Die Situation wurde bedrohlich: Herr und Frau Kluge ( Namen geändert ) magerten immer weiter ab. Weil ihnen das Einkaufen und Kochen zu schwer fiel, hatte ihr Sohn Essen auf Rädern bestellt. Die Mahlzeiten aber stellten sie sofort in den Kühlschrank. Kam der Sohn sonntags vorbei, fand er darin die Mahlzeiten der ganzen Woche. Seine Eltern hatten sie vergessen.

Auch Frau Runge kam mit dem Haushalt nicht mehr zurecht. Deshalb hatte ihre Tochter dafür gesorgt, dass die Mutter morgens abgeholt und in eine Tageseinrichtung gefahren wurde. Doch das stresste die alte Dame: Aus Angst, unpünktlich zu sein, saß sie schon um Mitternacht in Hut und Mantel da.

Zwei Beispiele eines Leidens, das zwar schon lange bekannt ist, das der Wissenschaft aber noch immer Rätsel aufgibt. Die Diagnose: Demenz . Das Gedächtnis schwindet, und selbst die alltäglichsten Dinge können die Betroffenen irgendwann nicht mehr erledigen. Nicht nur für die Patienten, auch für viele Angehörige beginnt eine schwere Zeit.

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Bislang gibt es kein Mittel, das hilft. Doch Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchen mit Hochdruck, dem Leiden auf die Spur zu kommen. Sie erforschen die Ursachen, testen Medikamente und ergründen, wie man Demenz vorbeugen kann. Und sie untersuchen, welche nicht-medikamentösen Therapien und welche Umstände das Leben der Kranken erleichtern könnten. Von ersten, vielversprechenden Ansätzen profitieren auch Betroffene wie das Ehepaar Kluge und Frau Runge.

Die Zeit drängt: Demenz ist schon jetzt zur Volkskrankheit geworden – allein in Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen daran. Die Zahl wird noch schnell weiter steigen. Denn das Vergessen auf Raten ist vor allem eine Alterserscheinung – je höher die Lebenserwartung steigt, desto mehr Fälle gibt es.

Die am weitesten verbreitete Form der Demenz ist die Alzheimerkrankheit . Rund zwei Drittel der Betroffenen leiden an ihr, daher konzentriert sich auch die Forschung auf sie. Was sie auslöst, wer warum und wann an ihr erkrankt, all das ist bislang noch nicht geklärt. Dabei hat der Arzt Alois Alzheimer die Krankheit schon vor über 100 Jahren dokumentiert.

Seine Patientin Auguste Deter hatte 1901 plötzlich begonnen, ihren Mann zu beschimpfen, in der Wohnung zu randalieren und scheinbar mutwillig die Mahlzeiten zu verderben, die sie kochte. Bald konnte sie sich weder an den Namen ihres Mannes noch an den eigenen Nachnamen erinnern. Alzheimer begleitete die Patientin während ihrer letzten Lebensjahre und obduzierte nach dem Tod ihr Gehirn. Er fand die ungewöhnlichen Proteinklumpen, die heute als Amyloid-Plaques bekannt sind. Zudem hatten sich sogenannte Tau-Proteine bündelweise abgelagert. Bis heute kann man erst nach der Obduktion sicher sagen, ob es sich bei der Demenz um eine Alzheimerkrankheit gehandelt hat.

Auguste Deter war erst 51, als ihr Mann sie zu Alzheimer brachte. Eine derart frühe Erkrankung kam damals wie heute kaum vor; sie beruht wohl auf der äußerst seltenen erblichen Variante. Und 1910 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen gerade mal 47 Jahre; die meisten Menschen starben, lange bevor sie das Alter der besonders gefährdeten Hochbetagten erreichten. Deshalb interessierten Alzheimers Erkenntnisse seine Kollegen damals wenig.

