Erwachsene lernen also nicht unbedingt schlechter als Kinder – aber anders. »Bei Älteren funktioniert das implizite Lernen nicht mehr so gut«, sagt Eckart Altenmüller: Statt einfach auszuprobieren und wie nebenbei zu lernen, seien Erwachsene beim Bewegungslernen verkopfter, wollten erst verstehen, was sie da tun. »Manchmal beneide ich die Kinder von Freunden, wenn die völlig unbefangen vor sich hin klimpern«, sagt die Klavierschülerin Sabine Brandhofer, die auch nach sechs Jahren oft noch mit den Noten kämpft. Das sei nicht ungewöhnlich, meint Reinhild Spiekermann, die erwachsene Musikschüler und deren Lehrer über den Lernprozess befragt hat. »Erwachsene lernen nicht so linear wie Kinder, bei denen in der Regel ein Schritt nach dem anderen kommt. Erwachsene bauen ja immer auf anderen Erfahrungen auf, bei Bewegungen ebenso wie beim Lernen selbst. Deshalb ist der Lernprozess viel flexibler: Manchmal kommt nach Schritt A gleich Schritt C, manchmal stagniert der Prozess aber auch.«

Selbst einschlägige Erfahrungen sind keine Garantie dafür, dass das Lernen später einfacher ist. Auch Sabine Brandhofer konnte schon einmal Noten lesen – als sie im Grundschulalter Geige spielte. »Das war völlig weg, als ich mit dem Klavier angefangen habe«, bedauert sie. İlhan Mansiz weiß zwar, wie diszipliniert man für Höchstleistungen trainieren muss, hat Bewegungs- und Koordinationsgefühl – doch sonst kann er aus seinem früheren Sport nicht viel für das Eiskunstlaufen gebrauchen.

Aber selbst wenn er stattdessen auf Handball umschulen würde: Ob Menschen, die Geige spielen, es auch am Klavier leichter haben, ist bisher kaum untersucht, ebenso wenig, ob Handballer sich mit Basketball leichtertun. Auch über Wiedereinsteiger weiß man bisher kaum etwas. »Vermutlich hängt das unter anderem damit zusammen, wann und wie man etwas gelernt hat und wie viel Praxis man hatte. Je automatisierter etwas war, desto leichter erinnert man sich«, sagt Altenmüller. Das Fahrrad- oder Skifahren kommt auch deshalb bei vielen Menschen relativ schnell zurück, weil es nicht so komplex ist wie Autofahren oder ein Instrument zu spielen.

In den meisten Fällen aber braucht es eben seine Zeit, neue Bewegungsabläufe zu verinnerlichen – erst recht als Erwachsener. »Es fällt mir oft schwer, mit meiner Ungeduld umzugehen, Eiskunstlauf ist sehr vielfältig, man braucht Athletik, Technik und Beweglichkeit und muss alles einzeln und nacheinander trainieren – mir geht das oft nicht schnell genug«, sagt İlhan Mansiz.

Sabine Brandhofer hat die Erfahrung gemacht, dass sie zwar zunächst gut vorankam, dann aber auf der Stelle trat. »Das Lernen geschieht in Stufen – man macht Fortschritte, dann stockt es, und man denkt sich: Was ist denn jetzt los? Aber irgendwann geht es doch wieder weiter«, sagt sie.

Die Wissenschaft bestätigt ihre Beobachtung: Gewöhnlich steigt die Lernkurve erst steil an und wird dann immer flacher – am Anfang macht man große Sprünge, dann aber kommt Qualität vor allem durch Qual. »Wir haben das für Golf untersucht: Nach zehn Übungsstunden und etwa 300 Golfschlägen haben Anfänger ein ordentliches Niveau erreicht. Wer dann noch besser werden will, muss sehr viel trainieren«, sagt Markus Raab, Geschäftsführer des Instituts für Leistungspsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, der über motorisches Lernen forscht.

Neue Bewegungen zu lernen ist das eine, wirklich gut zu werden das andere: Das geht nur mit viel Training. Und Spitzenleistungen in Musik oder Sport, da sind sich die Wissenschaftler einig, sind für späte Anfänger eigentlich außer Reichweite. Nicht weil Kopf und Beine nicht mehr mitspielen würden, sondern weil die Spätstarter den Vorsprung derer, die schon im Kindesalter angefangen haben, nie mehr aufholen können.