Die Macht der ersten Begegnung

Rainer Seehase und Gerhard Niemeier sind Freunde fürs Leben. Schon als Kinder haben sie zusammen unter den Kirschbäumen im Garten gezeltet und sind auf der Hamburger Alster gerudert. Sie gründeten einen Mickymaus-Club und teilten ihre Comichefte, heute haben sie einen Segelverein und ein gemeinsames Schiff. "Es gibt niemanden, der mich so lange kennt wie Gerhard", sagt Rainer Seehase. Die beiden trafen sich an ihrem ersten Schultag in Hamburg vor fast 60 Jahren, von da an saßen sie in der Klasse nebeneinander.

Ein Zufall, aber er könnte erklären, warum sie Freunde wurden. Denn oft reicht die physische Nähe von zwei Menschen, damit zwischen ihnen eine Freundschaft entsteht. Das fand der Psychologieprofessor Mitja Back von der Universität Mainz in einer Studie heraus. Nach dem Zufallsprinzip wies er Studienanfängern in der ersten Vorlesung einen Platz im Hörsaal zu. Erstaunlicherweise beeinflusste die Sitzordnung in dieser einen Veranstaltung die Entwicklung von Freundschaften: Personen, die zufällig nebeneinandergesessen hatten, waren ein Jahr später stärker miteinander befreundet als Kommilitonen, die voneinander entfernt gesessen hatten. "Menschen bewerten andere spontan positiv, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe befinden", sagt Back. Er geht davon aus, dass Personen, die einmal zufällig neben uns gesessen haben, zugänglicher erscheinen und wir sie auch in anderen Situationen eher ansprechen.

Erstsemestervorlesungen sind wie gemacht für die Feldstudien der Freundschaftsforscher – wo sonst findet man so viele Menschen, die neue Freunde suchen? Auch Jaap Denissen von der Humboldt-Universität zu Berlin hat dort die Freundschaftsanbahnung beobachtet. Seine Ergebnisse wecken Zweifel an dem Sprichwort "Gleich und Gleich gesellt sich gern". Danach spielt es keine Rolle, ob uns jemand wirklich ähnlich ist – es reicht, dass wir ihn als ähnlich wahrnehmen. Wer einen anderen, verglichen mit sich selbst, für ähnlich gewissenhaft, offen, extrovertiert, verträglich oder ängstlich hält, freundet sich eher mit ihm an. "Mit der Wirklichkeit deckt sich diese Wahrnehmung aber oft nicht", sagt der Psychologieprofessor.

Berechnung spielt ebenfalls eine Rolle, hat die Studie gezeigt: Wir suchen unsere Freunde auch danach aus, was wir uns von ihnen versprechen. Wie nützlich Studenten ihre Kommilitonen zu Beginn des Semesters einschätzten, hatte Einfluss darauf, mit wem sie sich anfreundeten. In erster Linie galt das für emotionale Bedürfnisse, erklärt Denissen: "Wie gut wird eine Person mich trösten oder amüsieren können? Kann sie eine wohlige Stimmung schaffen?" Deshalb seien extrovertierte Personen als Freunde grundsätzlich interessanter. Sie sind geselliger und gesprächiger, strahlen mehr Wärme aus. "Von ihnen versprechen wir uns, dass sie die Sache mit der emotionalen Hilfe besonders gut hinkriegen."

Sogar ganz pragmatische Erwägungen spielen eine Rolle – ob jemand uns bei Reparaturen helfen kann oder wichtige Informationen parat hat. "Die Leute haben da durchaus eine berechnende Herangehensweise", sagt Denissen. Das mag zwar unromantisch sein, überraschend aber ist es nicht. "Man muss ja mal evolutionär die Frage stellen, warum es Freundschaften gibt", sagt Denissen und verweist auf das harte Leben unserer Vorfahren. "Da ist es plausibel, anzunehmen, dass Freundschaften auch ein Mittel sind, um uns gegenseitig in schwierigen Situationen zu helfen."