Derzeitige Medikamente behandeln nur Symptome, nicht die Ursachen

Heute beträgt die Zahl der Kranken weltweit rund 35 Millionen, stellt der Alzheimer’s Disease Report 2010 fest. 2030 werden es voraussichtlich 66 Millionen sein. Schon jetzt kosten Pflege und medizinische Versorgung der Betroffenen der Studie zufolge 462 Milliarden Euro – das entspricht etwa der Wirtschaftsleistung der Türkei, die auf Platz 16 der weltweit größten Volkswirtschaften steht.

Die rapide steigende Zahl der Betroffenen hat der Suche nach Ursachen und möglichen Therapien Auftrieb gegeben. "Lange Zeit galt Alzheimer als geradezu exotische Krankheit, die entsprechende Forschung war das Kellerkind der Wissenschaft", sagt Ellen Wiese von der Alzheimer Forschung Initiative. "Erst seit den neunziger Jahren hat sich das geändert." Damals kamen die Acetylcholinesterase-Hemmer auf den Markt, die bis heute einen Grundpfeiler der medikamentösen Behandlung bilden. Sie unterstützen den Botenstoff Acetylcholin dabei, möglichst lange auch mit angegriffenen Hirnzellen den Kontakt herzustellen. Als Nächstes wurde vor rund zehn Jahren das Präparat Memantine zu gelassen. Es reguliert den Botenstoff Glutamat, dessen Ausschüttung durch den Umgang mit den defekten Zellen aus dem Lot gerät. Seither sind keine neuen Antidementiva mehr auf den Markt gekommen.

"Die derzeitigen Medikamente ermöglichen nur eine Behandlung der Symptome , nicht der Ursachen", sagt der Neurowissenschaftler Thomas Bayer von der Georg-August-Universität Göttingen. "Der Krankheitsprozess läuft dennoch unaufhaltsam weiter." Zwar kön- nen die Präparate unter Umständen bewirken, dass sich der Patient kurzfristig erholt. Doch nach rund einem Jahr ist sein Zustand wieder wie zu Beginn der Behandlung und verschlechtert sich dann weiter. Der Gedächtnisverlust wird also gebremst, aber nicht endgültig gestoppt – und schon gar nicht rückgängig gemacht. Vor allem in den USA und Europa suchen derzeit Tausende Wissenschaftler nach Mitteln gegen das Vergessen. Weil immer noch nicht klar ist, wie und warum die Veränderungen im Gehirn von Alzheimerpatienten entstehen, verfolgen sie ganz unterschiedliche Ansätze. "Die meisten Therapieverfahren in der Medizin wurden nur durch Ausprobieren entdeckt", sagt Timo Grimmer. "Erst im Nachhinein fand man die Antwort auf die Frage, warum sie eigentlich wirken." Der Psychiater behandelt Demenzkranke am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Allein wenn es gelänge, das spürbare Schwinden des Gedächtnisses um fünf Jahre hinauszuzögern, sei das ein großer Fortschritt, sagt die Erste Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein. Weil die allermeisten Patienten bereits sehr alt sind, würden sie dann den massiven Verfall ihres eigenen Erinnerungsvermögens nicht mehr erleben. "Wenn wir ganz weit in die Zukunft schauen, sehen wir Licht am Horizont", sagt sie. "In zehn Jahren wird es hoffentlich ein Präparat geben, das Heilung oder zumindest eine entschiedene Linderung der Symptome verspricht."

