiger, als wenn die Industrieländer die gleiche Menge einsparen müssten."

In jedem Jahr werden weltweit etwa 100.000 Quadratkilometer Wald gerodet, weil viele tropische Waldflächen Platz machen müssen für Rinderweiden, Sojaäcker oder Palmölplantagen. Ein Großteil der Biomasse wird dabei verbrannt, dies trägt ein Sechstel zum globalen CO₂-Ausstoß bei. Doch das könnte sich bald ändern: Auf der internationalen Klimakonferenz von Cancún im Dezember ist der Waldschutz einer der wenigen Bereiche, in denen Fortschritte möglich sind.

Bewohner tropischer Wälder wie José Aguiar müssen dafür aber zuallererst verzichten: Sie dürfen keine Bäume mehr verkaufen, und sie dürfen keinen Wald mehr roden, um Äcker anzulegen. Das Pilotprojekt der FAS soll Aguiar und seinen Nachbarn aufzeigen, wie sie trotzdem von ihrem Wald leben können.

Raquel Luna ist die Koordinatorin des Projekts. Sie begleitet José Aguiar auf seinem Rundgang durch den Wald. Nach dem Pedra-Baum kommen sie an einer Stelle vorbei, an der, so scheint es, Dutzende aufgeschlagene Kokosnüsse im Unterholz liegen. Aber Palmen sind weit und breit keine auszumachen. "Das sind die Kapseln der Paranüsse", sagt Aguiar und bückt sich, um eine aufzuheben. "Wir sammeln sie und verkaufen sie an Händler." Die exportieren dann die vitamin- und mineralreichen Nüsse nach Europa oder in die USA.

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"Bisher haben die Leute von Juma wenig bekommen für die Nüsse", sagt Raquel Luna. "Sie haben sie ungetrocknet gelagert, sodass sie verschimmelten. Das drückte den Preis." Luna hat den Juma-Bewohnern gezeigt, wie sie die Nüsse trocknen können. Nun erzielen sie dafür den dreifachen Preis, und das Geschäft lohnt sich plötzlich. Dieses Beispiel veranschauliche das wichtigste Prinzip des Projekts, sagt Raquel Luna: "Wir müssen es schaffen, dass der Wald für die Bewohner mehr wert ist, wenn sie ihn stehen lassen, als wenn sie ihn fällen."

Das war bisher nicht so. Früher drehte sich in Juma alles um den Anbau von Maniok, einer stärkehaltigen Knolle. "Wir machen daraus viele Dinge", erklärt Aguiar. Zum Beispiel farinha de mandioca – Maniokmehl. Ohne farinha kommt hier kein Essen auf den Tisch. Die Menschen streuen es überall drauf, oder sie backen daraus tapioca, Brotfladen. Maniok mag eine Familie ernähren, sagt Aguiar, "aber Geld kann man damit kaum verdienen". Geld, um in Novo Aripuanã, dem nächstgelegenen Ort mit Geschäften, Milch zu kaufen für die Kinder oder Kleider.

Schon das Benzin für die Fahrt dahin mit dem Motorkanu bedeutet für die Waldbauern eine große Ausgabe. "Da ist es klar, dass man ein paar Bäume fällt und verkauft, wenn ein Kind an Malaria erkrankt und man kein Geld hat für die Medizin", sagt Aguiar. Luna übersetzt die Schilderung, ohne mit der Wimper zu zucken – sie hat Verständnis für Aguiars Situation: "Die Menschen roden den Wald ja nicht aus Dummheit oder Unwissenheit."

Genau diese wirtschaftliche Logik soll das Projekt nun umdrehen. Falls das gelingt, wäre es ein Beispiel auch für die anderen Tropenwaldregionen, sagt Forstexperte Fearnside. In Zukunft sollen solche Schutzmaßnahmen von den Industrieländern im Rahmen eines vertraglich geregelten Klimaschutzes bezahlt werden. "Dies wird ein starker Antrieb für die Regierungen der Tropenländer sein, die Abholzung zu vermindern", sagt Fearnside. Doch erst müssen Pilotprojekte zeigen, welche Schutzmaßnahmen tatsächlich funktionieren. Der Versuch in Juma wird privat finanziert von der Hotelkette Marriott, die damit ihren CO₂-Ausstoß kompensieren will. Das Engagement soll den Schutz eines Waldgebietes von der eineinhalbfachen Größe des Bundeslandes Bremen sichern. Wissenschaftler haben berechnet, dass der Juma-Wald andernfalls bis 2050 zu 60 Prozent abgeholzt würde – dabei gelangte eine Menge an CO₂ in die Atmosphäre, wie sie ganz Deutschland in drei Monaten produziert.