Auch wenn er die allermeisten seiner Patienten noch nicht heilen kann, empfiehlt Timo Grimmer vom Klinikum rechts der Isar eine gründliche Diagnostik, wenn das Gedächtnis plötzlich nachlässt. "Die Ursachen von Vergesslichkeit sind vielfältig und in manchen – allerdings seltenen – Fällen sogar reversibel", sagt er. So kann das, was als Demenz erscheint, in Wahrheit eine schwere Depression sein. Es kann aber auch eine Schilddrüsen-Unterfunktion dahinter stecken oder Syphilis oder ein Hirntumor. Oft beruht die Demenz auch auf einer Durchblutungsstörung im Gehirn, in deren Folge viele kleine unbemerkte Infarkte das Nervengewebe zerstören. Diese sogenannte vaskuläre Demenz tritt, nach der Alzheimerkrankheit, am zweithäufigsten auf. Sie erfordert eine gänzlich andere Therapie, die – etwa durch die Einnahme von Acetylsalicylsäure (besser bekannt als ASS) – die Blutversorgung aufrechterhalten und weitere Hirninfarkte verhindern soll.

Eine erste Diagnose kann der Hausarzt stellen. Untypischere Fälle überweist er dann an eine Spezialklinik oder eine der Gedächtnissprechstunden, die es inzwischen in vielen Städten gibt. Anhand von neuropsychologischen Tests kann man dort auch feststellen, in welchem Krankheitsstadium sich der Patient befindet: Manche Menschen wünschen sich eine möglichst fundierte Prognose, um ihre Lebensplanung darauf abzustimmen.

Wie früher im eigenen Haushalt erledigen die Bewohner viele Arbeiten selbst

Zudem wird man dort womöglich mithilfe der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) das Gehirn abbilden und feststellen, welche Areale nicht mehr richtig arbeiten. Dabei ermöglicht es ein neues Kontrastmittel, auch die Alzheimer-typischen Veränderungen mit einiger Sicherheit zu erkennen. Wenn es sich wahrscheinlich um eine Alzheimerkrankheit oder die Lewy-Körperchen-Demenz handelt, die von Beschwerden wie beim Morbus Parkinson begleitet ist und ebenfalls zu den häufigeren Formen zählt, verschreibt Timo Grimme die Antidementiva. "Es gibt aber auch nichtmedikamentöse Behandlungen, deren Effekt wahrscheinlich genauso gut ist wie der von Pharmaka", sagt er. Sie würden nur nicht so massiv beworben, weil keine Industrie dahinter stehe. Viel körperliche Bewegung, Hirnleistungstraining, wie es die Gedächtnisambulanzen bieten, oder auch Musiktherapie können die Beschwerden bessern. "Zudem müssen die Menschen die Gelegenheit haben, ihre noch vorhandenen Kompetenzen einzusetzen", sagt Grimme, und: "Ganz wichtig sind soziale Kontakte."

Alois Alzheimers Patientin Auguste Deter war nichts von alledem gegönnt. Sie musste ihre letzten Lebensjahre in einer Nervenheilanstalt verbringen, die damals einem Gefängnis glich. Heute ist klar: Wer vereinsamt, dessen geistiger Verfall beschleunigt sich. Das belegen verschiedene Studien, zuletzt vom schwedischen Karolinska-Institut .

Auch deshalb fördert der Staat inzwischen ein Konzept, das Demenzkranken ein menschenwürdigeres Leben ermöglichen soll – Frau Runge profitiert davon. Vor drei Monaten hat sie einen großen Schritt gewagt. Mit ihren 89 Jahren ist sie aus ihrer Wohnung in eine Wohngemeinschaft gezogen. Das Ehepaar Kluge lebt dort schon seit neun Monaten. Seither hat Frau Kluge wieder 15 Kilo zugenommen. Die drei haben vier weitere Mitbewohner, alle über 80.

Es ist bereits nach zehn Uhr, Frau Runge sitzt immer noch beim Frühstück. Bedächtig beißt sie von einem Käseschnittchen ab, nimmt dann eine Scheibe Apfel, kaut, lächelt, legt eine lange Pause ein. Frau Guthard blättert andächtig in einem Backbuch. Ihre Mitbewohner machen sich schon mal an die Arbeit. Herr Kluge ist heute mit dem Abwasch dran, seine Ehefrau assistiert mit dem Trockentuch.

Es gibt zwar auch eine Geschirrspülmaschine, aber die wird nur sonntags eingeschaltet – Arbeit muss sein. Frau Schäfer greift zur Schale mit den Kartoffeln, um sie fürs Mittagessen zu schälen. Blitzschnell umrundet das Küchenmesser die Knollen. Frau Kaiser verschwindet in ihrem Zimmer und kehrt mit dem Staubtuch zurück – jeden Tag sorgt sie dafür, dass nirgendwo in dem Gemeinschaftsbereich mit offener Küche auch nur ein einziges Stäubchen zu finden ist.

Wie früher im eigenen Haushalt erledigen die Bewohner viele Arbeiten selbst – jeder entsprechend seiner verbliebenen Fähigkeiten. Tagsüber helfen ihnen eine examinierte Altenpflegerin und eine gelernte Köchin. Spaziergänge unternehmen sie täglich, und auf dem Markt kaufen alle gemeinsam fürs Mittagessen ein. Nachts hält eine Pflegekraft Wache. Wer nicht schlafen kann, kann jederzeit kommen, um zu reden oder um einen Tee zu trinken.

Das Ehepaar Kluge und Frau Runge leben in einer ambulant betreuten WG. Sie zahlen Miete für ihr Zimmer und Essensgeld in eine gemeinsame Kasse. Den Pflegedienst haben ihre Angehörigen, die auch über Therapieangebote entscheiden, selbst ausgesucht. Anders als in stationären Wohngemeinschaften gibt es hier keinen Ver- mieter, der die Betreuung nach Tagessätzen abrechnet. Und anders als im Heim, wo sich Angehörige und Bewohner oft den Betreiber ausgeliefert fühlen, leben hier weniger Menschen.

Vor allem ist mehr freiwilliges Engagement gefragt

Natürlich sei eine ambulant betreute Wohngemeinschaft eine mögliche Antwort auf die Probleme, vor denen Demenzkranke und ihre Angehörigen stehen, sagt Reimer Gronemeyer. Wie lange so etwas aber noch finanzierbar ist, angesichts der steigenden Zahl von Kranken, das sei die große Frage.

Gronemeyer ist Soziologie-Professor an der Universität Gießen und Vorsitzender der Aktion Demenz , die sich für einen anderen Umgang mit der neuen Volkskrankheit stark macht. Angestoßen und finanziert von der Robert Bosch Stiftung, unterstützt die Aktion Städte und Gemeinden bei dem Ziel, zur "demenzfreundlichen Kommune" zu werden. Im ersten Schritt geht es darum, die Menschen zu sensibilisieren: die Verkäuferin etwa für die Probleme der alten Dame, die sie scheinbar beim Ladendiebstahl ertappt.

Vor allem aber ist mehr freiwilliges Engagement gefragt, damit die Gesellschaft der steigenden Zahl der Kranken gerecht werden kann. "Das Thema Demenz ist immer noch ein großes Tabu", sagt Gronemeyer. "Die Familien schämen sich, wenn ein Angehöriger erkrankt, und versuchen das Problem zu vertuschen. Doch in Wahrheit brauchen sie Unterstützung, sonst sind sie schnell mit der Pflege überfordert." Etwa 70 Prozent der Demenzkranken werden im Familienkreis gepflegt , häufig von der ebenfalls betagten Ehefrau. "Wir brauchen eine Wiederauferstehung der Nachbarschaftlichkeit", fordert er.

Reimer Gronemeyer fragt sich auch, was der Umgang mit der Erkrankung eigentlich über eine Gesellschaft aussagt. "Menschen mit Demenz sind Symbolfiguren der Langsamkeit. In unserem hochgradig beschleunigten Alltag fallen sie immer früher auf. Wer dazugehören will, muss fit und leistungsstark sein", sagt er. "Die Demenzkranken machen uns deutlich, dass sich hinter unserer Ellenbogen-, Konkurrenz- und Single-Gesellschaft letztlich eine große Einsamkeit verbirgt."